Zur Geſchichte des britiſchen Reichs in ſtindien.
Die britiſche Herrſchaft in Oſtindien umfaßt bekanntlich
ein Gebiet von 200 Mill. Menſchen und die reichſten Länder der Welt und eine Geſellſchaft von Kaufleuten gründete dieſes unermeßliche Reich. Aber nicht Jedermann kennt die un⸗ endliche Kleinheit der Anfänge dieſer Handelsgeſellſchaft. Als
ſie im Jahre 1609 gegründet war, reichten alle Drohungen l, deſſen Her 3 der Geſellſchaft die Rechte einer ſouveränen Macht. Die
und alle Bemühungen der Direktoren nicht hin, die Aktionäre zur Einzahlung der für die erſte Expedition erforderlichen Gelder zu vermögen. Es bildeten ſich nun kleine Aſſociatienen von Aktionären, welche dieſe Summe aufbrachten, natürlich unter Vorbehalt des geſammten Profits. Die erſte Expe⸗ dition koſtete 69,000 Pfd. Dies war der Anfang der oſt⸗ indiſchen Compagnie. Die Vortheile betrugen in den erſten 13 Jahren 132%.
Die Geſchäfte der Compagnie bis gegen das Ende des 17. Jahrhunderts waren rein kaufmänniſche, und ſie waren ſo gut, daß die Aktien mit 360% Agio bezahlt wurden. Sie hatte aber von Carl II. und Jakob II. die Gewalt be⸗ kommen, mit nichtchriſtlichen Fürſten Krieg oder Frieden zu machen, Juſtiz zu üben und alle ohne Freiſchein in ihrem Gebiet aufgefundenen Engländer gefangen nach Hauſe zu ſenden. Jetzt begann das Syſtem der Einmiſchung in die Verhältniſſe der eingebornen Gewalten und dieſe Einmiſchung verſchlang große Summen. 1686 führte die Compagnie Krieg gegen den Großmogul, und zwar einen unglücklichen Krieg. Sie verlor faſt ihre ſämmtlichen Beſitzungen. Doch dies war nicht das Einzige. Es regten ſich nun auch die Gegner in England, aufgeſtachelt durch die Eiferſucht auf die Handelsvortheile, deren Monopol die Geſellſchaft beſaß, und ſchon jetzt wurde es nöthig, nicht unbeträchtliche Summen aufzuwenden, um durch Beſtechung dieſer Gegner in England ſich zu erwehren. Eine zweite Compagnie erhielt gleichwohl die königliche Beſtätigung, und erſt im Jahre 1726 konnten die beiden Geſellſchaften als verſchmolzen betrachtet werden. Jetzt wurden auch die Geſchäfte mit neuem Eifer wieder auf⸗ genommen. Die Eiferſucht der Gegner beſiegte man durch Anlehen, die man dem Staate zu mäßigen Zinſen machte.
Mittlerweile zerfiel das Reich des Großmogul immer mehr, und die Vaſallenfürſten machten ſich immer mehr un⸗ abhängig. Die Hindus, die bei ihren Regierungen keinen Schutz mehr fanden, überwanden ihren Haß gegen Europäer und Chriſten und ſtrömten maſſenweiſe auf das Gebiet der oſtindiſchen Compagnie, wo ſie Sicherheit für ihr Eigenthum, Schutz für ihren Handel fanden. So wurde die Compagnie mit zwingender Nothwendigkeit in die inneren Verhältniſſe Hindoſtans hineingezogen, ihre Miſſion wurde von Tag zu Tag weniger kaufmänniſch, mehr politiſch.
Zu dieſer Wendung trug nicht wenig die franzöſiſche Politik bei. Die Franzoſen hatten ebenfalls Niederlaſſungen in Oſtindien gegründet, und beim Ausbruch der Kriege mit England im 18. Jahrhundert gedachten ſie die Engländer völlig aus Oſtindien zu vertreiben und ſich zu Herren dieſes Landes zu machen. Heftige Kämpfe wurden ausgefochten, indem die Engländer wie die Franzoſen die rivaliſirenden Gewalten in Hindoſtan unterſtützten. Clive's großes ſtaats⸗ männiſches und kriegeriſches Talent entwickelte ſich unter dieſen Kämpfen, die mit der Niederlage der Franzoſen endigten. Während derſelben wurden die erſten Sepoys verwendet. Die Franzoſen hatten den Anfang gemacht, die Engländer folgten nach.
