Jahrgang 
1857
Seite
701
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auch nicht im Herzen vom transatlantiſchen Lebenarſtickt war, bezeugte der heutige Abend. Die ganze Tiſchgeſell ſchaft beſtand aus Deutſchen, freilich meiſtens Geſchäfts⸗ freunden Forſters, welche Reithardt ſo hieß der Haus herr für ſeinen Gaſt eingeladen hatte. Dabei wollte er das deutſche Weihnachten nicht vergeſſen laſſen. Für jeden Gaſt hing unter ſeiner Adreſſe ein kleines Päckchen an dem Chriſtbaum. Oeffnete er es, ſo fand er einen kurzen Satz in Reimen darin. Jeder der eine Frage be kommen, muße ſie laut leſen und Demjenigen das Päckchen geben, deſſen Antwort ſich darauf reimte, von welchem er deſſen Päckchen empfing. Jedes Packet barg ein kleines

Geſchenk.

Die komiſch treffende Weiſe des geſchickt arrangirten Spiels hatte die Geſellſchaft in die heiterſte Laune ver ſetzt, in welche namentlich auch Anna Forſter einſtimmte. Sie war hübſch, ſehr hübſch; aber der Reiz ihres Weſens lag noch mehr im kerngeſunden Naturell, in einer ge wiſſen Entſchiedenheit, welche leider unſeren jungen Mädchen meiſtens wegerzogen wird. Auch Anna hätte ſie vielleicht nicht ſo ganz bewahrt, wäre ſie nicht, wie wir ſchon wiſſen, unter den günſtigſten äußeren Verhältniſſen aufgewachſen und was ja in unſerem Deutſchland ſo oft maßgebend iſt eben das vornehmſte und reichſte Mädchen ihrer Vaterſtadt geweſen, deren etwaige Beſon derheiten keiner harten Kritik unterlagen. Freilich war ſie heut recht ernſthaft in die Geſellſchaft getreten. Denn ſie hatte ſchmerzlich daran gedacht, daß ſie das erſte Weih nachten ohne die Mutter verlebte. Daß Auguſt Büchner am ganzen Tag Herrn Forſter begleitet hatte und auch bei ihm geblieben war, während ſie in ihrem Zimmer ihre Geſellſchaftstoilette gemacht hatte, war ihr eine Be ruhigung geweſen. So konnte der Vater keinen Augen⸗ blick finden, an den Weihnachtsabend zu denken. Und war er einmal in Reithardts Geſellſchaft, das wußte ſie, ſo verſtand er ſich auch vollkommeh zu beherrſchen. Eigent lich kannte ſie freilich Herrn Reithardt perſönlich ſo gut wie erſt von geſtern, als ſie ihm mit dem Vater Beſuch gemacht hatte. Aber doch war er ihr durch ſeine faſt tägliche Erwäh⸗ nung im Geſpräch der Eltern ſo vertraut, wie ein Haus⸗ freund, wenn ſie ſich auch nicht daran erinnern konnte, daß er fie aus der Taufe gehoben, wenn es ihr auch nur wie ein ganz dunkler Kindertraum vorſchwebte, ihn einmal bei den Eltern mit einer glänzend ſchönen Frau geſehen zu haben, und wenn auch endlich ſein photographiſches Por trait daheim in des Vaters Zimmer dem heutigen Herrn Reithardt gar nicht glich. Ihr genügte, daß er des Vaters vertrauteſter Jugendfreund, ihr Pathe, mit all' ihren häuslichen Verhältniſſen bekannt ſei und ſo fühlte ſie ſich raſch ſo heimiſch, wie zu Haus. Die fremden Leute am Tiſche ſtörten ſie ebenfalls nicht. Sie hatte das Talent geſcheuter und der eignen Perſönlichkeit ſicherer Menſchen, ſolche zufällige Begegnungen ohne Vorausſetzung und ohne Conſequenz ganz ſo zu nehmen, wie ſie ſich bieten. Dazu kam, daß ihr Auguſt's Stellung in Reithardt's Hauſe noch einen Anhalt mehr gab. Sie liebte ihn wirklich, wie einen Bruder wie ſie glaubte; und hatte eigentlich erſt im Wiederſehen bemerkt, daß ſie ihn daheim doch recht innig vermißt hatte nämlich für den Vater, wie ſie meinte. Sie hatte es daher auch ganz harmlos hingenommen, als Auguſt vom Weihnachtsbaum ein Päckchen bekommen hatte, welches die Frage enthielt:

Höchſtes Lebensglück kann's bringen⸗ Unſre treu erfüllte Pflicht?

worauf ſich die Antwort ihres Päckchens reimte: Mann ſein mußt Du, wagen, ringen Bloße Pflichttreu thut es nicht.

