Jahrgang 
1 (1858)
Einzelbild herunterladen

287

in Preußen aber von 100 eben ſolchen 19 es nicht konnten und dabei lag's noch meiſt am Mangel aller Anlagen und Fleißes bei dieſen 19, nicht an den Schulen, die ihnen geöffnet waren. Merkt's Euch, liebe Leute!

Georg Stephenſon lernte von ſeinen Aeltern ſo viel, als ſie ihn lehren konnten.

War's nicht eben genug, um Profeſſor zu werden, ſo reichte es doch aus, um ſeine Bibel zu leſen und ſein Gebetbuch, und mit Hülfe ſeiner Gaben und ſeines eigenen Fleißes, ſich fortzuhelfen.

Eine ſeiner Hauptaufgaben war es, ſeine jüngeren Geſchwiſter ſorglich zu bewachen, daß nicht die ſtets vorüberraſſelnden Kohlenwagen ſie überführen. Als er acht Jahre alt war, freute er ſich innig über das Glück, auch ſchon Etwas zu verdienen, und man meint, der kleine Menſch habe das deutſche Sprüchwort:Selbſtverdient iſt ein Meiſterſtück recht inne gehabt.

Er erhielt nämlich den Wächterdienſt über die Kühe eines Nachbars, die in einem, wie es in England Brauch iſt, eingefriedigten Wieſenraume weideten. Dabei konnte er auch ſeine Geſchwiſterlein noch beaufſichtigen und ſich ſo dop⸗ pelt nützlich machen.

Das gab nicht Viel zu thun, und ſeine müßigen Stunden füllte er damit aus, aus Lehm oder Thon allerlei Maſchinen, wie er ſie um ſich ſah, nach⸗ zubilden und es gewährte ihm ein großes Vergnügen, daran Allerlei, wie es ihm dünkte, zu verbeſſern und zweckmäßiger einzurichten. In's Kohlenwerk zu kommen, war ſein lebhafteſter Wunſch; aber damit war's noch Nichts. Er übernahm es denn auch gerne, Rübenhacker bei dem Nachbar zu werden, wo⸗ mit er täglich etwa ſechs bis acht Kreuzer verdiente.

Etwas ſpäter wurde er, für etwas mehr als früher täglich, verwendet, um die Kohlen von Schlacken und Steinen zu reinigen.

Erſt mit dem vierzehnten Jahre konnte er ſeines Herzens Wünſche heran⸗ reifen ſehen. Mit der ihm eigenthümlichen Ausdauer und Zähigkeit fügte er ſich ruhig dem Sortiren der Kohlen und Reinigen von Unrath, der darin und daran vorkommt. Er wollte nicht gleich Hans Obenan ſcin, wie das ſo viele unſerer jungen Leute gleich wollen, die den Meiſtern im Sprüchworte gleichen, die nicht vom Himmel fallen, aber es ſein wollen, ehe ſie den ſteilen Weg zur Meiſterſchaft erklommen.

Er wußte, es war der Uebergang zum Arbeiter im Kohlenwerke, und das genügte ihm, um mit Feſtigkeit des Willens das untergeordnete Geſchäft zu unternehmen nnd zu üben, das ihm übertragen wurde und das er nach ſeiner Weiſe treu und vollkommen that.

Was ihn aber hoch erfreute, das war der Umſtand, daß er Gehülfe ſeines guten Vaters am Pumpenwerke wurde und täglich ſeine zehn bis zwölf Silber⸗ groſchen verdiente.

Nun war er ein mithelfendes Glied zur Ernährung der Familie; er theilweiſe ſelbſtverdientes Brot. Das war eine hohe Freude für ſein treues Herz, das Gott ſeinen Dank dafür darbrachte aus kindlichem Gemuͤthe. Wie er früher, ſo verdienten alle Geſchwiſter ſchon Etwas. Das war aber auch durchaus erforderlich, denn die Lebensmittel waren damals theuer und wenn nicht dieß Zuſammenwirken in Liebe und Fleiß Statt gefunden hätte, ſo wäre ohne Zweifel Noth und Sorge über die Familie gekommen, die nun ſich kräftig nähren und anſtändig nach dem Maßſtabe ihres Standes leben konnte.

Georg Stephenſon entwickelte ſich leiblich und geiſtig ungemein friſch und kräftig. In dem Maße, als er in die Höhe wuchs, ging ſein Leib auch in die Breite auseinander und die täglich angeſtrengte Arbeit ſtählte ſeine Muskel⸗ kraft in der Art, daß er, der vierzehnjährige Knabe, mit Leichtigkeit Laſten hob, an denen mancher Arbeiter der Kohlengrube umſonſt ſeine Kraft verſuchte.

Geiſtig wuchs Kraft und Einſicht durch das Betrachten und Nachdenken über die mancherlei Werkzeuge und Maſchinen, die er täglich um ſich herum im Gebrauche und in Thäͤtigkeit ſah; durch das Erforſchen der Geſetze, welche ihnen zum Grunde lagen und ihre Thätigkeit regelten; durch das Zeichnen