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ſeit der Zeit, wo wir ſie kennen lernten, des Lebens Ernſt und manche Sorge durch ihr Mädchenherz gegangen waren. Herr Forſter verglich in ſeinem Arbeitszimmer ſeine Correſpondenzbücher mit den Nachrichten neuer Zei⸗ tungen und ein Paar telegraphiſchen Depeſchen, welche offenbar erſt vor einer halben Stunde angekommen waren. Sehr bedenklich legte er endlich die Bücher, Zeitungen, Depeſchen bei Seite und begann einen Brief mit der Adreſſe:„Herrn Reithardt in Liverpool.“
Während er nun hier an dieſen ſchrieb, beſchäftigte ſich Herr Reithardt in Liverpool ungefähr in derſelben Weiſe, wie vorhin Herr Forſter. Auch ſein Geſicht war
höchſt nachdenklich, den Eigarrenrauch ſtieß er haſtig von
ſich und durchlas dann nochmals ein Schreiben, welches die Unterſchrift„Auguſt Büchner“ zeigte. Es war von Petersburg datirt. — brummte er für ſich, nach und nach deutlicher vor ſich hin ſprechend.„Daß man nicht einmal Kaufmanns⸗ briefe hierher ruhig paſſiren läßt! Offenbar einige nicht angekommen und von mir gar keiner dort! War doch
„Doch ein verdammtes Verhältniß“
weiß es. Du haſt es hart gefunden, daß ich, an Auguſt's Armuth und abhängiger Stellung keinen Anſtoß neh⸗ mend, ihm vorläufig dennoch die Ausſicht auf Deine Hand verſagte, weil er weder bei mir, noch bei Reithardt einen Beweis geliefert, daß er Energie und Aufſchwung genug beſäße, um ein großes Geſchäft in großartigem Styl weiter zu entwickeln. In Petersburg hätte er die Probe ablegen können. Hat er bloß nach Reithardt's
Inſtructionen gehandelt, bloß einfach ſeine Pflicht erfüllt
— dann bleibt er eben ſein Lebtage ein abhängiger Com⸗ mis. In dieſem Falle muß Reithardt ſein europäiſches Geſchäft abwickeln und geht nach Amerika zurück. Dein Vater muß die Fabrik ſo klein wieder anfangen, wie er ſie überkommen. Du bleibſt für jeden Mann immerhin eine beneidenswerthe Partie. Denn Dein ſicher ange⸗ legtes Vermögen kann wohl als Reichthum gelten. Aber Du begreifſt, daß jetzt das Jawort zu Deiner Verhei⸗
rathung gerade mit Auguſt für mein Ehrgefühl, nenne es
ſchändlich riskirt, den jungen Menſchen ſo mit unbe⸗
ſchränkter Vollmacht dorthin zu laſſen! Hatte freilich keine andere Wahl, als Gortſchakoff plötzlich in Wien Friede machen wollte. Wer konnte auch denken, daß nun der Teufel erſt recht losging, Nikolaus ſtarb.... Nun, verdorben hat Auguſt noch nichts. Aber jetzt iſt der Moment! Jetzt erſt! Und gerade jetzt hat er keine In⸗ ſtruction. nicht untergebracht, dann können wir die Liverpooler Com⸗ mandite nur einziehen und der arme Forſter muß ſeine Fabrik zumachen!“ Dann verglich und berechnete er weiter.——
Herr Forſter war unterdeſſen mit dem Briefe an
Wird wirklich Friede und er hat das Zeug
Reithardt fertig geworden und ins Familienzimmer ge⸗
kommen, wo Anna den Theetiſch zurechtmachte.
