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Volkswirthſchaftliche Skizzen.
Von H. Schulze⸗Delitzſch. XII. Der Lohn.
Was der Preis in Beziehung auf Sachen, drückt der Lohn in Beziehung auf die Arbeit aus, ihren Werth, ihre Tauſchfähigkeit gegen Geld, ſo daß man ihn den Preis der Arbeit nennen könnte. Doch kommt hier die auf ſelbſt⸗ ſtändige Produktion von Sachgütern gerichtete Arbeit nicht in Betracht, welche eben in deren Preiſe ihr Aequivalent empfängt. Vielmehr wird der vorzugsweiſe ſo genannte Arbeitslohn an ſolche Arbeiter gezahlt, die nicht für eigne Rechnung thätig ſind, ſondern ihre Leiſtungen, ohne an Ge⸗ winn und Verluſt des Geſchäfts Theil zu nehmen, einem Dritten, dem Unternehmer, gegen einen nach Tagewerk oder Stückzahl beſtimmten Lohn, verdingen, ihm ihre Ar⸗ beitskraft gegen eine feſte Remuneration, zur Benutzung für ſeine Zwecke und nach ſeiner Anordnung, zu Gebote ſtellen.
Demnach hängt die Höhe des Lohnes von dem Werthe der Arbeit, den Leiſtungen des Arbeiters ab. Der Werth der Arbeit kann aber, der Natur der Sache nach, von keinen andern Faktoren beſtimmt werden, wie der aller übrigen Gegenſtände, insbeſondere der Sachgüter, was ſchon aus dem früher erörterten Satze hervorgeht: daß der Werth der Dinge lediglich in der darauf verwendeten Arbeit zu ſuchen iſt, und ſich am letzten Ende ſtets in Arbeitslöhne auflöſt. Daher kommt bei Verwerthung der Arbeit Alles auf die größere oder mindere Schwierigkeit oder Leichtigkeit an, ſich eine Arbeit, d. h. Arbeiter einer beſtimmten Klaſſe zu verſchaffen, mit einem Wort auf Angebot und Nach⸗ frage. Nun hängt aber die Nachfrage, der Begehr nach Arbeitern, natürlich von dem Umfange der Produktion, der induſtriellen Thätigkeit in einem Lande ab, welche ihrerſeits wiederum durch den Umfang des zu induſtriellen Zwecken disponibeln Kapitals, als dem zur Zahlung von Arbeits⸗ löhnen erforderlichen Fond, bedingt wird. Das Angebot von Arbeitern dagegen ſteht ſtets im Verhältniß zu der Menge Derer, welche Beſchäftigung ſuchen. Das natürliche Geſetz, welches die Lohnhöhe regelt, läßt ſich daher ſpecieller dahin faſſen, daß dieſelbe ſich ergiebt:
1) aus der Größe des produktiven Kapitals in einem
Lande einerſeits und
2) aus der Menge der vorhandenen Arbeiter, welche in
der Produktion Beſchäftigung und Unterhalt ſuchen.
Keins dieſer Momente für ſich allein iſt hierbei ent⸗ ſcheidend, ſondern nur das Verhältniß, in welchem beide zu einander ſtehen. Der Lohnfond kann in einem Lande größer ſein, als in einem andern, und dennoch die Löhne in dem erſtern niedriger ſtehn, wenn nämlich die Menge der Arbeiter daſelbſt ſo bedeutend iſt, daß trotz der großen Nachfrage nicht alle Beſchäftigung finden, Arbeitern fehlt. wo die Nachfrage nach Arbeitern das Angebot überſteigt, entweder nach Arbeitern überhaupt, oder in einer ſpeciellen Branche; wo alſo Menge und Umfang der induſtriellen
Unternehmungen ſo groß ſind, daß die vorhandene Arbeiter⸗ taliſten nicht zu.
zahl dazu nicht genügt.
