Mitteln einzuſpringen vermag. Freilich vom Standpunkte der Nützlichkeit iſt's weder ein Wunder, noch ein Opfer. Denn die Silberbarren, welche bisher in den Kellern der Nationalbank lagen, verzinſen ſich jetzt mit 6 Procent. Man wird ſicherlich auch nicht anſtehen, mit dieſem geſchäftlichen Vortheile die tauſendfachen Procente zu verdunkeln, welche der geſammten Handelswelt Deutſchlands aus dieſer Hülfe erwachſen. Beſonders wenn es gilt, abermals den alten Widerwillen gegen die Ver⸗ ſchmelzung des öſtreichiſchen und deutſchen Zollgebiets irgendwie berechtigt erſcheinen zu laſſen, zu deren Förderung ſoeben in Wien abermals Conferenzen ſtattfinden. Wer übrigens Luſt hat, auch bei Gelegenheit der materiellen Noth und ihrer Begeg⸗
nung nachzudenken über die Verſchiedenheit der Stellung der
Staatsgewalten zu den Lebensbewegungen ihrer Unterthanen, dem bietet ſich gegenwärtig der Stoff zu mancherlei Betrachtun⸗ gen. In Englandbeſchließt die Volksvertretung, es den Miniſtern zu verzeihen, daß ſie in der Noth des Augenblicks die Geſetze der Bank außer Kraft erklärten, um die Selbſthülfe des Publikums nicht zu erſchweren. In Deutſchland ermächtigt ein hochherziger Fürſt das größte Geldinſtitut ſeines Landes, demjenigen Handels⸗ ſtande, in deſſen Kreiſen ſich die Kriſis am verderblichſten lokali⸗ ſirt, eine Summe darzubieten, damit er nach eigenem Ermeſſen mit deren freier Verwendung den Weg zur Wiederherſtellung normaler Verhältniſſe eröffne. In Frankreich, deſſen ganzes Streben ſeit dem Ausbruche der finanziellen Krankheit offenbar nur dahin gerichtet war, der Welt es zu verbergen, wie tief auch unter napoleoniſcher Beglückung die Nothſtände ſich eingefreſſen haben in die produktive Bevölkerung— da ſchenkt der Kaiſer eine Million Franken zur Almoſenvertheilung unter die hungern⸗ den Arbeiter. das Uebel aus ſich ſelbſt heraus zu heben, während Frankreich es äußerlich übergoldet und zum Andenken Deſſen eine Münze
mit des Kaiſers Bildniß prägt, worauf die beſcheidene Inſchrift
zu leſen iſt: Elu par Dieu, enthronisé par le peuple, il a réconcilié le ciel et la terre— Gloire à lui! 1 Doch wenden wir uns von dieſen ernſten Dingen zu den tagesläufigen Erſcheinungen. Die erſte, die ſtillere Hälfte des Winters endet; und daß ſie noch ernſter als ſonſt in den Geſell⸗ ſchaftskreiſen der Städte verlief, war bei ſo ſchwerer Gefährdung der materiellen Intereſſen ſehr natürlich. Man ſchreibt's aus allen Emporien des Luxus und der Lebensluſt, daß der Geſell⸗ ſchaftlichkeit der friſche Hauch und Aufſchwung fehle. Mit
So ſucht man alſo in England und Deutſchland
ernſteren Dingen ſucht nun Kunſt und Wiſſenſchaft die Aufmerk⸗ ſamkeit der mißgeſtimmten Welt auf ſich zu lenken. Hätten wir in der dramatiſchen Literatur jetzt einen tüchtigen Dichter— welch' glückliche Zeit wäre es für ihn, um mit ſeinem Werke hervorzutreten! Aber nichts von alle dem. Mühſelig ſchleppen ſich die Bühnen hin, entweder Altes erneuend, oder in wieder⸗ holt mißglückenden Verſuchen, mit Neuem zu reizen. Es hat vielleicht kaum noch eine ſo vollkommen unfruchtbare Zeit des Dramas gegeben als unſere Gegenwart. Der Grund liegt nahe. Wo Alles auf Proviſorien geſtellt iſt, da kann die Geſtaltung mächtiger Leidenſchaften, gewaltiger Conflikte und großer Thaten nicht gedeihen.