— 307—
da führte der, der die Herzen der Menſchen lenket wie die Waſſerbäche, Rath und Hilfe in Ducornet's Hütte.
Abend war's, und unter dem Schein, den die Glaskugel auf den Schuſter⸗ tiſch warf, ſaß der Meiſter Ducornet in dem niedern Stübchen. Ihm zur Seite, von derſelben Beleuchtung profitirend, ſaß ſein Weib, den Hanf vom Rocken herab in Fäden drehend. Nicht weit aber von den Eltern, die letzten Streifen des Kugellichtes benutzend, ſaß der Krüppel Cäſar und malte Buchſtaben mit den Füßen auf ein vergilbtes Papierblatt.
Da klopft es an der Thür, und herein tritt, freundlich guten Abend bietend, Herr Dumoncel, ein alter Schreiblehrer, eine treue biedere Seele, mit einem warm theilnehmenden Chriſtenherzen. Der Alte will nach einem beſtellten Stücke Arbeit fragen, und nähert ſich dem Platze, auf dem der originelle Scribent kauert.
Und was macht der Kleine da? fragt Herr Dumoncel.
Ich ſchreibe, iſt Cäſars Antwort, indem er die großen, ſchwarzen Augen zum Fragenden emporrichtet.
Du ſchreibſt? Nun ſo zeige deine Schrift, mein Lieber, erwiederte der Alte, um dem unglücklichen Kinde und ſeinen Eltern einen Beweis ſeiner Theil⸗ nahme zu geben.
Dumoncel nahm das Blatt, welches das Kind, behend zwiſchen die Zehen faſſend, ihm darreichte.
Mein Gott, dieſe Schrift von dieſem Kinde! rief ſtaunend Dumoncel. Dieſe ſchönen, feſten, accuraten Buchſtaben mit den Füßen gemacht; wie iſt das möglich? Meiſter Ducornet, in dieſem Kinde liegt Etwas verborgen. Bitte, gebt mir den Knaben in meinen Unterricht,— er ſoll ihn unentgeltlich haben. Ich will mich ſeiner um Gottes und um deß Willen annehmen, der, was wir ſeiner Geringſten Einem gethan, ſo anſehen will, als ſei es ihm ſelbſt geſchehen.
Freudenthränen glänzten da in den Augen der Eltern. Dem menſchen⸗ freundlichen Schreiblehrer die Hand drückend, ſprach der Vater: Lieber Du⸗ moncel, wir wollen euer Anerbieten annehmen. Können auch wir euch nicht lohnen, ſo mag es Gott thun.
Laßt das nur gut ſein, ſprach der Schreiblehrer, und bringet mir morgen euer Kind. Damit wünſchte er einen guten Abend und ging.
Cäſar ſah mit freudeſtrahlenden Augen ſeinem künftigen Wohlthäter nach und err Ich will's ſchon lernen und brav ſein, ihr ſollt ſehen, Herr Du⸗ moncel!
Am andern Tage wanderte Meiſter Ducornet, ſein Kind auf dem Rücken, der Wohnung Dumoncel's zu, und noch am ſelben Tage ſaß Cäͤſar als Schüler zu des Schreiblehrers Füßen.
Und der hatte denn auch wirklich ſeine Freude an ihm. Es dauerte nicht lange, ſo hatte der armloſe Knabe ſeine Altersgenoſſen nicht allein erreicht, o nein, ſelbſt viel ältere Knaben, die beſſern Schüler Dumoncel's, hatte er überholt.
lens Tages nun muſterte der Schreiblehrer die Hefte ſeiner Schüler. Plötzlich trat er, mit Cäſar Ducornets Heft in der Hand, ſinnend in die Niſche eines Fenſters. Er ſah das Heft an, und ſah es wieder an.
Wer hat dieſe Figuren gezeichnet? fragte er, die Schüler im Kreiſe ſcharf anblickend.
Schüchtern und mit bebender Stimme, als ob er Tadel, oder gar eine Strafe erwarte, meldete ſich unſer Cäſar.
Du, lieber Cäſar? ſprach freundlich der Lehrer. Nun gedulde dich, du ſollſt mehr lernen als Schreiben. Dein Pfund, was dir der Herr gegeben, ſoll nicht in die Erde vergraben, ſondern verzinslich angelegt werden,— du ſollſt ein Maler werden!
O daß es doch mehr ſolcher Dumoncels gäbe, unter den Lehrern beſonders,
20*


