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Unter ſeinem Nachfolger, Sir John Shore(Lord Teignmouth), ward die Neutralitätspolitik ſtreng aufrecht erhalten. Ganz entgegengeſetzt aber war die Politik des nächſten General⸗ gouverneurs Lord Morningtons, oder, wie er ſpäter hieß, Marquis Wellesley's, unter welchem deſſen Bruder Arthur Wellesley, ſpäter Herzog von Wellington, ſich zuerſt einen Namen machte. Die ſchwache Politik Shore's hatte den engliſchen Namen in Oſtindien wirklich mit Verachtung be⸗ laſtet. Weil die Engländer friedlich waren, hielten die Aſiaten ſie für unkriegeriſch und feig; denn in Aſien imponirt nur die brutale Gewalt. Wellesley ſah, daß er den Nimbus engliſcher Stärke wiederherſtellen mußte. Tippo Sahib complottirte mit den Franzoſen und mit Bonaparte, der da⸗ mals in Aegypten ſtand, um die Engländer aus Oſtindien zu vertreiben. Da galt kein langes Beſinnen. Ein kurzer, ſiegreicher Feldzug endigte mit der Einnahme von Seringa⸗ patam und dem Tod Tippo Sahibs, des gefährlichſten Feindes der engliſchen Herrſchaft. Eine theils direkte, theils indirekte Gebietsvermehrung von 20,000 engl. Quadratmeilen war die Folge dieſes Sieges. Daran reihte ſich eine feſtere Be⸗ gründung der Oberherrlichkeit über den Nizam, der einen Theil ſeines Gebiets förmlich abtrat; eine Theilung des Königreichs Audh und ein mehr oder weniger willkürliches und räuberiſches Verfahren gegen andre eingeborne Fürſten. Die folgenreichſte That war die Auflöſung des Mahratten⸗ reichs, welches den größten Theil von Oſtindien umfaßte und den Großmogul ſelbſt als ſeinen Gefangenen hielt. Dieſer wurde von den Engländern befreit und trat ihnen ſeine ganze Gewalt ab. So war denn die um ſich greifende Annexationspolitik in der ſchönſten Blüthe, als 1805 Lord Wellesley abgerufen wurde und eine ganz entgegengeſetzte Politik begann.
Dieſe dauerte unter den Statthalterſchaften von Lord Cornwallis, Sir George Barlow und Lord Minto von 1805 bis 1813. Auch der Nachfolger Minto's, Lord Haſtings, kam mit der Abſicht ſie fortzuſetzen, aber ehe er ſich's verſah, war er in Krieg verwickelt, und dieſe regel⸗ mäßige Abwechslung von Krieg und Frieden, während die Abſicht im Weſentlichen immer eine friedliche iſt, beweiſt deutlich, daß eine kriegeriſche Politik zur Aufrechthaltung des britiſchen Nimbus von Zeit zu Zeit ganz unvermeidlich war.
Der Krieg gegen die Gurkas von Nepal, welche das britiſche Gebiet beunruhigten, war im Intereſſe der britiſchen Herr⸗
Auch hatte er den
ſchaft ganz unumgänglich nothwendig.
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die zuverläſſigſten Freunde Englands geblieben, ihre Trup⸗ pen im britiſchen Dienſt waren ſtets tapfer und treu. Noch wichtiger war die völlige Demüthigung der Mahratten, ſo daß die Compagnie jetzt alles Land zwiſchen dem Ganges und dem Indus direkt oder indirekt beherrſchte. So fand Lord Amherſt, als er ſeine Statthalterſchaft 1823 antrat, das Innere von Oſtindien beruhigt. Aber ein äußerer Feind, die Birmanen, durfte nicht länger ignorirt werden. Dieſer hatte ſchon lange die Grenzen des indobritiſchen Reichs be⸗ unruhigt; eine längere Toleranz wäre in Aſien unbedingt als Schwäche betrachtet und mit Verachtung belohnt worden. So brach der erſte birmaniſche Krieg aus. Er war anfangs nicht glücklich, endigte aber mit einem ehrenvollen Frieden, welcher das benachbarte britiſche Gebiet gegen fernere Be⸗ läſtigung ſicher ſtellte.
