der Empörung engliſche Damen mit ihren Kindern ohne alle männliche Begleitung ganz ſicher durch ganz Oſtindien reiſten. Sie waren auf gefährlichen Straßen ſichrer als Männer. Ihr Geſchlecht ſchützte ſie. Officiere und Civiliſten wurden gelegent⸗ lich angefallen, beraubt, ſogar ermordet, Frauen blieben unbe⸗ läſtigt. Dieſe Schonung war nicht die Folge ritterlicher und galanter Gefühle, ſondern einfach Folge der Ueberzeugung, daß die Unbill an einer Dame jedenfalls ſchwer gerächt werden würde, während die Behörden über die Beraubung eines Mannes leichter hinweggehen. Dieſer Reiſende erzählt, daß, als er von Saha⸗ ranpur nach Umballah reiſte, man ihn vor einer gefährlichen Stelle gewarnt und ihm gerathen haben, hier Frauenkleider an⸗ zulegen. Er befolgte den Rath, ſein Palankin wurde richtig an⸗ gehalten, die Räuber öffneten ihn, aber als ſie die Damenklei⸗ dung ſahen, ſchloſſen ſie die Thür wieder, hießen die Träger ruhig weiter ziehen und empfahlen ihnen noch Fürſodge für die Mem⸗ſahib.
In keinem Punkte tritt der Fortſchritt unſrer Zeit beſtimm⸗ ter und großartiger hervor, als in der Behandlung der Irren. Noch ſind es kaum 70 Jahre, daß ſie menſchlich behandelt zu werden anfangen, wie Kranke, nicht wie Verbrecher. Mit Schmutz beladen waren die Unglücklichen in eine enge, kalte, feuchte Zelle eingeſperrt, ohne Fenſter, ohne Licht, ohne Tiſch, ohne Stuhl und Bett, nur mit einer Streu, wie für Hunde. Meiſt waren ſie mit Ketten beladen. So fand man nach dem Ausbruch der erſten franzöſiſchen Revolution die zwei Irrenhäuſer Bicétre und la Salpetrière, und jetzt erſt begannen hier die Reformen. In England geſchah dieß um dieſelbe Zeit. Eine Quäkerin warn
als Irre in das Aſyl von Newyork gebracht worden; ihre ent⸗
fernt wohnenden Verwandten baten näher wohnende Freunde ſie zu beſuchen; ſie wurden nicht eingelaſſen und die Quäkerin war nach wenigen Wochen todt. Dieß war der Anlaß zur Reform der Irrenhäuſer in England. Die Quäker erhoben keine Be⸗ ſchwerde, aber ſie beſchloſſen, ſich ein eigenes Aſyl für Irre zu bauen. Hier wurden zuerſt die Grundſätze zur Ausführung ge⸗ bracht, die ſich nachher in der Behandlung der Irren allmälig faſt überall Bahn gebrochen haben. Das geſchah ſehr langſam. Es iſt noch nicht lange her, daß in der Nähe von London eine große Privat⸗Irrenanſtalt beſtand, in welcher arme Frauen, nackt oder nur mit⸗Lumpen bedeckt, an ihre Bettſtellen angekettet waren. Jetzt beſtehen in England Irrenanſtalten, in denen grundſatzmäßig das Zwangshemd nicht zur Anwendung kommt, und die recht gut ohne es auskommen. Dieſes Princip hat einen ſehr fähigen Vertreter in dem Dr. Conolly gefunden, es iſt aber noch keineswegs als ſiegreich zu betrachten. In England hat es nach und nach die bedeutendſten Aerzte für ſich gewonnen, auf dem Continent dagegen hat es noch wenig Propaganda gemacht.
