442 Candidat Rüsau.
Freudig und ſtandhaft trat er jedesmal den Gang zu ſeinen Richtern an. Aus ſeinen Augen, die er nieder⸗ ſchlug, aus ſeinen Schritten, die ſchwankten, wollte man ihn der Verſtellung und Heuchelei beſchuldigen. Aber es war unrichtig. Die Veränderung der Luft machte ihn nur ohnmächtig, und die Augen ſchloß er, um Men⸗ ſchen und Gegenſtände um ſich herum nicht zu ſehen. Wenn er faſt immer mit den Zähnen an ſeiner Unter⸗ lippe nagte, nannte er das Vergeſſenheit ſeiner ſelbſt.
Von den Tauſenden, die zugelaſſen wurden, ihn zu beſuchen, ging keiner ohne Theilnahme, ohne Rührung und Thränen fort. Auch ſehr ſtrenge Männer, die frü⸗ her keine Strafe für zu ſchrecklich gegen ſolchen Böſe⸗ wicht erachtet, kamen von ihren Gedanken zurück und beklagten ihn.
Seine Unterhaltung war ſanft und einnehmender Art, er ſuchte zu belehren. Mit ſeinen beiden Mitgefangenen ſprach er viel und ſuchte ſie zu überzeugen, daß ſie ihre Vergehen durch Rechtlichkeit und ſtrenge Befolgung der Geſetze wieder gut machen könnten. Er wies jedem 10 Thaler an, damit ſie, wenn ſie frei kämen,„nicht nö⸗ thig hätten, gleich wieder aus Noth zu ſtehlen“.(Alſo mit zwei gemeinen Dieben hatte man einen Verbrecher der Art zuſammengeſperrt!)
Er wünſchte ſehnlichſt die Stunde ſeiner Verurthei⸗ lung und wurde immer unruhig, wenn es hieß: heut werden Sie nicht vors Gericht gebracht.
Wenn ein anderer Zug beglaubigt wäre, ſo würfe er ein bedeutendes Licht auf Rüſau's Charakter. Zu ei⸗ nem Bekannten hätte er geäußert: wie gern er in dem Gedächtniß ſeiner Mitbürger eine mildere, beſſere Mei⸗ nung von ſich zurücklaſſen möchte. Als dieſer erwidert: „Sorgen Sie nicht, Ihr Name ſoll noch mit Ehrfurcht
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