Die nun folgende ſiebenjährige Statthalterſchaft Lord William Bentincks von 1828 bis 1835 iſt durchaus fried⸗ lich. Um ſo weniger waren es die nachfolgenden Regie— rungen von Auckland Ellenborough u. ſ. w. Dem un⸗ glücklichen Feldzug nach Afghaniſtan folgte die Eroberung und Annexirung von Sind. Allerdiugs wurde Ellenborough abberufen, um dieſer kriegeriſchen Politik ein Ziel zu ſetzen, aber ſein Nachfolger Hardinge konnte ſeine friedlichen Ab⸗ ſichten nicht erfüllen. Er wurde von den Sikhs angegriffen, deren großer Maharadſcha, der Freund Englands, vor Kurzem geſtorben war. Sie wurden in zwei Feldzügen ge⸗ ſchlagen und das Pendſchab annexirt. Dieſem Akt ließ 1856 Dalhouſie, der neue Generalſtatthalter, die verhäng⸗ nißvolle Annexirung von Audh folgen, dem letzten unab⸗ hängigen mahomedaniſchen Staate, aus welchem der größte Theil der eingebornen Truppen der oſtindiſchen Compagnie gezogen wurde. Es wurde vorausgeſehen, daß dieſer Akt in ganz Oſtindien großes Mißvergnügen erregen würde. Die Meuterei der Sepoys war die Antwort, welche Oſtindien den Engländern gab. Allein der Schritt war geſchehen und ſeine Folgen mußten überwunden werden.
Sie ſind es jetzt ſoweit, daß die ganze Empörung ſich in Audh zuſammengedrängt hat und hier erſtickt werden kann. Wenn dies geſchehen, wird ganz Oſtindien auf's neue der britiſchen Herrſchaft unterworfen ſein. Dann wird es an
der Zeit ſein, über die Maßregeln zu berathen, um dieſe
Herrſchaft für die Zukunft gegen neue Empörungen zu ſichern, und wahrſcheinlich wird die Gewalt der Krone zum Nachtheil der Compagnie noch mehr ausgedehnt werden, als
beſten Erfolg; eine neue Grenze wurde feſtgeſetzt und von dies ſchon durch die Pitt'ſche Akte und deren ſpätere Er⸗
den Gurkas der Friede ſtreng eingehalten. Sie ſind ſeitdem
neuerungen und Zuſätze geſchehen iſt.
Aus dem Weltleben.
Iſt's denn erlaubt, auch in dieſen Tagen der Weihnachts⸗ freude an des Lebens Ernſt und Noth zu erinnern? Und warum nicht? Es trifft ſich ja ſo ſelten, daß die ernſthafte und herzloſe Jahresgeſchichte juſt auch zu Weihnachten einige Kerzen anzündet, um damit die Menſchen zu erinnern, daß auch das Weltleben noch ſeine gleichſam gemüthlichen Momente hat. Freilich weiß man, daß die Gemüthlichkeit nicht das Maaßgebende iſt für politiſche oder volkswirthſchaftliche Weihnachtsgeſchenke. Aber einen freundlichen Zufall mag man es immerhin nennen, wenn es ſich ſo trifft, daß ein hochherziger Entſchluß gerade zur Weih⸗
nachtsfeier die trübe Finſterniß aufhellt, worein der Gang der Dinge weite Kreiſe verſenkte. Und ſolch ein hochherziger Ent⸗ ſchluß war es, als der Kaiſer von Oeſtreich dem verzweifelnden Hamburger Handel eine Anleihe von 10 Millionen nicht etwa auf demüthige Bitten gewährte, ſondern in freier Entſchließung zum Beſten des geſammten Vaterlandes darbot. Es iſt nebenbei eine ſeltſame Erſcheinung, daß juſt das Land, deſſen Finanzen uns wie der größte Hinderungsgrund einer volkswirthſchaftlichen Vereinigung ganz Deutſchlands von gewiſſen Seiten hingeſtellt wird, im Momente der Noth das einzige iſt, welches mit baaren


