— 298
der Welt darzubieten zu Kleidungsſtücken und jeglichem anderweitigen Gebrauche? Wem wäre es unbekannt, daß unermeßliche Mengen von Zentnern dieſes Roh⸗ ſtoffes hier durch die Kunſt der Menſchenhand, aber mehr noch durch das Räder⸗ und Hebelwerk der Maſchine verarbeitet werden? Und alle die Rohſtoffe zu der vieltauſendfachen Thätigkeit mußte von der Hafenſtadt Liverpool, wohin ſie die Kauffahrteiſchiffe brachten, nach Mancheſter gebracht werden und, wie auch Alles aufgeboten wurde, raſch die Rohſtoffe hinzuliefern— es war unzulänglich, der Verbrauch war unendlich größer, als der herbeigeſchaffte Rohſtoff. Es war ſtets Mangel daran, und welche Nachtheile für die Fabriken daraus entſtanden, iſt leicht zu faſſen. Kanäle und treffliche Landſtraßen waren da, aber das Alles blieb dennoch weit hinter dem Bedürfniß zurück.
Eiſenbahn und Dampfwagen! ſagte der ſtets klar denkende Stephenſon, das allein befriedigt und reicht aus! Die Koſten werden groß, aber nicht viele Jahre, und Alles iſt gedeckt und der Profit da! Die Schnelligkeit hebt Alles auf! Sie erſetzt ſchnell alle Koſten.—
Was Stephenſon in Killingworth mit ſeiner Maſchine erzielt, war im Kleinen der Anfang, aber der Beweis war geführt, und daſſelbe im Großen herzuſtellen zwiſchen dem Seehafen von Liverpool und Mancheſter lag ſonnenklar vor ſeinem Geiſte und das, was ihm klar war, wußte er auch Andern klar, faßbar und begreiflich zu machen. Der Blitz zündete und eine Geſellſchaft trat zur Ausführung zuſammen. Stephenſon ſah ſein Ziel nahe vor ſich— aber noch hatte er es nicht erreicht. 4
Wir wiſſen es Alle, daß der Anlage einer Eiſenbahn die Vermeſſung der Bahnſtrecke durch Feldmeſſer vorausgehen muß. Es ſind da die Unebenheiten des Bodens, der Wege, Gewäſſer und Alles zu berückſichtigen, was Schwierig⸗ keiten bereitet; auf ebenem Lande iſt es eine leichte Sache. Das Land iſt aber nicht überall eine Ebene.
Alſo die Feldmeſſer begannen unter Stephenſon's Leitung ihre Arbeit; aber da hätte man den Lärm hören ſollen! Das Volk war raſend. Während ihrer Arbeit begleiteten ſie ganze Haufen ſchreienden, fluchenden, ja ſogar ſie miß⸗ handelnden Geſindels. Stephenſon's Name wurde fluchbelaſtet. Er ſelbſt ein Gegenſtand der Volkswuth; allein es war nicht bloß das Geſindel der Straße, das hier aus ſich heraus oder aufgeſtachelt von Andern, die dahinter ſtanden, handelte, auch die Farmer oder Bauersleute, die auf Pacht⸗ oder eigenen Gütern wirthſchafteten, ja die hochadeligen Grundherren, die Lord's, deren große Güter die Bahn berührte oder durchſchnitt, waren es, welche das Feuer der Gährung und des allgemeinen Widerwillens nährten und ſchürten.
Ihre Inſtrumente wurden zerſchlagen, ſie ſelbſt von den wüthenden Volks⸗ haufen verjagt. Man ſah das Unternehmen als ein Werk des Teufels an, und prophezeihte Peſt und Verderben, als deren unabweisbare Folge. So kam es dahin, daß zu Stephenſons Schmerz das Unternehmen in's Stocken gerieth.
Es war indeſſen doch ein Samenkorn geweſen, das in fruchtbare Erde gefallen war und Sonnenſchein und Regen mußten es einmal wieder wecken und zum Keimen, Grünen und Blühen bringen.— Das ahnete Stephenſon und ſah es im Geiſte voraus; aber auch für ihn perſönlich blieb die Sache nicht ohne Folgen. Ein hochgeſtellter Mann, der Geiſt und Einſicht beſaß, ſah ſeine Maſchine in Killingworth und erkannte es, welche Perle dieſer Mann war. Er veranlaßte es, daß Stephenſon bei dem Ingenieuramte der Stockton⸗ Darlingtoner Eiſenbahn ſofort mit einem Gehalte von 300 Pfund Sterling (etwa 3 bis 4000 Gulden) angeſtellt wurde. Dieſer Mann hieß Peaſe. Als ihm Stephenſon ſeine Anſichten auseinandergeſetzt, ging er, der reich und ein⸗ flußreich war, ſogleich auf den Plan ein, in Newcaſtle eine Fabrik für Dampf⸗ wagen oder Locomotive zu errichten, zu der Stephenſon den Geiſt und die Einſicht und Peaſe das Geld gab. Damit war die erſte eigentliche Dampf⸗ maſchinenwerkſtätte gegründet, der in allen Theilen Europa's ſeitdem ſo viele Hunderte gefolgt ſind, die alle vollauf zu thun haben.


