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telſtock blendend hell, wie die Frau noch lebte und der ge⸗ waltige Chriſtbaum brannte!... Und dann kam Auguſt, dem Herr Forſter das herrliche Reiſezeug geſchenkt hatte und freute ſich doch nicht, weil der Herr ihm die Stelle in England zugleich gegeben hatte, wie ein Geſchenk und doch wie einen Befehl. Von mir fortzugehen, ſagte er, werde ihm ſo ſauer. Aber es war doch eine halbe Un⸗ wahrheit des ehrlichen Gemüths. Die Anna war's, die ihm das Gehen ſo ſauer machte und deretwegen er doch fort mußte. Du armes Herz, verdenken konnte ich es Dir nicht! Aber dem Herrn eben ſo wenig. Des armen Maſchinenmeiſters Sohn, der Commis, durfte ja doch nicht an die Millionärin denken, wenngleich ſie an ihn dachte— und auch vielleicht noch denkt. War's doch genug vom Herrn, daß er ihn ganz hatte erziehen laſſen und mir Peuſion und Wohnung für meine Lebzeit gab, als meinen Mann die Maſchine zerriſſen hatte.“
Die Frau ſchauderte in ſich zuſammen bei der plötz⸗ lich aufſteigenden Erinnerung an jenes gräßliche Ereigniß, obgleich es ſchon mehr als zwölf Jahre zurücklag. Aber ihre Gedanken traten von dieſem Todtenlager bald auch
an das glänzende des letzten Frühjahrs, auf welchem
Frau Forſter nach kurzer Krankheit ſchlummerte. Sie meinten damals im Orte, der Engel der Fabrik ſei von der Erde gewichen, und der ſtraffe Fabrikherr, ihr Gatte, war ſeitdem offenbar in ſeinem beſten Leben hart be⸗ ſchädigt. Doch noch milder und freundlicher war er ſeinen Fabrikleuten geworden und mahnte oft ſelbſt die blühende Tochter mit dem ſcharfgeſchnittenen Geſicht ihres Vaters dazu, in den Wohnungen der Arbeiter nachzu⸗
ſehen. Dieſe Art der Mutter lag offenbar nicht in ihrem
Weſen. Dennoch that ſie es gewiſſenhaft. Doch ſagte
ſie ein oder das andere Mal zum Vater halb ſcherzenden
Vorwurfs, halb ernſt:„Hätteſt Du Auguſt nicht fortge⸗ ſchickt; der paßte viel beſſer dazu, und that es während der Krankheit der Mutter; ich hätte Dir unterdeſſen die Arbeiterſäle beaufſichtigt....“„Allerdings beſſer faſt als
er,“ hatte ſie der Vater lächelnd unterbrochen, doch ernſter Zimmer in Liverpool all die Perſonen an der Mittagstafel,
hinzugefügt:„Grad darum habe ich ihn nach England geſchickt, damit er zu ſeinen tüchtigen Kenntniſſen auch
das organiſatoriſche Geſchick, die rechte Thatkraft, die
mangelnde Entſchiedenheit erwirbt und ſpäter einmal Direktor einer Fabrik werden kann, da er ja doch kein Anlagekapital beſitzt, um als Gründer einer Fabrik ſelb⸗ ſtändig aufzutreten. Du aber, mein Kind, mußt mir die Mutter in meinem Geſchäft erſetzen, bis Dein Herz wählt.“
Dies ganze Geſpräch, außer dem„bis Dein Herz wählt,“ hatte Anna einmal der alten Frau erzählt, die jetzt am Fenſter an dieſe Erzählung dachte. Denn Anna hatte ſie faſt wie eine Verwandte betrachtet. Sie war ja auch ſchon als Milchſchweſter ihrer verſtorbenen Mutter mit in die Fabrik eingezogen, als Herr Forſter ſeine Frau heimführte. Sie hatte dann den Maſchinenmeiſter ge⸗ heirathet und ihren Auguſt doch noch vier Jahre früher taufen laſſen, ehe Anna drüben in der Fabrik geboren wurde. So war Auguſt wieder beinahe wie ein älterer Bruder zu Anna geſtanden, bis ſein Eintritt in die Fabrik das Du in Sie verwandelte und nachher ein Paar Pen ſionsjahre Annas ihn äußerlich noch ferner von ihr ge ſtellt hatten. Nur beim Taufnamen nannten ſie ſich gegenſeitig noch immer, wenngleich Auguſt ein„Fräulein“ vor„Anna“ nie vergaß.
