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Wenn das ganze Parlament in ein brauſendes Gelächter ausgebrochen wäͤre— was ge⸗ wiß bei Vielen der Fall war— es ſollte uns nicht wundern.
Der aber, der den ſo ſuperklugen Einwand gemacht, ſchwieg belaſtet von dem Gewichte ſeiner Dummheit..
Es kamen im Parlamente, zur Schande Englands, noch allerlei Geſchichten vor, die ich nicht erzählen will, weil ſie zu abgeſchmackt ſind.
Stephenſon blieb feſt und das Parlament gab endlich die Erlaubniß— aber die Unter⸗ nehmer mußten dafür die ungeheure Summe von 30,000 Pfund Sterling bezahlen.
Und dennoch folgte ihm Hohn und Spott, und das thaten die, welche für die Erſten des engliſchen Volkes gelten und ſein Beſtes berathen!
Wer denkt dabei nicht unwillkührlich an das, was Columbus ſeiner Zeit in Salamanca erlebte?(Siehe das Büchlein: Von dem, der uns den Weg nach Amerika zeigte.)
Aber wenn die Dummheit ausſtirbt, geht die Welt unter!
Stephenſon hatte die theuere Erlaubniß errungen. Nun galt es, die zahlloſen Schwierig⸗ keiten, welche Sümpfe, Höhen, Felſen und andere natürliche Hinderniſſe bereiteten, zu überwinden.
Nur ein ſo reicher und erfinderiſcher Geiſt, nur eine ſo völlige Hingabe an das Unter⸗ nehmen, nur eine ſo unverwüſtliche Ausdauer und nicht zu erſchütternde Ruhe, wie ſie Stephenſon beſaß und bewährte, war im Stande, das ſo vielfach ſchwierige, ſo allſeitig angefochtene Meiſter⸗ werk zu vollenden...
Er vollendete ſein Werk zur Demüthigung aller Gegner und Feinde, und als er ſeinen Dampfwagen, den er„Rockit“ nannte, auf die Bahn ſtellte, fuhr er mit demſelben dreißig engliſche Meilen in einer Zeitſtunde!
Wie ſtand's nun?.
Sie hatten bezweifelt, ja Viele wollten darauf leben und ſterben, daß er nicht zehn Meilen in einer Stunde fahren könnte. Jetzt hatte er einen unermeßlichen Sieg errungen.
Auch die erbittertſten Gegner ſchwiegen und ahneten, welcher Geiſt in dem„unſtudirten Manne“ ſaß.
Der edle Mann, der ſchon im Parlament mit ſeiner„Kuh“ abgefahren war, wagte es nicht, den Mund aufzuthun.
Am 15. September 1830 wurde die Bahn eröffnet. Leider bezeichnete dieſen Tag ein be⸗ klagenswerthes Unglück, der Miniſter Huskiſſon gerieth durch Unvorſichtigkeit unter die Räder und fand ſeinen Tod.
Doch auch dies traurige Ereigniß konnte keinen Schatten auf Stephenſon werfen und warf ihn nicht auf ihn. Vielmehr waren alle Vorurtheile niedergeſchlagen.
Die beiden hohen Herrn, die Lords Derby und Sefton, die die Bahn nicht durch ihre großen Güter hatten fahren laſſen und Stephenſon unſägliche Schwierigkeiten bereitet hatten, ſtanden nun da, nicht bloß beſchimpft vor der Welt, ſondern des Vortheils beraubt, welchen die Eiſenbahn ihren Gütern hätte bringen können, und um das Unglück für ſich abzuleiten, bewirkten ſie den Bau einer zweiten Eiſenbahn und leiteten ſie gerade durch ihre Güter!—
Wie durch und durch wahr und richtig Stephenſons Rechnung und Urtheil war, erwies ſich dadurch, daß beide Bahnen, vollkommenen Ertrag liefernd, neben einander beſtehen.
Jedenfalls aber hatte Stephenſon mit ſeiner Bahn bereits den Rahm von der Milch abge⸗ ſchöpft, als die Anderen mit der Ihrigen hinten nachkamen.
Stephenſons Sieg und Triumph lag vor. Er war nicht abzuleugnen und dennoch blieben die Herren auf ihrer Abneigung, ſicherlich mehr darum, um ſich gleich zu bleiben— denn inner⸗ lich mußten ſie ſeinem Geiſte Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.
Sein erbittertſter Gegner war der Obriſt Sibthorp.
Ich nenne den Namen, weil er zur allgemeinen Kenntniß kommen muß als Beiſpiel der unſinnigſten Verblendung und Dummheit.
Stephenſon lächelte dazu. Er war zu gut, um ihn zu haſſen, und zu gebildet und ein⸗ ſichtsvoll, um ihn nicht zu bemitleiden— oder über ihn zu lachen, was Tauſende thaten, in deren Munde Stephenſons Ruhm lebte. Ihm genügte es, ſein Werk vollendet zu haben und ſeinem Herzen that es wohl, daß von da an bis zu dem Jahre 1840, wo Stephenſon ſich von allen öffentlichen Arbeiten und Unternehmungen zurückzog, um den Abend ſeiner Tage in ländlicher Ruhe und Zufriedenheit zu verleben, keine Eiſenbahn in England gebaut wurde, ohne ihn, ohne ſeinen Rath, ſeinen Beiſtand und ſeine Hülfe. Das engliſche Volk ehrte ihn und hielt ihn hoch.:
Dreißig Jahre, nachdem er Arbeiter in einer Kohlengrube zu Neweaſtle geweſen war, machte er, als reicher und hoch angeſehener und verehrter Mann, die Reiſe von dieſer Stadt nach London in neun Stunden und ihn zog eine von ihm erbaute Locomotive!
Welches Frohgefühl muß da ſein Herz bewegt haben?—
Jetzt kam die Zeit der Ehren. In Liverpool errichteten ſie ſein Standbild und die Vor⸗ ſteher der Stadt baten ihn, ihnen die Ehre zu erweiſen, das Bürgerrecht anzunehmen, das ſie ihm mit großem Glanze überbrachten.— Chrenbezeugungen hielt er nicht hoch.
Der König von Belgien gab ihm einen Orden— den er nie trug.


