Jahrgang 
1 (1858)
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weibeinig, und den Churmainziſchen dreibeinig. Beide bildeten zugleich die Grenzzeichen der beiden Rheichslande und der Churmainziſche die Grenze des unteren Rheingau's. Auch dieſe Zeichen menſchlicher Schlechtigkeit und Gerechtigkeit ſind längſt verſchwunden, obgleich die Stätte noch heuteam Galgen heißt. Weiter unten ſchloß das vorrückende Gebirge die Ausſicht.

In der Woche ſah man ſelten Jemand unter der Linde, als etwaBräunches Willem, einen alten Schiffer, der nach Wetter und Verdienſt ausſchaute, und den nahewohnenden dicken Wirth Guntrum mit der weißen Baumwollzipfelmütze und der langen holländiſchen Thonpfeife, der auch Mal nach dem Wetter ſah ſelten aber ſpielende Buben. Nicht einmal ein Douane. oder franzöſiſcher Zollwächter

ſtand da auf demLuginsland denn grade vor dem Marktthor hatten ſie ein breites, hohes Erdbollwerk aufgeworfen, in deſſen Mitte eine Roßkaſtanie ſtand, und hier war die Hütte erbaut, wo ſie ſpäheten, hinab und hinauf, ob's für ihre gierigen Fänge Nichts zu fangen gäbe.

Anders war's an den Sonntagen. Da trat dieMaje unter der Linde in ihr Recht, die Maje, das heißt, die gemüthliche Unterhaltung älterer Bürger.

War der Nachmittagsgottesdienſt zu Ende und der Sonntagsrock mit dem Sonntagsnachmittagswamms vertauſcht; war die ſchneeweiße, baumwollene Zipfelmütze mit dem Klunker dran, übergezogen, ſo griff der Bürger nach der Sonntagspſeife, die in der Regel ein filberbeſchlagenerUlmer von Holzmaſſe oder ein ditto Meerſchaumkopf war; das Tabakspacket oder der lange dünne Beu⸗ tel von dem Felle einer Katze, in dem ſich der edle Tabak gut hielt, wurde in den Wammesſäckel geſteckt; nach Zunder, Stahl und Stein gegriffen, und dampfend ſchritt er die Straße hinab, grüßte herzlich rechts und links, wo die Leute auf Bänken vor den Thüren ſaßen, und antwortete, wenn Einer fragte: Wohin, Kumpane? Zur Lindenmaje! Ihr wißt's ja, das iſt mein Gang! 1

Bemerken muß ich aber ausdrücklich, daß ſich zurMaje unter der Linde

nur alte Männer einfanden und ein Kreis, der ſich, ſo lange Einer nicht ſchwer

krank war oder über Feld ging, weder vergrößerte noch verringerte. Junge Män⸗ ner ſah man da nicht, aber immer einen Knaben, der die Spiele ſeiner Alters⸗ genoſſen verließ, um, ſtillhorchend im Kreiſe der ihn freundlich duldenden Alten bis zur Nachtglocke zu ſitzen, und der Knabe war Niemand Anderes, als der, welcher damals nicht daran dachte, daß er einmal, nach etwa einem halben Jahr⸗ hundert, dieLindenmaje ſchildern würde. Ehe ich aber einen unvergeßlichen Nachmittag dieſer Maje ſchildere, muß ich einiger hervorragender Geſtalten ge⸗ denken. Da ſaß jedesmal der kleine, dünne, aber im Erzählen berühmte Kürſchner Schmitz vom Holzmarkt, und ſeine beiden Nachbarn, der kleine ernſte, aber freund⸗ liche Schuhmacher Scheib und der alte Zinkgräf, der, aus Gewohnheit oder weil er eine Art Nervenzucken hatte, unaufhörlich den Kopf in den Nacken warf und mit den Schultern aufwärts zuckte. Da ſah man den ſchon erwähnten alten Bier⸗ brauer und Wirth Guntrum, Bräunches Willem und ſeinen moröſen Bruder, der, wenn mich mein Gedächtniß nicht truügt, Caspar hieß, und den Schiffer Willem Pfaff, meiner Aeltern getreuen Nachbarn und mein Spezialfreund, unter deſſen Flagge ich auch ſtets in die Lindenmaje ſegelte.

Das waren Alle Originale in ihrer Art, die auch in der Regel das Wort führten, während ſelten Einer der Andern mehr that, als Rauchen und Zuhören.

Vorzugsweiſe war der Kürſchner Schmitz der Erzähler und Bräunches Willem, ebenfalls ein Schiffer und Fiſcher, wie mein Freund Willem Pfaff, oder, wie es ortsublich hieß: Pfaffe Willem, der ſtets die Einwürfe machte, den Kürſchner zurechtwies, wenn er etwa in's Faſeln kam, oder ihn und ſein Wort bekräftigte. Ob ich mich gleich allemal über ſein Dreinfahren ärgerte, wodurch er den Guß und Fluß der Geſchichte unterbrach, ſo zeigte doch ſein Thun, welchen ſeelenvollen Antheil er nahm und hielt den an Einbildungskraft wunderſam reichen Kürſchner ſo am Faden, daß er keine Abſtecher in andre Gebiete machen durfte, wozu er

große Neigung hatte, es ſei denn, daß ihn ſelbſt die Geſchichte ganz feſſelte.