Jahrgang 
1 (1858)
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Es war an einem Sonntagnachmittage des Jahres 1811, deſſen Wärme, be⸗ günſtigt von dem herrlichen Kometen, einen ſo köſtlichen Wein erzeugte, als wieder die Maje zuſammenſaß unter der Linde in voller Zahl, und ich an Pfaffenwillems Seite. Die Sonne ſtrahlte gluthig vom wolkenloſen Himmel und hätte das ſchöne Lindendach nicht ſo erquickenden Schatten und die leiſe vom Strome her wehende Luft nicht Kühlung gewährt, es hätte es kein Menſch im Freien ausgehalten. Johannistag war vorüber. Der Kürſchner Schmitz kam dießmal ſpät, weil er unterwegs geplaudert hatte.

Wo bleibſt du denn, alte Baſe, rief Bräunches Willem. Wenn du fehlſt, belügt uns Niemand. Zu dieſem derben Witze, wie er meinte, lachte er aus Herzensgrund.

EScttil, ſagte Guntrum. Mach' mir ihn nicht querſpundig. Er ſieht ſo grün und friſch drein, daß ich hoffe, er erzählt uns Etwas. Es wird ſonſt langſchößig.

Iſt ſo bös nicht gemeint, lenkte der Erſtere ein. Gelt Alter? Schhmitz grüßte, nahm die Meerſchaumpfeife aus dem Munde und das Taſchen⸗ tuch aus dem linken Wammssſäckel und trocknete ſich die Stirne, von der in Wahr⸗ heit der Schweiß rann.

Das iſt ein Hitzchen! ſagte er ſchmunzelnd. Wenn's nicht alle Nachts regnete, die Trauben müßten abfallen; aber ſie ſind grün wie der Epheu am ſpitzen Thurm und färben ſich ſchon fuchsbraun.

Das macht der Komet, ſagte Guntrum, der hat ſo einen langen Fuchswedel.

Der wird noch mehr machen, fiel Bräunches Willem ein. Denkt an mich!

Prophezeihſt du wieder? fragte Schmitz, ihn lachend betrachtend. Du biſt mir ein prächtiger Prophet, Willem! Ich meine, dein beſtes Prophezeihen wäre acht Tage nachher? Dann triffſt du's allemal auf den Kopf.

Mach' keine Flauſen! ſagte Willem. Der Komet iſt vom lieben Herrgott nicht umſonſt uns vor Augen geſtellt. Er wird dabei ſah er ſich beſorgt nach allen Seiten um den Napoleon zum Lande hinaus jagen; gebt Acht und paßt auf! Ihr ſollt an den Willem Greifenſtein denken. Er hieß eigentlich Grei⸗ fenſtein undBräunches war ein Nachname, den er und dieſe üble Sitte herrſchte ſehr in der Stadt trug, über den er, wenn ſich etwa Einer in ſeiner Nähe ſo ſehr vergaß, ihn zu nennen, ſehr wild werden konnte und dann heiden⸗ mäßig fluchte. Alle ſchwiegen; denn, was Willem ſagte, lebte lebendig als heißer Wunſch in aller Herzen. Es lag kein Gedanke näher am Herzen, als die Fran⸗ zoſen los zu werden.

Als ich einmal von Mannheim aus, wo ich beim Meiſter Purgel in Arbeit ſtand, nach Schwetzingen ging, ſagte Schmitz mit beſonderm Nachdrucke, las ich dort an der Wand der türkiſchen Kirche, die, ſeltſamer Weiſe, der Churfürſt dort erbaut hat, die Worte: Reden iſt Silber, doch Schweigen iſt Gold.

Guntrum nickte. Das iſt ein gewichtig Wort, abſonderlich in Betracht des Napoleon, ſagte er..

Ach was, rief Willem. Was der liebe Gott ſichtbar an den Himmel ſtellt, darf man auch ſagen! 8

Der Komet hat einen mordlangen Schwanz! bemerkte Schmitz, und in Terel in Holland ſind viele Galeerenſträflinge! Auch ſolche, die das Maul nicht hielten!

Willem wurde kreidebleich, aber er ſchwieg. Erſt nach einiger Zeit ſagte er: Hab' ich nicht Anno 1809 prophezeiht, daß der Eisgang von 1810 ein ſchwerer werden würde? Hu! Kürſchner mach's zu Schanden, wenn du kannſt 49 ſeid Alle Zeugen. Hab's mehr denn Hundertmal hier geſagt.

Ich nicht, erwiederte Schmitz mit ſchalkiger Miene. Mein Lebtag hab' ich ge⸗ glaubt, du ſeiſt ein Hauptwetterprophet, und daß der Eisgang ein ſchwerer war, ſteht man noch, wenn man in die Gärten imKetzer geht. Das Wetter kennſt du auch beſſer, als das Auslegen der Kometenſchweife.

Willem, der den Spott nicht fühlen mochte, lächelte zufrieden. Der Eisgang von 1730 muß aber doch ein erſchrecklicher geweſen ſein? ſagte er.