Zeitschriftenband 
24 (1856)
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2 Der Erbe der Annesley.

figer*), in England gehörte es zu Ereigniſſen, die in den Archiven mehrer Gerichte und aus verſchiedenen Zeiten aufgezeichnet ſind. Allerdings ſtreifen ſolche Lichter der ſogenannten mittelalterlichen Sündedes Lehnsrechts, der Primogenitur, derFideicommiſſionen, auch auf die Schattenſeite unſerer Geſchichte, man erzählt ſich von ſolchen Verwechſelungen, oder dem Einſchieben falſcher für legitime Kinder, ſo in großen als auch in kleinen hiſtori⸗ ſchen Familien; auf dieſe einzelnen Vorfälle blickt man aber ganz wie auf Märchen oder ſtempelt ſie als Ver⸗ brechen, über die man gern den Mantel der Sage breitet; auch in der Vorzeit mögen ſich Fälle wie der Casper Hauſer's ereignet haben, auch Privatgeſchichten, wie unſer Pitaval neulich aus Sachſen aufführte(jener Adelsfamilie, wo der eigene Oheim den Neffen caſtriren ließ, um deſſen Lehnsfolge auf ſeine eigenen Söhne übererben zu laſſen), immer aber wurden doch Fälle der Art in Deutſchland nur als etwas Außerordentliches, Unnatürliches, als ein Horrendum verabſcheut.

In dem geſetzlich feſten England iſt es nicht ſo; das Verbrechen ward nicht immer mit dem Schauer vor dem Unnatürlichen angeſtaunt, weil es ſehr oft vorgekommen war, und man wußte davon, wie von einer gewiſſen Praxis und Speculation, wie man das bekannte Ver⸗ brechen ſelbſt zu rubriciren wußte: das Fortſtehlen von Erben wie das Entführen von Erbinnen. Aber wir ſuchen das Motiv dieſer Verbrecherluſt nicht in einer mehr verſunkenen Moralität, ſondern in den Erbinſtitu⸗ tionen des Landes ſelbſt. Wo faſt der geſammte ländliche Grundbeſitz nur dem Erſtgeborenen in der Linealfolge

*) Wir erinnern an den Fall in unſerm Pitaval: die Gräfin von St. Geran.