Wäh⸗
rend der Bediente noch ab und zuging, ſtand Forſter am
Fenſter und trommelte halb ungeduldig, halb gedanken⸗ los auf den Scheiben. Die dunkeln Flügelgebäude mit den Arbeitsſälen, der einſame Lichtſchimmer an den Fen⸗
ſtern der Frau Büchner ſchienen ihn abwechſelnd in An⸗-
ſpruch zu nehmen.—„Iſt's gefällig,“ ſagte Anna, ein Paar Schritte nach dem Vater hinthuend, welcher ihr ſchon entgegenkam und in das helle Geſicht der Tochter blickend, flüchtig einen Kuß auf ihre klare Stirn drückte. „Das iſt alles, meine Anna, was ich Dir heut gebe,“— lächelte er halb ſchmerzlich. Doch als ein jähes Erſchrecken ſie erbleichen machte, fuhr er fort:„Du weißt es ja, die letzten Monate haben mich nicht an Weihnachten denken laſſen. Nicht etwa, daß unſern Vermögensverhältniſſen eine Gefahr drohte; nein. Aber wird Friede, ohne daß Reithardt's Operationen in Petersburg gelingen, ſo muß ich die Fabrik mindeſtens auf die Hälfte reduciren und dreihundert Arbeiter entlaſſen. Dieſe, meine armen Kin⸗ der ſchmerzen mich!“ Anna hatte ſich ſchon früher in Troſtgründen für dieſen düſtern Gedanken ihres Vaters erſchöpft und antwortete jetzt bloß mit beileidig zuſtim⸗ mendem Kopfnicken.„Und mein Kind,“ fuhr Forſter nach längerer Pauſe fort mit faſt gepreßter Stimme, „Du mußt mir dann ein ſchweres Opfer bringen“.... Ohne ein Wort, aber mit einem Blicke, der tauſendfach Ja ruft, reichte ihm Anna haſtig die Hand zum Zeichen ihrer Herzensbereitwilligkeit.
„Wir haben ſeit heut vorm Jahre nicht wieder dar⸗
über geſprochen, aber Deine Gedanken hat es erfüllt, ich
meinethalben bloß kaufmänniſchen Stolz, eine unerträg⸗ liche Demüthigung ſein müßte. Die Millionärin durfte
ihm halb entgegenkommen— er hat auf Deine damali⸗
gen Zeilen nicht einmal mehr den Muth gehabt, mir ſeine Gefühle für Dich anzuvertrauen; er ſchien faſt froh, allen bisherigen Beziehungen zu entkommen, indem er von Reithardt die Miſſion nach Petersburg annahm. Er hat dort nur nach Inſtructionen, wenn auch ſtets voll⸗ kommen pflichttreu gehandelt. Von dem Moment an, wo er ohne Inſtruction als ſelbſtſtändig entſcheidender Mann von ſeiner unbedingten Vollmacht Gebrauch machen mußte, hat er nicht mehr geſchrieben. Die Möglich— keit iſt, daß er ſelbſtſtändig gehandelt hat und ſeine Briefe nur auf der ruſſiſchen Poſt confiscirt wurden. Iſt dies, ſo weiß man von dort um ſeine Operationen und legt ihm tauſendfache Hinderniſſe in den Weg. Er müßte dann tauſendfache Entſchloſſenheit beſitzen, um dennoch durch⸗ zudringen. Iſt er bloß alltäglich nach ſeinen Inſtructio⸗ nen verfahren, ſo weiß er als Kaufmann einerſeits, daß Reithardt und ich unſere Geſchäfte bedeutend reduciren müſſen, andererſeits, daß wir ihn auf ſeinem Poſten laſſen müſſen, daß alſo ſeine alltägliche pekuniäre Exiſtenz ge⸗ ſichert iſt. Geben ihm dieſe Umſtände den Muth, nun— mehr um Dich anzuhalten, ſo begreifſt Du....“ Forſter ſprach nicht aus, aber Anna mußte beſtätigen, was er geſagt. Doch fügte ſie bei:„ſeine Mutter bekam vor ein paar Tagen einen recht herzlich, Deiner und mei⸗ ner herzinnig gedenkenden Brief, der freilich von Geſchäf⸗ ten nur ſagte: der Mutter Segen baut den Kindern Häuſer— denke meiner jetzt recht, recht oft mit ſegnen⸗ dem Herzen.“
IV.
An demſelben Weihnachtsabende herrſchte in Peters⸗ burg das wildeſte Winterwetter. Selbſt wenn unſer Weihnachtsfeſt in ſeiner Eigenthümlichkeit in Rußland bekannt und gefeiert wäre, dachte doch an jenem Abende Niemand daran. Denn bekanntlich hinkt der ruſſiſche Kalender dem unſrigen um zwölf Tage nach und man ſchrieb alſo erſt den 12. December 1855. An nichts weniger, als an dieſen Tag ſchien auch jener Mann zu denken, welcher nahe beim Miniſterium des Aeußern in tiefe Pelze gehüllt eilig aus einem Hauſe trat, ſich in den bereitſtehenden Schlitten warf, dem bärtigen Roſſe⸗ lenker fortwährend„Eile“ zurief, hier und da einen ruſſi⸗


