ſchen Fluch dazwiſchenwetterte und nun wirklich in ſauſen⸗ der Flucht über den Alexanderplatz, die werſtlange Admi⸗ ralität entlang, vorüber am Standbild Peters des Großen hinausjagte auf die gefrorene Newa und quer über ſie
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hinweg gen Waſſilij⸗Oſtrow, dem Inſeltheile, welcher vor⸗
zugsweiſe von deutſchen Kaufleuten bewohnt wird.
Nahe am jenſeitigen Ufer, als juſt die erſten Laternen im wirbelnden Schnee ſichtbar wurden, lenkte plötzlich der Fuhrmann auf der Newa die jagenden Roſſe nach der Richtung von Kronſtadt hinaus. Inſaſſe des Schlittens. Keine Antwort, nur noch tolle— res Jagen der Pferde. Es waren in den letzten Tagen wieder mehrere Fälle vorgekommen, daß die Iswoſchtſchiks (Fiaker) Fremde hatten verſchwinden laſſen. Im Nu hatte der Fragende ſeine Arme aus der Pelzhülle befreit und eben ſo raſch das Blechſchild gefaßt, welches jedem Iswoſchtſchik an einem Riemen um den Hals hängt. Ein Ruck und der Kutſcher taumelte„Erbarmen“ ſchreiend zurück auf ſeinem Sitze. Aber der Herr ließ am Riemen gerade nur ſo viel Luft, daß er den Menſchen nicht er⸗ würgte, befahl ihm Umkehren, was auch ſofort geſchah, kommandirte, am Ufer angekommen, ohne den Riemen los⸗ zulaſſen, bald„Na prava,“ bald„na leba“(rechts, links), endlich„Halt“. Als ſei nichts geſchehen, riß er beim Ausſteigen bloß das Blechſchild ab, indem er dem Kut⸗ ſcher mit der andern Hand ein Dreißigkopekenſtück reichte. Aber dieſer lag ſchon im Schnee auf den Knien um Gnade wimmernd. Auguſt— denn er war der Herr im Schlit⸗
Geld in den Schnee und trat, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, in's Haus. Der biedere Fuhrmann ſchüttelte ſich und fuhr nach dem nächſten Kabak, um ſeinen Schrecken zu vertrinken..
Als Auguſt in ſein Zimmer trat, ſah man ſeinen bleichen Mienen wohl noch die ſoeben überſtandene Auf— regung der Todesgefahr an. Raſchen Schrittes, gleich⸗ ſam um ſich durch körperliche Bewegung gemüthlich zu beruhigen, ging er auf und ab, während ein ruſſiſcher Diener den Sſamovar hereinbrachte. Er ſetzte ſich zu dem brauſenden Theekeſſel, das einförmige Geräuſch ſchien ſeine Aufregung zu beſchwichtigen. Aber im hellen Lam— penlichte vermochte man nur noch zu erkennen, wie ſehr das Jahr ihn geändert, ſeitdem wir ihn nicht geſehen. Man kann es mit zwei Worten bezeichnen: aus dem da⸗ maligen jungen Menſchen war ein Mann geworden, und mit der Stirnfalte ernſter Sorge zwiſchen den Brauen hatte ſich doch die Stirn freier gewölbt, das Auge einen zuverſichtlichen Ausdruck, der Mund einen faſt ſtolzen Zug gewonnen; der ganze Kopf trat freier aus den Schultern hervor, die weichen, faſt weiblichen Bewegungen von früher waren von einer kurzen, decidirten Beweglichkeit verdrängt, welche durch Energie erſetzte, was an Jugend⸗ grazie verloren gegangen war.