Während dieſer Kämpfe hatte Clive den Grund zur ſouveränen Herrſchaft der Compagnie über Bengal, Bahar und Oriſſa gelegt, freilich durch Mittel ächt orientaliſcher Art, aber mit ungeheuren Geldvortheilen für die Compagnie, wie für die einzelnen Beamten. 1765 verlieh der Groß⸗ mogul, deſſen Herrſchaft faſt nur noch eine nominelle war,
Einkünfte von Bengal, Bahar und Oriſſa wurden auf 1,700,000 Pfd. geſchätzt.
Von nun an wurde es für die Beamten der Compagnie in Oſtindien der leitende Geſichtspunkt, Gebiete zu erwerben und Kriege zur Gelderpreſſung zu benutzen. Die Direktoren waren weit mehr gegen als für dieſe Politik ihrer Beamten, allein ſie vermochten ſie nicht zu hindern, wie ſie ſich über⸗ haupt mit einer gewiſſen Nothwendigkeit ergab. Eine Er⸗ werbung trieb weiter zu einer andern. Dazu kam dann aber noch die Habſucht der Beamten, die in einer um ſich greifen⸗ den Politik ihren Vortheil fanden. Ungeheure Summen
floſſen unter der Form von Geſchenken u. ſ. w. in die Taſchen.
der Beamten. Clive z. B. erhielt, außer einer Million Pfd. baar ein Dſchaghir von 30,000 Pfd. St. Rente; 6 Mil⸗ lionen Pfd. St. wurden binnen 7 Jahren unter die übrigen Beamten vertheilt. Und das waren die bekannten, offenen Geſchenke.
Dieſe Kriege koſteten Geld, viel Geld, der Handel konnte ſie nicht bezahlen, die Verhältniſſe der Compagnie wurden ſehr zerrüttet, denn die Aktionäre verlangten zu Hauſe ſtarke Dividenden. Woher das Geld nehmen? Das war die Frage. Warren Haſtings, der neue Generalgouverneur ſeit 1772 löſte ſie, indem er das ſchon vorhandene Raub⸗, Plün⸗ derungs⸗ und Eroberungsſyſtem noch feiner ausbildete. Er verſchaffte der Compagnie Geld; und dieſe Thatſache breitete einen Mantel auf alle die grauenvollen und volkswirthſchaft⸗ lich verderblichen Mittel, die er anwandte. Die Compagnie hatte Schulden, Haſtings bezahlte ſie und füllte ihre Kaſſen wieder. Freilich mußte ein ſolches Raubſyſtem zuletzt die Verarmung des Landes zur Folge haben.
Dieſe heilloſe Verwaltung führte endlich, da die Com⸗ pagnie ſich genöthigt ſah, die Unterſtützung des Staates an⸗ zurufen, zur erſten Pitt'ſchen India⸗Akte, durch welche eine ſtaatliche Controllbehörde(board of control) eingeſetzt und für die höchſten Beamten die ſtaatliche Beſtätigung, nach Um⸗ ſtänden ſogar die Ernennung vorbehalten wurde. Die wichtigſte Beſtimmung war, daß kein Statthalter ohne ausdrückliche Vollmacht vom Direktorenhof ſich in einen Krieg einlaſſen ſolle. Es wurde dadurch die bisherige Eroberungspolitik verworfen, aber, wie ſich bald zeigte, nur in der Theorie, denn in Wahrheit begann jetzt erſt die großartige Annexa⸗ tionspolitik..
Für den Augenblick zwar noch nicht; der erſte General⸗ gouverneur unter der India⸗Akte, Lord Cornwallis, ein Theoretiker in der Verwaltung, geſtaltete die inneren Ver⸗ hältniſſe des indobritiſchen Gebietes um, und wenn auch Manche ſeine Maßregeln loben, ſo iſt doch gewiß, daß er eine Revolution der ganzen Eigenthumsverhältniſſe hervor⸗ brachte und zahlloſe Prozeſſe veranlaßte. Was aber ſeine äußere Politik betrifft, ſo beſchränkte er ſich auf die Abwehr der Angriffe Tippo Sahibs, des Sultans von Myſore, der die Feindſchaft gegen England von ſeinem Vater geerbt, und den Lord Cornwallis zu einem nachtheiligen Frieden zwang.


