Jahrgang 
1 (1858)
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Der huſtete einige Male und ſagte ſanft: Wozu dieſe Abſchweifung? Die Douanen wachen ja uͤberall, wie die Dohlen.

Die du angefangen! erwiederte Schmitz und wandte ſich zu den Andern, in⸗ dem er fortfuhr: die Dohlen ſehen auch nicht Alles, wie oft ſie auch den ſchlauen Kopf drehen. Item, der alte Gölz hätte helfen können, aber er that's nicht und ließ die armen Leute darben. Und ſie hätten hungern müſſen, wenn nicht ihr ein⸗ ziges Kind gerweſen wäre, das ſanfte Minchen. Es hatte in beſſeren Tagen nähen und weibliche Kleidung und Putz machen gelernt, aber nicht in der Meinung, ſein Brot damit zu verdienen, ſondern, um ſich ſelbſt dieß und das machen zu können. Wer hätte denken ſollen, daß Minchen das einmal nothwendig hätte. Aber man ſieht da, wie wohl die Aeltern thun, wenn ſie ihre Töchter alle weibliche Arbeit und Kunſt lehren laſſen, die nur immer zu erlernen iſt. Brauchen ſie's nicht, um ſich damit zu ernähren, deſto beſſer! Sie tragen dann nicht ſchwer dran, und können's beurtheilen, wenn es Andre machen; aber wendet ſich das Blättlein, nun, dann brauchen ſie nicht zu darben und Noth zu leiden. Jetzt half des Mädchens Nadel den Hunger abwehren, der ſonſt unabweisbar an ihre Thür geklopft hätte. Minchen war im Glücke demüthig geweſen, darum trug ſie das Unglüct mit Er⸗ gebung. Man ſah ihr kein Leid an. Sie war glücklich, daß ſie ihre Aeltern er⸗ nähren konnte. Ihr Ruf und Leben war fleckenlos und Jedermann bedauerte, aber achtete ſie von Herzen. Und dieß Mädchen war die Perle unter den Töchtern der Stadt. Schön war ſie wie ein Engel und ſanft wie ein Engel. Selbſt in der dürftigſten Kleidung war ſie eine Königin gegen die aufgeputzten Aefſchen der Reichen. Mancher Jungburſche ſchielte nach dem Mädchen; mancher Reiche ging ihr zu Gefallen; aber Keiner wagte es, dem Mädchen ſich zu nähern und dazu fehlte auch alle Gelegenheit, da Minchen zu Spiel und Tanz nicht ging und außer in die Kirche und in die Bombach, nirgend ds hinging, denn in der Bombach hatten ſie die einzigen zwei Jelhſtücklein⸗ d die übrig geblieben waren, als Emmerich ſein Schiff verlor und die Ladung dem Mainzer Fruchthändler erſetzen mußte bei Heller und Pfennig mit ſeinem Werinögen. Daß aber das ſchöne Minchen gar keinen Jungburſchen anſah, war noch⸗ iicht hinreichend, anzunehmen, ſie habe eine alte Jungfer werden wollen oder habe einen Kieſelſtein, wo Andre das Herz haben. Dazu war kein Grund da, denn es war bekannt, daß des alten Ronemus Fritz Emmerichs Minchen lieb hatte und ſie ihn, und Fritz ging ohne Hehl im Hauſe aus und ein, aber am lichten, hellen Tage. Er meinte es treu und ehrlich und in Züchten und Ehren, und da brauchte er ſich weder zu fürchten, noch zu ſchämen; aber das war der Grund, warum der alte Götz ſeine Hand abz zog und wieder der Grund, warum Hieronymus Gebhard ſchwer raſend wurde. So zwei harte Steine mahlen ſelten reine, ſagt das Speüchwort, und die zwiſchen ſie kommen, werden gequetſcht, daß es eine Art hat. Die Zweie erfuhren's.

II.

Es war anno 1724, am dreizehnten November, Abends um drei Viertel auf Zehn oder auch ein paar Minuten mehr, da kam Einer aus dem Hauſe des Peter Sturmfels an der Fleiſchgaſſe heraus und ſagte dem leuchtenden Hausmann: Gute Nacht, Peter! Gute Nacht, Baſtian, ſagte der Andere, und der Baſtian war Niemand anders, als der Sebaſtian Fabian, der die Bacharacher Chronica ge⸗ ſchrieben hat. Als er zwiſchen dem goldenen Engel und dem Eckhauſe, darin vor⸗ mals der Jakob Hartmann gewohnt hat, der Vater deſſen, der jetzt auf dem Holzmarkt die neue Stärkefabrik angelegt hat, heraus auf die Obergaſſe kam, hörte er in Gebhards Hauſe einen gewaltigen Spektakel. So ein Chronikſchreiber will gerne Alles wiſſen, und geht darauf aus, die Geſchichten treu und wahr zu erfahren. Neugierig war er nicht; aber er dachte, die eigenen Ohren wären doch ſicherer⸗ als die Andrer, und tritt an das Fenſter und hört zu.

Der Gebhard hatte ſeinen Pikeſch an und ſchritt zornig die Stube auf und ab. Seine Frau ſaß am Tiſche und ſpann.