Er nahm ein kleines Notizbuch aus der Bruſttaſche
und addirte einige Zahlen.„Dreitauſendſiebenhundert Silberrubel— werde ich es für ein Halbdutzend Blei— ſtiftnotizen und den Einblick in ein Paar Berichte verant⸗ worten können?... Kein Brief da?“ fragte er dazwiſchen den Diener auf Ruſſiſch, und auf deſſen„Keiner, Herr,“ faßte er ſich raſch:„So muß auch das letzte Wagſtück auf eigene Hand unternommen werden.“ Darauf unter⸗ ſchrieb er ſchon vorbereitete Verkaufscontracte mit einem halben Dutzend ruſſiſcher Häuſer im Werthbetrage von mehreren Millionen Rubel,— Alles auf die feſt gewon—
„Wohin?“ rief der
nene Ueberzeugung hin, daß Rußland nicht niehr im Stande war, den Krieg länger als höchſtens noch ein Paar Monate fortzuſetzen und auf die mehrfach beſtätigte Erkundigung hin, daß das Kabinet, um den Frieden deſto ſicherer zu erreichen, nochmals einen gewaltigen Anlauf zu Rüſtungen nehmen werde. Als er den letzten Namens⸗ zug vollendet, rief er aus:„Jetzt ſind Reithardt und Forfter entweder unermeßlich reiche Leute, oder— eben kleine Fabrikanten“— fügte er bedenklich bei. Doch im ſelben Momente brummte er auch ſich ſelbſt ermuthigend zwiſchen den Zähnen:„Mann ſein mußt Du, wagen, ringen; bloße Pflicht—“ Da bemerkte er, daß er Datum und Jahreszahl unter den Contracten vergeſſen. Und in einem Herzensjubel, der ſich faſt in einen Ausruf ver⸗ wandelte, ſchrieb er mit fliegender Feder 1 ½ 1. December 1855. Erſt als er ſich zurücklehnte, ſeufzte er beklom⸗ men:„Meine Mutter— meine Anna.“
Am andern Morgen wurden die Contracte verſchickt. Gerad am 2u Venamder erhielt er den letzten ratificirt zurück. Er telegraphirte, da er immer noch keinen Brief erhalten, nach Liverpool nur die Worte:„Alles abgeſchloſſen, ver⸗ kauft.“ Endlich am 17. Januar empfing er ein Schrei⸗ ben von Reithardt, das erſte wieder ſeit fünf Monaten und mit ſichtbaren Zeichen der Siegelverletzung. Er billigte Auguſts Handlungsweiſe, wenn auch nicht ohne ſchwere Bedenken, welche indeſſen dem ruſſiſchen ſchwar⸗ zen Kabinet zu Liebe oder zum Aerger ſo dunkel ausge⸗
3 ijck ſt ſolßer i 2 Fo 15 ten— warf ihm nach kurzem Beſinnen Blechſchild und drückt waren, daß Auguſt ſelber in Zweifel blieb, ob
Reithardt den ganzen Umfang der Verantwortlichkeit kenne, die er auf ſich genommen. Mit beklommenem Herzen eilte er nach der Börſe. Noch vor ihrer Pforte warf ihm einer der ruſſiſchen Chefs, mit denen er abge⸗ ſchloſſen, faſt ingrimmig die Worte entgegen:„Sie haben unſere Wechſel und wir— den Frieden.“„Aber man wird nochmals gewaltig rüſten, verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf,“ raunte ihm Auguſt geheimnißvoll ins Ohr.
Dies that man bekanntlich allerdings; aber der Friede kam dennoch. Am 30. März Abends, als die Nachricht vom Pariſer Abſchluſſe in Petersburg angekommen war, ſchrieb Auguſt wieder drei Briefe. Den erſten an Herrn
Reithardt, welchen er bat, ihn nach der nunmehr vollen⸗
deten Ausführung aller Geſchäftsoperationen aus ſeiner Stellung zu entlaſſen. Er werde unverzüglich nach der. perſiſchen Grenze gehen, wo er auch mit den geringen Fonds, die er erworben, unter den entſtandenen Verhält⸗ niſſen bedeutende Spekulationen machen könne. Der andere Brief geſtand Herrn Forſter ſeine Liebe zu Anna und machte ihn mit der Erklärung vom Weihnachtsabend zu Liverpool bekannt. Als ſelbſtſtändiger Mann werde er aus Perſien direkt nach*rberg kommen und, wenn Anna's Geſinnungen für ihn unverändert geblieben ſeien, beim Vater, dem er ſeine Carriere verdanke, ſein„höchſtes Lebensglück“ erflehen. Der dritte Brief ſagte der Mutter Lebewohl— vielleicht auf i mmer.———— Aber die Reiſe nach Perſien muß nicht zu Stande ge⸗ kommen ſein. Denn am Weihnachtsabend 1856 ſtand Auguſt zwiſchen ſeiner alten Mutter und Anna, die ein Häubchen vortrefflich kleidete, im großen Salon des Mit⸗ telgebäudes der Fabrik in*eberg vor einem mächtigen Weihnachtsbaum, welchen reich mit Gaben geſchmückte Tiſche umgaben. Herr Forſter ſaß mehr ſeitwärts in einem Lehnſtuhle und blickte ſeelenglücklich auf die be⸗ glückte Gruppe. In dieſem Augenblick trat ein Commis


