Jahrgang 
1 (1858)
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geworden iſt, und nun ſoll ich mein Kind verlieren, das meine einzige Hoffnung

und Stütze war! Was bleibt mir unglücklichen Frau denn noch übrig?

Mutter, ſagte Fritz, Gott kann's wenden, daß Ihr den Vater wieder findet. Er iſt blind geworden. Gott kann ihn wieder ſehend machen. Er wolle es in Gnaden! Aber ſeid nicht ungerecht! Seid Ihrnicht ſtark in dem Herrn? Und habt Ihr nicht noch ein Kind, das liebliche Käthchen? Ehe ich wiederkomme, iſt ſie eine Jungfrau und daß ſie eine tüchtige, fromme werde, daran zweifle ich nicht. Sie wird wachſen an der Mutter Vorbild! Und nun wollen wir's Gott anheim⸗ ſtellen. Er wird Alles wohl machen!

Sie ſah den männlichen, braven Sohn an und gewann in ſeiner Faſſung die ihrige wieder. Stille ging ſie hinab und als ſie ihn ſchnarchen hörte, als wäre nichts vorgefallen, da durchbebte es ſie im innerſten Weſen und ſie fiel nieder auf ihre Kniee und betete, daß Gott das harte Herz aus ſeiner Bruſt nehme und ihm ein weiches, ſanftes gebe. Dann nahm ſie das Geld, das auf dem Tiſche lag, ging in die Küche und zündete an den noch glimmenden Kohlen einen Spahn. Sie erbleichte. Zehn neue Thaler! rief ſie aus. O du barmherziger Gott! Es iſt jedes beſſere Gefühl aus ſeiner Seele gewichen! Sie mußte ſich ſammelu. Dann erſt ſchlich ſie hinauf an eine ihrer Kiſten; griff im Dunkeln nach einem Nothpfennig, den ſie lange ſchon für etwa eine ſchwere Stunde geſpart, und that ihn dazu, daß nicht noch ein bitteres Gefühl in des Sohnes Herz komme, wenn er des Vaters Herzloſigkeit erkenne, als ſchon jetzt darinnen war.

Nun brachte ſie es dem Fritz nebſt ſeinen Hemden und übrigen Sachen. Er legte ſeinen Zunftsbrief dazu und, nachdem er in der Ecke, hinter der Thüre, ſich umgekleidet, ſchnallte er das Felleiſen, griff zum Wanderſtabe und fiel weinend an der Mutter treue Bruſt.

Es war juſt Ein Uhr, als er endlich aus dem Hauſe eilte; aber nicht zum Thore hinaus ging ſein Weg, ſondern über den Markt, die Marktgaſſe hinab, am Steigerwaldts Eck, der Untergaſſe hin. Plötzlich ſtand er unter Minchens Fenſter. Sie ſchlief in ſüßem Frieden. Sollte er ihn ſtören? Aber durfte er in die Welt gehen, ohne ihr Alles geſagt zu haben? Nein! Er warf ein Steinchen gegen ihr Fenſter. Sie erwachte und ſprang auf; legte ſchnell einen Rock an und trat an's Fenſter. Der Mond ſchien ſo klar, wie am Tage die Sonne. Sie erkannte ihn augenblicklich.

Fritz, was iſt geſchehen? rief ſie bebend vor Schrecken und Kälte. Du haſt dein Felleiſen auf dem Rücken, was bedeutet das?.

Soll ich dir's verhehlen, Minchen? Die Ahnung, die mich erfüllte, als ich heute Abend von dir ſchied, iſt wahr geworden.

Als ich heimkam, brach ein lange verhaltenes, lange ſchon grollendes Wetter über meinem Haupte los. Ich ſah ein, daß es Zeit ſei, daß ich gehe. Zeit für meine gute Mutter, die dich lieb hat und unſern Bund ſegnet, Zeit, ſag' ich, für ſie, ſonſt erliegt ſie unter dem ſteten Hausſtreit; Zeit für mich, daß ich mich nicht einmal im Zorne mit einem Worte gegen meinen Vater verſuͤndige und daß ich es ſage Zeit für uns Beide denn hier kann ich nicht Meiſter wer⸗ den. Ich muß drei Jahre gewandert haben, um dich als mein theures Weib heimzuführen. So ſteht es. Ich muß fort. Je eher ich gehe, deſto eher kehre ich heim, um Meiſter zu werden. Und nun, bleib mir hold und treu! Gott ſegne, Gott behüte dich! 8

Fritz, Fritz! rief eine gebrochene Stimme. Zwei weiße Arme breiteten ſich aus, als wollten ſie ihn halten er aber wandte ſich und war bald am Rheine durch das Bauerspförtchen, das ſchon damals Niemand mehr ſchloß.

Hier unter der Linde ſaß der ſchwer getroffene iagling und weinte heiße Thränen und betete lange und innig. Dann, als es zwei Ühr ſchlug, ſtand er auf, gin am Rheine hin, dem Zehnte⸗Thore zu, denn er wollte gen Cöln wan⸗ dern. Als er zum Münzthore hi inſchritt, weil er nicht am Graben hingehen wollte, blies der alte Pelzer eben zwei Uhr.

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