Wie vergeblich daher alle willkürlichen Eingriffe von außen in dieſe natürliche Regelung der Lohnverhältniſſe ſind, folgt ſchon daraus, daß eine beſtimmte thatſächlich gegebene Schranke für die Lohnhöhe vorhanden iſt, deren Ueberſchrei⸗ tung vollkommen in der Unmöglichkeit beruht. Zur Zahlung
in dem andern es dagegen an Denn nur da können die Löhne ſteigen,
aller und jeder Art von Arbeitslöhnen, wie hoch oder niedrig dieſelben auch ſein mögen, gehört, ſowohl in einem beſtimm⸗ ten Etabliſſement, wie in einem ganzen Lande, vor allen Dingen ein Fond, deſſen Grenzen auch die Grenzen für die Summe der Löhne bilden, welche überhaupt denkbarer Weiſe gezahlt werden können. Eine Staatsbehörde, welche eine Lohnerhöhung darüber hinaus dekretiren wollte, müßte daher zugleich die Macht beſitzen, vorerſt das Wachſen dieſes Fonds durch ihre Dekrete zu bewirken. Denn den Unternehmern befehlen, mehr an Löhnen zu zahlen, als ihr Fond zuläßt, als ihnen möglich iſt, iſt eine Abſurdität. Nur wenn ſie einen Theil ihrer Arbeiter entlaſſen, ſind ſie im Stande, den Reſt höher zu lohnen; ſollen ſie aber Allen an Lohn zulegen, ohne daß es ihr Lohnfond erlaubt, ſo heißt das ſoviel, als ihnen den Bankerott aufzwingen und ſie zur Schließung ihres Etabliſſements nöthigen; Eventualitäten, die ſicher nicht dem Intereſſe der Arbeiter entſprechen. In die oben angedeutete Alternative ſehen wir nicht ſelten die Inhaber großer Ge— ſchäfte zur Zeit einbrechender Handelskriſen oder ſonſtiger Ereigniſſe verſetzt, welche den Verkehr plötzlich lähmen und den Abſatz ihrer Fabrikate, den Eingang ihrer Geldforderungen für kreditirte Waaren hemmen. Da das von ihnen Behufs der Produktion angelegte Kapital ſich nicht wieder, wie es ſollte, aus den Einkünften ihres Geſchäfts erſetzk, können ſie dieſes nicht mehr in dem bisherigen Umfange, manchmal wohl auch gar nicht forttreiben. Nehmen wir an, daß ſie im Stande ſind, noch die Hälfte hinfort zu produciren, ſo bleibt ihnen alsdann die Wahl, entweder ihre ſämmtlichen Arbeiter auf die Hälfte der bisherigen Beſchäftigung und des bisherigen Lohns herunterzuſetzen, oder die Halbſchied der Arbeiter zu entlaſſen, um dem Ueberreſt das frühere fortgewähren zu können. Sicher iſt die erſtere Maßregel bei dergleichen Kalamitäten das Humanere und Vernünftigere, weil es beſſer iſt, daß ſich dann lieber Alle eine Zeit lang knapper einrichten, als daß ein Theil völlig aufgeopfert werde. Das⸗ ſelbe gilt aber auch alsdann, wann ohnedies, durch Ueber⸗ füllung des Arbeitsmarktes mit Arbeitern, der allgemeine Lohnfond nicht mehr ausreicht, um Allen einen gewiſſen Lohnſatz fortzugewähren, ſo daß auch in dieſem Falle eine
Herabſetzung der Löhne auf einen Betrag als das Ange⸗
meſſenſte erſcheint, welcher es zuläßt, daß ſoviel als möglich
Allen eine wenn auch minder einträgliche Beſchäftigung ge⸗
ſichert bleibt.
Daß übrigens das Kapital ſtets und von ſelbſt, ja mit innerer Nothwendigkeit, die Tendenz nach Anlage in irgend einem produktiven Unternehmen verfolgt, liegt ſchon in ſeinem Weſen und Begriff. Denn eine Summe, die nicht ſolcher⸗ geſtalt angelegt wird, iſt gar kein Kapital, ſondern eine todte werthloſe Maſſe, die keine Rente gewährt, gleich dem Gold in den Tiefen der Berge. Das weiß heutzutage Jeder, und Niemand vergräbt ſeine Schätze und verſchließt ſein Geld im Kaſten, das läßt ſchon das Eigenintereſſe der Kapi⸗ So kommen daher auch die beträchtlichen Summen, welche die induſtriellen Unternehmer häufig als Gewinn aus ihren Geſchäften ziehn, den Arbeitern im All⸗ gemeinen ſtets wieder zu gut. Mögen die Unternehmer das Geld zu ihrem eigenen Konſum verwenden, eine ſchöne Villa,
einen Garten anlegen, reiche Ameublements, koſtbare Weine


