Jahrgang 
1 (1858)
Einzelbild herunterladen

296

Das iſt der mächtige Unterſchied, den die Stellung in der Welt leider egen das beſcheidene Verdienſt des Niedriggebornen ſo häufig bemerken läßt!

lu wieder ein Beweis mehr, wie es um die Gerechtigkeit in der Welt ſteht. Nur wer ſich geltend zu machen verſteht, gilt Etwas!

Dennoch war Stephenſon's Name durch ſeine beiden hochwichtigen Erfin⸗ dungen weit über die Grenzen ſeiner nächſten Umgebungen hinaus gedrungen, und ſeine häuslichen Verhältniſſe waren aus dem tiefen Geleiſe der Armuth herausgehoben; aber er blieb der anſpruchloſe, demüthige Mann, der nicht glänzen, nur nützen wollte; der ſich ſelbſt da zurückzog, wo es galt, mit Po⸗ ſaunen den Ruhm in die Welt hinaus zu verkünden. Er ſaß an ſeinem Ar⸗ beitstiſche, in ſeiner beſcheidenen Wohnung, zirkelte, zeichnete, rechnete, maß, grübelte und fand.

Das war ſeine Aufgabe, ſein Ziel, und jedes gewonnene Ergebniß war eine neue Sproße auf der Leiter zum Größeren, das Fundament, darauf er neue Bauten in ſeinem Geiſte aufführte, die, bei ſeiner Kenntniß und Denk⸗ weiſe, keine luftigen Gebilde der Einbildung waren, ſondern immer Erfindungen und Verbeſſerungen, die von eingreifendem Erfolge und entſchiedener Nützlich⸗ keit waren.

Sein Dampfwagen oder wie man ſie heute nennt, ſeine Locomotive, war ſein Schooßkind, ſeine Liebe; ihn ſo nützlich als möglich zu machen, der Ge⸗ danke, mit welchem er einſchlief und aufwachte.

Mit einem wahrhaft prophetiſchen Geiſte ſah er die Erfolge voraus, die er, vielleicht erſt nach ſeinem Tode, haben, die gänzliche Umänderung, die er im Handels⸗ und Weltverkehre haben müße. Das waren Vorſtellungen, die ſein Herz erfreuten.

Aber das Unglück blieb ihm in dem Kreiſe, der das Herz ſo innig be rührt, nicht fern.

Seine gute, treue, geliebte Fanny ſtarb. Das beugte den ſtarken Mann tief; das traf ihn im Lebensmarke, und drohte ſeine geiſtigen Kräfte für lange Zeit zu lähmen.

Arbeit iſt immer ein Segen, aber ſie iſt in ſchweren Prüfungsſtunden auch eine Arznei, ein Troſt, der wirkſamer iſt, als die Troſtgründe, die uns wohl⸗ wollender Freunde treue Worte zuführen.

In dieſer Zeit beſchäftigte ſich Stephenſon mit leichteren Arbeiten. Er reiſte auch viel im Lande umher und machte vorzügliche Sonnenuhren, die ſehr geſucht waren; fertigte Compaſſe und andere Inſtrumente, die er gut ver⸗ kaufte und gewann mit dem reichſten Troſtquell, den ihm ſein chriſtlicher Glaube gab, ſeine Ruhe, die ſtille Ergebung in den heiligen Willen des Herrn wieder. Und mit dieſem großen Gewinne wandte er ſich auch wieder ſeiner großartigen Thätigkeit zu. Einen Sohn hatte ihrn ſeine gute Fanny geſchenkt, der vom Herrn auch mit reichen Gaben geſegnet war.

Stephenſon dankte Gott, daß er in den Verhältniſſen nun war, daß er dem Sohne eine gelehrte Bildung auf den Schulen ſeines Vaterlandes konnte geben laſſen. Und wieviel mußte der Sohn gewinnen im belehrenden Umgange eines ſolchen Vaters? Wie viel am Anſchauen ſeiner Modelle, ſeiner Zeich⸗ nungen, ſeiner Arbeiten.

Stephenſon zog ihn in alle dieſe Sachen hinein und machte ihn vertraut mit ſeinen Plänen und den Ergebniſſen ſeiner Gedanken und Forſchungen. Er beſprach mit dem Jünglinge den Gedanken, auf einem Eiſenſchienenwege oder einer Eiſenbahn, vermittelſt ſeines Dampfwagens, Güter und Perſonen in großer Kürze auf weiten Strecken zu befördern, und Beiden wurde es klar, wie die Ausführung, beſonders in den ebenen Gegenden Englands, keine Schwie⸗ rigkeiten darbieten könne, die nicht leicht zu überwinden wären, wenn nur das Capital dazu flüſſig wäre. 3

Als er den Gedanken laut werden ließ, ſchrieen wieder die Hochweiſen: Hört den Schwindler, den Querkopf, den Narren nicht an! Er bringt Euch