Die öſterreichiſche Hilfe für Hamburg, durch ein Anlehen von 10. Mill. Mark Silber, mag dankenswerth ſein, man darf indeſſen nicht vergeſſen, daß die Bank in Oeſtreich nur dadurch in Stand geſetzt iſt das Geld wegzuleihen, weil ſie das Privilegium bat, ihre Noten nicht einzulöſen. Hierauf darf man wohl auf⸗ merkſam machen, ohne in den Verdacht zu kommen, ein Feind Oeſtreichs zu ſein. Es wäre ungerecht in dieſem Fall Oeſtreich über Preußen zu erheben, welches das Anſinnen eines An⸗ lehens für Hamburg zurückwies; denn in Berlin muß man die baare Münze feſthalten, weil der Credit der Noten von der Ein⸗ lösbarkeit abhängig iſt. In Oeſtreich iſt das anders: die Bank giebt Noten aus ſo viel ſie mag und dieſe Noten haben Zwangs⸗ kurs und erſt vom Jahr 1859 an ſollen ſie gegen Silber ein⸗
gelöſt werden. Es muß ſich nun zeigen, ob die Hamburger Geldklemme überwunden wird. Sofern dieſelbe aus Schwindelei und Ueberſpeculation entſprang, kann ihr durch außerordent⸗ liche Mittel auf die Dauer nicht abgeholfen werden. Die ge⸗ fährlichſte Wirkung der Geldklemme iſt in Bezug auf die Arbeiter theils ſchon eingetreten, theils zu erwarten. Viele Fabriken ſind gezwungen ihre Production aufzugeben oder mindeſtens zu be⸗ ſchränken. Es wird daher von manchen volkswirthſchaftlichen Organen vorgeſchlagen, daß die Regierungen Vorſchüſſe geben ſollten um die Fabrikanten in Stand zu ſetzen aufs Lager zu ar⸗ beiten. Das iſt ein Vorſchlag, der mit dem Grundſatz der Nicht⸗ Einmiſchung des Staates in den Verkehr ſehr bedenklich con⸗ traſtirt. In England würde keinem Menſchen einfallen einen ſolchen Vorſchlag zu machen. Aber auf dem Continent iſt es nun einmal Sitte in allen Nöthen nach der Regierung zu ſchauen und von ihr Hilfe zu erwarten, und ſo wird man alſo in Deutſch⸗ land von Staatswegen Caſſen errichten um brotloſe Arbeiter zu beſchäftigen, während in Frankreich eine Million angewieſen wird, um hungernde Arbeiter auf Staatskoſten zu füttern. Solche Vergleichungen zwiſchen engliſcher und continentaler Sitte ſind ſehr geeignet uns Beſcheidenheit zu empfehlen: wir haben noch lange nicht das Recht uns über England zu erheben, wenn wir gezwungen ſind ſo ſchmählich gegen Grundſätze zu ſündigen, die wir doch ſelbſt theoretiſch als die allein richtigen anerkennen.
In Frankreich iſt unter dem Titel:„Allein“ eine Lebens⸗ geſchichte von Alexander Selkirk erſchienen, welche das Urbild für De Foe's Robinſon war, der in ſo unzähligen Bearbeitun⸗ gen die Aufmerkſamkeit der europäiſchen Kinderwelt ſpannte. Der Verfaſſer des franzöſiſchen Buches iſt Saintine. Selkirk war ein junger Seemann, geboren in Schottland im Jahr 1680., der ſeine Heimath verließ und in Folge von mancherlei abenteu⸗ erlichen Erlebniſſen auf einer menſchenleeren Inſel ausgeſetzt wurde. Nachdem er vier Jahre und einige Monate dort unter den furchtbarſten Leiden und Entbehrungen zugebracht hatte, wurde er von einem engliſchen Schiffe aufgefunden und nach England gebracht. Seine Reiſe glich einem Triumphzug, man drängte ſich um ihn, man wollte ſeine Erlebniſſe aus ſeinem eignen Munde hören. Alle Zeitungen redeten von ihm und es erſchienen mehre Bücher, die mit ſeinen Abenteuern angefüllt waren. Eines davon erhielt eine europäiſche Bedeutung: der Robinſon von De Foe. Während ſeine Leidensgeſchichte die Runde um die ganze civiliſirte Welt machte, lebte das Urbild des Robinſon friedliche Tage in ſeiner Heimath: er heirathete, wurde Fabrikbeſitzer und erreichte ein hohes Alter. Bei Sain⸗ tine iſt die Schilderung des Kampfes mit der Unkultur ergreifen⸗ der als bei Daniel de Foe, weil jener mehr der Wirklichkeit nach⸗ zeichnet. Saintine hat die Wahrheit, de Foe die Dichtung ver⸗ treten; letztere iſt heiter, während jene nur zu oft bitter iſt. Saintine's Werk macht einen tief traurigen Eindruck, denn er. beſtrebt ſich nachzuweiſen, wie der göttliche Funke in der menſch⸗ lichen Seele erliſcht durch das Alleinſein. Die Seelennacht, welche den Einſamen befällt, als er entdeckt, daß die Inſel men⸗ ſchenleer iſt, wird mit entſetzlicher Naturtreue geſchildert. Nach und nach betäubt die Sorge für die Bedürfniſſe des täglichen Lebens jede Seelenregung überhaupt, ſowohl traurige als hei⸗ tere; die grenzenloſe Noth ſpornt den Einſamen zu verzweifelter Thätigkeit an. Um ein Fünkchen Feuer zu erlangen, bedarf es unglaublicher Anſtrengungen; es gelingt ihm endlich durch Pulver, welches ſich noch in ſeinem Gewehr befindet, einiges Geſträuch anzuzünden. Wie das Feuer den Veſtalinnen, muß er das mühſam Errungene Nacht und Tag bewachen und mit Holz nähren, denn er kann es nicht noch einmal hervorbringen.