— Anſtatt der Schöpfungskraft in Kunſt und Wiſſenſchaft ſucht der Drang der Zeit ſich immer von neuem klar zu machen über die Reſultate der Cultur, mit denen unſere Gegenwart des Lebens Umgeſtaltung in's Werk zu ſetzen hätte— wenn die Charakterkraft gleichen Schritt hielte mit der Bildung. Die Menge der populären Vorleſungen über kulturgeſchichtliche, äſthetiſche und fachwiſſenſchaftliche Dinge ſind eine ſpezifiſche Erſcheinung unſerer Zeit. Wer möchte ſie tadeln? Aber wie die ſogenannte populärwiſſenſchaftliche Literatur die Geſahr in ſich trägt, Halbwiſſerei und falſche Begriffe in Schwung zu ſetzen und der Oberflächlichkeit ein anmaßliches Selbſtbewußtſein zu verleihen, ſo noch in höherem Grade ein großer Theil jener Vorleſungen. Um amüſant zu ſein, überſpringen ſie nur allzu⸗ leicht die einzelnen Bindeglieder zwiſchen ihren Belehrungen mit Anecdotenkram und Redensarten. Was tieferes Eindringen erfordert, wird meiſtens noch flüchtiger übergangen, als in der populären Literatur; und die Koketterie des Vortrags hat natür⸗ lich hier noch einen größern Raum als dort. Zugleich wenden ſich dieſe Vorleſungen ganz natürlich ſehr ſpeciell an die Beſon⸗ derheiten und Lieblingsideen der lokalen Kreiſe, an welche ſie adreſſirt ſind. So wird ſelbſt in der populären Wiſſenſchaft ein gewiſſer Partikularismus gefördert und das allgemeine nationale Element, ſo oft es auch genannt werde, mehr und mehr hint⸗ angeſetzt. Wie dies bereits praktiſch wirkt, bezeugt die Thatſache, daß ſeit ungefähr einem Jahr die periodiſche Lokalliteratur mit einem bunten Gemiſch von Belletriſtik und populärer Wiſſen⸗ ſchaft an Zahl außerordentlich gewachſen iſt. Auch für das neue Jahr ſind wieder eine Menge derartige Unternehmungen kleinen Styls in Ausſicht geſtellt. Rechnen wir ſie zu den Weihnachts⸗ gaben oder zu den Dangergeſchenken? Darüber möge Jeder mit ſich ſelbſt berathen.
Was beliebt.
Engliſche Blätter melden, daß während der indiſchen Meu⸗ terei nur fünf Europäer von der Sache ihrer Landsleute abge⸗ fallen ſeien, vier durch Verläugnung ihrer Religion, Einer, in Delhi, durch förmlichen Anſchluß an die Sache der Sepoy's, doch ſoll über den letzteren Fall noch Zweifel herrſchen. Hunderte, darunter zarte Frauen und Jungfrauen, haben ſich unter das ſchrecklichſte Schickſal gebeugt, ohne an einen Abfall zu denken. Man muß den Engländern das Zeugniß geben, daß ſie zu herr⸗ ſchen wiſſen: ſie bilden, den 200 Millionen Eingebornen gegen⸗ über, eine Einheit, von der man in unſrem Deutſchland gar keine Ahnung hat. Dieſe Einheit macht ſich in Oſtindien auch in den ruhigſten Zeiten bemerklich. Zwei Engländer, die ſich früher nie geſehen, werden ſich gleich bei der erſten Begegnung, ohne auch nur ihre Namen zu wiſſen, mit dem größten Vertrauen entgegen kommen. In dieſer Einheit, in dieſem Gefühl der
Gemeinſchaft liegt das Geheimniß der brittiſchen Kraft, das den Eingebornen imponirt und die Herrſchaft eines kleinen Häuf⸗ chens über 200 Million ermöglicht. Dadurch aber erſcheinen die Britten als eine in jeder Beziehung überlegene Race, die man haßt, aber der man ſich beugt. Kein Volk wird mit Wohlgefallen Fremde über ſich herrſchen ſehen, fremdes Joch wird immer nur knirſchend ertragen, aber es bedurfte außerordentlicher Vorbe⸗ reitungen und Verſchwörungen und vor Allem jenes Mangels an Vorſicht von Seite der Herrſcher, welcher die Folge des Be⸗ wußtſeins der Ueberlegenheit iſt, um eine Empörung hervorzu⸗ rufen, und dann waren es nur die durch engliſche Intelligenz organiſirten Sepoy’s, welche ſich empörten, das übrige Volk verharrte in zitterndem Gehorſam. Als Beleg für die Furcht, mit welcher die ganze Bevölkerung ſich der Herrſchaft Englands fügt, berichtet ein engliſcher Reiſender die Thatſache, daß vor