Anders hatte dagegen Auguſt dieſe Frage und dieſe Antwort gerad von Anna aufgefaßt. Das Blut ſchoß ihm in die Wangen, und ſein Blick hatte nicht Anna, ſondern faſt verſtohlen oder beſchämt die Herren Forſter und Reithardt geſucht. Es war ihm lieb, daß ſie gerad in einem eifrigen Geſpräch vertieft zu ſein ſchienen. Denn er hatte dieſelbe Lehre vernommen, welche ſie ihm ſo oft, wenn auch mit anderen Worten und mehr gelegentlich, gegeben. Aber Beiden hatte er ſich ſo nützlich gewußt für die laufende Ordnung der Geſchäfte, daß er eigentlich niemals recht verſtand, was ſie meinten; oder doch nicht,

daß die Mahnung ſpeciell auf ihn Bezug haben könnte. 7 d 7 A 3

Jetzt in Anna's Gegenwart da wußte er es plötzlich. Doch, war er auch ihrer Gegenliebe ſicher?

Dieſer Gedanke machte ihn für den Reſt der Tafel ſehr ſchweigſam. Wenn er aufblickte nach Anna, be gegnete er freilich oftmals ihrem Blicke. Aber es war nicht etwa ein ſchmachtender Blick, welcher dem ſeinigen ſuchend auswich, ſondern es lag etwas unwillig Fragen des darin. Endlich wurde die Tafel aufgehoben, blos Forſter und Reithardt blieben lebhaft ſprechend im Speiſezimmer zurück. Auguſt nahm ſich auch im Neben zimmer unter der Geſellſchaft etwas verlegen aus. Anna's Blick ſuchte ihn oft und ihm däuchte, auch er ſagte: Mann⸗ ſein mußt Du, wagen, ringen. Aber freilich meinte dies ihr Blick eigentlich gar nicht; denn als ſie an ihm vor beikam, ſagte ſie ganz einfach:Was in aller Welt haben Sie denn, daß Sie plötzlich ſo ſchweigſam ſind? Er wußte natürlich im erſten Augenblick keine Antwort. Aber da klang's wieder: Mann ſein mußt Du, wagen

und er bat Fräulein Anna auf ein Wort.

Man war es ſo gewohnt, die beiden als Halbge ſchwiſter zu betrachten, daß man auch jetzt kein Acht darauf hatte, als er mit ihr durch die geöffneten Flügelthüren in das dritte Zimmer trat. Er redete leis, doch haſtig, dringend, in Leidenſchaft, und wer ihn jetzt ſah, mußte geſtehen, daß es ein ſchöner, kräftiger Menſch mit aus drucksvollen Zügen war. Auch Anna bemerkte dies eigentlich zum erſtenmal und war offenbar mehr erſtaunt, als gerad ſentimental beſeligt über, Das, was er ſagte. Das lag überhaupt nicht in ihrer Natur. Sie hörte ihn ruhig an, auch hingebend, nur nicht leidenſchaftlich erregt. Von ihrer Antwort, zu welcher ſie ihm herzlich die Hand reichte, vernehmen auch wir blos den Schluß ſatz:Offen geſtanden, lieber Auguſt, habe ich mir das gar nicht anders gedacht; ich bin wirklich in dieſem Ge danken aufgewachſen. Aber natürlich müſſen Sie mit dem Vater ſprechen, ehe ich Ja ſage.

Gerad in dieſem Moment blickte Reithardt aus dem Speiſezimmer durch die offenen Thüren auf das Paar. Ohne nur den Ton zu ändern, fuhr er gegen Forſter fort: Aber während wir hier ſeinen vortrefflichen Charakter und ſeinen Energiemangel abhandeln, ſcheint er drin ganz direkt auf's Ziel loszuſteuern. Forſter folgte ſeinem Blicke.Nein, nein, zu Erklärungen darf's nicht kom men, ehe er bewieſen hat, daß er fähig iſt, ſelbſtändig etwas zu ſein.

Er kam freilich zu ſpät, als er ſofort Anna rief und

Auguſt, als ob er gar nichts bemerkt, einen freundlichen

Gutenachtgruß zuwinkte. Indeſſen konnte nun dieſer auch

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