2 Helene Jegado.
brecherin, ſondern darin, daß ſie nicht ſolche pſycholo⸗ giſche Richter gefunden hat als jene. Wir fühlen und wiſſen, daß dieſe außerordentliche Verbrechergeſchichte bei den Leſern nicht den Eindruck hervorbringen kann, der in der ganzen gebildeten Welt nachſchauert, wenn ſie von den Thaten der Brinvilliers und Gottfried Kenntniß genom⸗ men; aber der Grund iſt nicht der, daß Helene keine Mar⸗ quiſe, keine Dame aus der vornehmen Geſellſchaft war, ſondern eine Köchin, noch liegt er darin, daß weder die Rachſucht gegen die Erwählten in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft oder ein dämoniſcher Trieb wüſter Eitelkeit als Motiv ihrer Thaten erweislich iſt, ſondern allein in dem Umſtande, daß in Frankreich keine Pſychologen, Arzte und Richter, wie Feuerbach und Andere, ſich der Sache und der Perſon angenommen und nach den wahren Trieb⸗ kräften ihrer ſo lange fortgeſetzten Unthaten geforſcht und ſie ans Licht gezogen haben. In Frankreich, wo Ende 1851 und Anfang 1852 aus Umſturz und Blut die neue Ordnung der Dinge nach Geſtaltung und Anerkennung rang, und die vielen vorangängigen und folgenden politi⸗
ſchen Verbrecher und Verbrechen den Sinn für Criminal⸗
verfahren abgeſtumpft, hatte man nicht Zeit, um Ver⸗ brechern aus dem bürgerlichen Leben auf Schritt und Tritt nachzuſpüren. Helene Jegado iſt abgeurtheilt und gerichtet um Thaten, bei denen Niemand, nicht moraliſch, nicht ju⸗ ridiſch, an ihrer Thäterſchaft zweifeln konnte, der Juſtiz war damit genug gethan; aber über die Motive ihrer Thaten iſt nichts ermittelt, dem Pſychologen iſt nicht genug gethan. Hat ein Dämon an ihrer Wiege geſeſſen, hat ſie mit der Muttermilch den Trieb zum Verderben ihrer Mitgeſchöpfe eingeſogen? Iſt es nur der Haß und Neid gegen Glücklichere geweſen, die Rachſucht gegen Die, von denen ſie übel behandelt zu ſein glaubte, was


