Jahrgang 
1 (1858)
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Der Eisgang des Rheins Anno 1730,

von W. O. von Horn.

Ob es Anderen auch ſo gehet, wie mir, ich weiß es nicht; aber ſeit ich alt geworden bin, will mir das Thun und Treiben um mich herum nicht mehr gefallen. Es iſt ein gemüthloſes, ſelbſtſüchtiges, habſüchtiges Haſchen und Jagen; ein haſtiges Suchen nach Luſt und Kurzweil; ein eitles, leeres Treiben und Heraustreten aus

den Schranken der Stände doch wozu das ſagen? Der Strom wälzt ſeine Fluthen unaufhaltſam abwärts und ſelbſt der Felſen, der ihm entgegenſteht, wird zerbröckelt oder ſie ſprengen ihn mit Schießbaumwolle. Da blick' ich in ſtillen

Stunden gerne in die Tage, die da waren, als ich noch ein friſches Bubenblut war und am Rhein meine Spiele ſpielte, in dem alten Städtlein Bacharach, das auch dem Schickſal der Zeit erliegen mußte und Nichts mehr hat, als ſeine Er⸗ innerungen und ſeine verwitternden Mauern und Thürme. Da treten Bilder vor meine Seele, an denen ich mich ergötze, und ein ſolches iſt es, das ich jetzt mit der vollſten Treue entwerfen will, wie ich es allſonntäglich geſchaut habe, nämlich in den Sommertagen. Es iſt ein Stück Bürgerleben von ehedem.. Außer den ſieben Thoren der Stadt, über denen ſtolze Thürme ſich empor⸗ hoben, von denen zweie die Franzoſen abbrachen, als die unglücklichen Spanier die Landſtraße durch die Felſen brechen mußten(damals ein Wunderwerk), hat die Mauerr, welche in gewaltiger Dicke die Stadt umſchließt, zwei Pforten, das ‚Fleiſch⸗ thörchen und dasBauersthörchen, über denen keine Thürme wachend und ſchützend ſtanden. Beide gehen nach dem Strome. Zwiſchen dieſem und den Stadt⸗ mauern befand ſich ein großer, ſchöner Raum, der in früherer Zeit dem Weinhandel der Stadt diente. Später, als die Kriegsſchulden bezahlt werden mußten, wurde er zu Gärten und Gärtchen verkauft, zum größten Theile. Gegen den Rhein hin befindet ſich ein Erd⸗Damm, Waſſer und Eis abzuhalten, derHügel oder in der landesüblichen Mundartder Hüwel genannt. Oben am Kloſter und unten am Fleiſchthörchen war er beſonders hoch, und da ſtanden Linden drauf, alte, prächtige Bäume, die viel hätten erzählen können von dem, deß Zeugen ſie waren. Die Linden oben am Kloſter hatten weniger Bedeutung; deſto mehr die große, ſchöne umgebrochene Linde auf demFleiſchhüwel. Sie war etwa ſechzig Fuß hoch, hatte eine prächtige Krone, in der kein dürres Reis zu ſehen war. Am oden und höher hinauf mochte ſieweinen Durchmeſſer von vier bis fünf Fuß

haben; allein das Schönſte an ihr war eine Reihe wagerecht auslaufender, künſtlich. gezogener Aeſte, die rundum am Stamme herausgewachſen waren, dicht verzweigt und dichtbelaubt. Dieſe Aeſte waren zwölf Schuh vom Boden über ein Balken⸗ werk aus Eichenholz gezogen, welches eine Art runden Gemaches bildete, nach allen Seiten offen, nur oben ſchattig bedeckt von der Linde ſchönen Aeſten und Zweigen. Zirkelrund lief dieß Balkenwerk, im Durchmeſſer von fünfzig und mehr Schuhen, um den Stamm herum, und hatte nach Innen Sitzbänke. Wo es vom Stamme der Linde auslief, war oben ſolches Balkenwerk zum Tragen, und an deſſen Fuß befanden ſich wieder rings um den Stamm der Linde Sitze. Es konnten ganz bequem bei achtzig Männer im Schatten ſitzen, der ſo dicht war, daß kein Sonnen⸗ ſtrahl die dort Sitzenden beläſtigte. Man ſah über den ganzen Raum vor den Mauern; ſah über die Häuſer weg die Berge, die Burg Stahleck die Werners⸗ kapelle und den Rhein, bis oben, wo das Schlößchen des Niederwalds weiß aus dem dunkeln Forſte blickt und der Rhein wie ein prächtiger See da liegt. Von den Uferorten erblickte man nur Lorchhauſen, Rheindiebach mit der Burg Fürſten⸗ berg und den Thurm von Nollings unterhalb Lorch. Jenſeits und mehr rheinab⸗ wärts erblickte man die Heilaſſen⸗Inſel mit dem Häuslein drauf und am Nieder⸗ thal zwei Galgen von ſehr feſter Bauart, welche auf den beiden Felſen ſtanden, durch die das Bächlein des Niederthals in den Rhein hüpft den Churpfälziſchen