„Aber was jetzt der Herr vorhat, begreife ich nicht.
So mitten im Winter mit der Tochter fortzureiſen, ohne daß ſie ſelber wußte, wohin? Sie meinen drüben, es ſei wegen einer großen Lieferung für die Franzoſen, hinten in der Türkei... Aber hübſch war's doch von ihm, daß er's dem Buchhalter noch auftrug, die Leute zum heiligen Abend frei zu laſſen und Jedem zwei Tage Extralohn zu zahlen. Er denkt an ſeine Leute; aber der Auguſt hätte wohl auch ſeiner Mutter zum Chriſtkind wenigſtens einen Brief ſchreiben können.“
Grad als ſie dies dachte, kam ſehr raſch ein Mann auf der Straße direkt auf ihr Haus zu.„Was will denn noch Jemand bei mir?“ Während ſie dies faſt ängſtlich ausrief, eilte ſie ſchon mit der ſorglich im Gleichgewicht gehaltenen Lampe über die Treppe nach der Hausthür, an welcher jener Mann haſtig rüttelte.„Gleich, gleich! was iſt's?“„Telegraphiſche Depeſche von Liverpool an Frau Büchner.“„Jeſus Maria, mein Auguſt!“ rief die Frau erſchrocken, indem ſie das große Couvert in Empfang nahm und vor Zittern kaum den Bleiſtift halten konnte, um ihren Namen in das Beſcheinigungsbuch zu ſchreiben. „Schreiben Sie noch 7 Uhr 38 Minuten neben das Empfangen,“ ſagte der Mann, indem er ſeine Uhr zog. Sie that's, vergaß aber ſogar die Hausthür wieder zu ſchließen, weil ſie ſo haſtig nach ihrem Zimmer zurücklief. In dem großen Couvert lag ein kleines Blatt, darauf die Worte:„Auguſt Büchner in Liverpool an Frau Karoline Büchner in**berg. Abgegangen 12 Uhr 10 Minuten, angekommen 7 Uhr 21 Minuten. Forſter, Anna, hier, Alles wohl, Weihnachten Gruß, Feiertage Glück!“
Frau Büchner verſtand die Worte und blickte dank— bar aufwärts, indem ihre Hände ſich falteten.
II.
An demſelben Weihnachtsabend, von welchem wir einige Stunden in einem ſtillen Wittwenſtübchen der deutſchen Fabrikſtadt verlebten, ſaßen in einem eleganten
deren Namen und Stellung wir bereits kennen lernten. Und auch noch einige mehr. In England ſpeiſt man be⸗ kanntlich erſt gegen 5 Uhr zu Mittag. Darum war man in dem Moment, als die telegraphiſche Depeſche bei Frau Büchner anlangte, ſo eben erſt beim Nachtiſch. In Eng⸗ land feiert man aber Weihnachten nirgends mit Chriſt⸗ bäumen und Geſchenken. Es mußte daher auffallen, daß mitten auf dem Speiſetiſch ein zwar kleiner und künſtlicher, doch mit Lichtern reich verzierter Weihnachtsbaum ſtand, deſſen etwas zerzauſten Aeſten man überdies anſah, daß er mit allerlei behängt geweſen war.
Der Herr des Hauſes war freilich ſelbſt ein Deutſcher, in Amerika reich geworden und erſt ſeit anderthalb Jahren in Liverpool wohnhaft. Sein Newyorker Haus hatte er unmittelbar vor dem Beginne des orientaliſchen Krieges unter der Obhut ſeines Compagnons gelaſſen, um die engliſche Commandite perſönlich zu leiten, da die Kriegsverhältniſſe, ob ſie auch ſehr glückliche Conjuncturen boten, doch mit Geſchicklichkeit, Muth, Geiſtesgegenwart benutzt ſein wollten, wenn ſie nicht eben ſo gefährlich werden ſollten. Man ſah es dem Geſicht des Mannes an, daß er ſchon viel erlebt hatte. Aber um den Mund war, trotz aller Wetterſtürme, denen dieſer Kopf, der breite Nacken und die Herkulesſchultern getrotzt, dennoch ein jovialer und gemüthlicher Zug geblieben. Daß dieſer
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