Jahrgang 
1 (1858)
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Herzen und auf den Händen zu tragen. Hatte er ihr das gehalten? Zwar lieb hatte er ſie gewiß, aber unfreundlich war er oft, hart noch geſtern Abend geweſen, und nun hatte er den Liebling ihrer Seele, er mußte es ſelber ſagen, den bravſten Sohn, hinausgetrieben in die Welt und ſie dadurch ſo tief gebeugt.

Wenn der Prophet des Herrn ſagt: Des Menſchen Herz ſei ein trotzig und verzagt Ding, ſo zeigte ſich das auch wieder in ſeiner vollen Wahrheit an dem Gebhard; tief begann ihn ſeine Heftigkeit am Abend vorher zu gereuen. Er dachte an Fritz und auch hier fühlte er, daß er zu weit gegangen. Er dachte an die kleine Summe, die er ihm als Zehrpfennig gegeben, und auch das fiel ſchwer auf ſein Herz. Es war ein Sonnenaufgang des Beſſern in ihm; aber gar oft geht früh die Sonne gar glänzend und ſchön auf und einige Stunden ſpäter iſt der Himmel trübe geworden und es regnet mit aller Macht und Heftigkeit; der ſchöne Tag, den wir erwartet haben, wird zu Nichte. Grade ſo war es bei dem Alten. Er ſtand leiſe auf, aber doch erwachte ſeine Frau. Der rührende Eindruck ihres Schmerzes im Schlafe war vorüber, er war wieder wie vorher auch.

Seine Frau ging ſtille an ihr Tagewerk; ſie nichts und trank nichts; aber überall ſtanden Thränen in ihren Augen und der alte Pelzer, der ehrliche Nacht⸗ wächter, als er ihr die letzten Grüße brachte, war ihr ein Bote der Freude und dennoch auch ein Bringer neuen Wehes.

Daß der Alte nicht geſagt: Schreib' uns dann und wann, wo du biſt, und wie es dir geht, das hatte Fritz außerordentlich wehe gethan. Der Mutter ſagte er das din hatte es in ihrem tiefen Leide nicht einmal bemerkt und das fiel ihr, als Beweis, wie hart ſein Herz geworden war, recht ſchwer auf's ihre. Fritz wollte an Minchen ſchreiben und die fand durch den alten Pelzer, der es mit

den beiden jungen Leuten gar gut und treu meinte, Gelegenheit, der Mutter ihres

Fritz den Brief zu ſenden. Das redeten ſie ab.

Nun ſoll er aber auch nichts von ihm hören, ſagte ſie recht bitter zu ſich ſelbſt, bis er fragt, und dann will ich ihm das Gewiſſen ſchärfen, wie ein Pfarrer! das nahm ſie ſich vor. So vergingen Tage und Wochen, ohne daß ſie mehr mit ihm ſprach, als was unabweisbar nöthig war. Sie merkte wohl, daß er einmal ſeufzte und ſie verſtohlen mit bekümmertem Blicke anſah, aber ſie that, als ſähe ſie es gar nicht und ging ihren ſtillen Weg fort. Sie bekam endlich, nach vier bis fünf Wochen, einen Brief durch Pelzer. Fritz war in Köln bei dem Küfer des Herrn Kurander in Arbeit. Es ging ihm gut. Sein Brief war voll Liebe und Herzlichkeit. Das goß Balſam in ihr Herz. Aber der Alte fragte nicht. Es nagte Etwas an ſeinem Herzen, aber er ſchwieg hartnäckig. So behielt ſie denn auch ihre Briefe für ſich bis auf einmal ſeine Briefe ausblieben. Es war nach dem erſten Jahre ſeiner Wanderſchaft. Da fiel's auch auf ihr Herz, wie eine Zentnerlaſt und das Elend zog vollends ein in ihr Herz und in ihr Heue Sie bedurfte eines Herzens und hatte doch Keins! Und zu Minchen durfte ſie nicht gehen, wenn ſi nicht neuen Hader wollte.

Ighr wiſſet wohl, Ihr Männer, ſagte Schmitz, daß des alten Lindau's Vater nicht alle Güter droben vom alten Kloſter gekauft hatte, ſondern daß die beſten in die Hände des Schwiegervaters des alten Ronemus gekommen waren und dieſer ſie geerbt hatte. Dort beſaß er ein Feldſtück, das wohl einſt zum Kloſtergarten gehöort haben mochte(jetzt iſt's eine Wieſe), das zum beſten Felde dort herum ge⸗ hörte. Frau Gebhard hatte dort Bohnen gelegt, die mußten nun angehäufelt werden, denn es war ſo Mitte Juni und der Fritz war nun ſchon zwei und ein halb Jahr fort und ſeit anderthalb Jahren war kein Brief gekommen.

Die Frau Gebhard ging, ein Häckchen in der Hand, zum Oberthor hinaus, um die Bohnen anzuhäufeln.

Wer ſie jetzt ſah, hätte ſie, wenn er ſie lange nicht geſehen, kaum wieder er⸗ kannt. Sie war mehrere Jahre jünger, als ihr Mann, und ohne Widerrede die ſchönſte Frau der Stadt. Ihre Haltung war ſo grade, ſo feſt; ihr Körper ſo

ebenmäßig, ihr Geſicht noch ſo friſch und blühend, ihr Haar noch ſo reich und