Jahrgang 
2 (1858)
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ſpannte der Maler ein gewaltiges Stück Leinwand in den Rahmen und malte ſich in coloſſaler Größe die preußiſche Flagge. Tags darauf ſchon wehte auf Kretſch⸗ mers Barke der preußiſche Adler, bewaffnet mit Scepter und Reichsapfel; die ägyptiſchen Gensdarmen fuhren ſcheu vor den fürchterlichen Fängen des gekrönten

dlers zurück, und am dritten Tage flatterte zum erſten Male die preußiſche Flagge üͤber den Wogen des Nils, und ein preußiſcher Landwehrmann befehligte zum erſten Male auf dem alten weltberühmten Strome ein preußiſches Schiff, deſſen Beſatzung außer dem Maler, Omar und dem Rais 12 Matroſen waren.

Die Reiſe ging, obgleich ſtromaufwärts, ſchneller als man geglaubt hattez denn die Ruderer waren gewandt und ruderten je länger je beſſer, und alle Tage rundeten ſich ihre Körper mehr, je länger ſie von ihrem neuen Befehlshaber gepflegt wurden.

Die armen Kerle waren gar verhungert geweſen; dafür hätten ſie nun aber auch ihr Leben für ihren neuen Bey, wie ſe den Maler nannten, gelaſſen. Lieber Gott, mit wie Wenigem kann der Menſch durchkommen, wenn er mäßig zu leben gewohnt iſt! Einige Hände voll dicken Reis ſtillten den Hunger der Schiffer fuͤr den ganzen Tag, und gab ihnen Kretſchmer einmal ein am Ufer

ekauftes Böcklein zum Beſten, das ſie freilich in wenigen Minuten verſpeiſten, 3 wußten die Leute nicht, welche Segenswünſche ſie ihrem neuen Admiral ſpenden ſollten.

Es waren die heißeſten Sommermonate, Juni und Juli, und die Hitze unerträglich, faſt täglich bis 40° nach Reaumur. Das Baden im Nilſtrom war die einzige Erquickung und dieſe mußte mit großer Vorſicht angeſtellt werden, der vielen abſcheulichen Krokodille wegen, die im Waſſer umherkreuzten. Die Barke wurde alsdann unter Flintenſchuͤſſen dem Ufer genähert; nur zwiſchen Ufer und Kahn war das Baden möglich, nicht mitten im Strome. Dagegen gewährte das Nilwaſſer getrunken einen großen Genuß. Kretſchmer war anfangs geneigt, zu glauben, es ſei künſtlich bereitetes Waſſer; es hatte etwas unbeſchreiblich angenehmes und wohlthuendes für den Geſchmack, daß unſer Maler Champagner zu trinken wähnte. Die Aegypter ſelbſt finden es außerordentlich koſtbar, daß ſie trotz aller Hitze Salz eſſen, um ſich immer mehr zum Trinken zu reizen. Man kann dort Leute ſehen, welche drei Waſſereimer davon täglich trinken, ohne ſich beſchwert zu fühlen; ja ſie pflegen vom Nilwaſſer zu ſagen: hätte Muhamed davon getrunken, ſo würde er Gott gebeten haben, ihn nicht ſterben zu laſſen, um das Waſſer forttrinken zu können. Und wenn die Aegypter die Wallfahrt nach Mekka unternehmen, ſprechen ſie nur von dem Vergnügen, welches ſie bei ihrer Rückkehr im Genuſſe des Nils finden werden; nichts läßt ſich mit dieſer frohen Ausſicht vergleichen; ſie gilt ihnen höher als die, ihren Familienkreis wiederzuſehen.

Die Ufer des Nils bieten keine maleriſchen Anſichten dar; ſie ſind flach und eben und nur in den nächſten Begrenzungen angebaut. In einiger Ent⸗ fernung vom Fluſſe gewahrt man den Anfang der Sandwüſten, welche ſchon Tauſende von Meilen bedeckt haben und auch die kleinen Strecken fruchtbaren Bodens immer mehr zu verſchlingen drohen. In weiter Ferne zeigen ſich, wie blaue Wolken am Horizonte, Gebirgszüge, nur ſelten nähern ſich einzelne Fels⸗ gruppen dem Ufer; es ſind dies die Steinbrüche, aus denen man die rieſigen Blöcke zu den Pyramiden und Tempelkoloſſen hernahm, und in denen ſich un⸗ zählige Grabhöhlen befinden.

Die Reiſe war ſehr einförmig geweſen; denn die arabiſchen monotonen Gebete der Schiffsleute ertönten fünfmal des Tages und blieben ſich immer gleich, ebenſo ihre Waſchungen, und nur die Jagd auf einen rothen Ibis, der im Ge ſchilf den Schlangen nachging, oder auf ein Krokodill, von dem die Kugeln abzuprallen ſchienen, bot eine ſeltene Kurzweil dar. Dann und wann ward an's Land geſtiegen, um Milch und Bier oder einen Bock für die Leute zu kaufen, oder einige Hühner, an denen Aegypten den reichſten Segen hat, einzufangen.