Aus dem Weltleben.
Drei Thronreden, oder doch ähnliche Anſprachen in Eng⸗ land, Frankreich und Luxemburg dicht hintereinander— und dennoch kaum irgendwo ein Ohr dafür, oder vielmehr für die politiſchen Gegenſätze, welche in ihnen vertreten ſind. So aus⸗ ſchließlich iſt alles Intereſſe abſorbirt, nicht vom wirklichen Mangel an Geld und Geldmitteln, wohl aber vom Mangel alles Vertrauens auf die Repräſentanten der Geldwerthe. Und der bis in's tiefſte Mark erſchütterte Credit— er iſt die Seele, die Allmacht des unermeßlichen Gewebes durcheinander geſchlun⸗ gener Fäden und Fädchen, das wir Weltverkehr nennen. Dieſer Credit, er läßt ſich mit Kunſtmitteln und Palliativen nicht her⸗ ſtellen, die ſogenannte Kriſis läßt ſich nicht beliebig endigen. Aber wohl kann, ja muß ſie in ihren Conſequenzen allmählig ein neues, vereinfachtes Syſtem der Handelsgänge herbeiführen. Nicht heute und morgen; es werden Jahre dazu gehören. Unver⸗ merkt werden ſie uns hinüberführen zu weit direkteren Beziehun⸗ gen zwiſchen dem Producirenden und dem Conſumirenden, zwiſchen dem Fabrikanten und dem Publikum. Dies Verhältniß iſt die nothwendige Conſequenz des Verſchwindens von Raum und Zeit durch die Dampfkraft, durch die Telegraphie. Gedenken wir unſerer Jugendzeit. Da gab es Fabrikanten, Groſſiſten, De⸗ tailiſten, Krämer für jede Handelsbranche; ohne Meſſen und Jahrmärkte vermochte man kaum ein Handelsleben zu denken. Wie anders iſt es heut! Verſchollen ſind die meiſten Jahrmärkte, die ehemals von hoher Bedeutung waren; und, Leipzig ausge⸗ nommen, wofür beſondere Verhältniſſe gelten, ſind die Meſſen zu großen Jahrmärkten geworden. Der Kaufmann der kleinen Stadt und des Dorfes, deſſen Umſatz keineswegs immer ein kleiner iſt, ſucht ſeine Waare nicht mehr ausſchließlich beim ſogenannten Groſſiſten. Er ſieht dort nur Muſter an und verkehrt direkt mit der Fabrik. Durch den direkten Bezug hat er nicht blos den Vortheil, welchen der Zwiſchenhändler zog, von ſeinem Waaren⸗ preiſe beſeitigt, er kann ſeine Waare nicht blos billiger abgeben, ſondern er hat auch für ſich eine direktere Garantie für die Güte der Waare. Worin bewegt ſich nun die jetzige Calamität? Na⸗ mentlich in den Verbindlichkeiten der Zwiſchenhändler gegen die Fabrikanten oder Producenten. Es iſt auch nicht die erſte Kriſis ähnlichen Charakters, jedoch waren die Handelsgeſtal⸗ tungen bisher immer derart, daß der Producent doch fort⸗ während auf den Zwiſchenhändler gewieſen blieb. In je größeren Progreſſionen aber jede Kriſis, eben wegen der engeren Verflechtung aller Geſchäftsintereſſen, die geſammte Handelswelt ergreift, je raſcher die Kriſen als Conſequenzen der Reduzirung von Zeit und Raum auf einander folgen, deſto eifriger wird der Fabrikant darauf bedacht ſein, jede Geſchäftsbeziehung direkter zu geſtalten. Das Syſtem der Niederlagen muß ſich nothwendig immer mehr entwickeln, weder der Groſſiſt, noch der Detailiſt wird allmählig zwiſchen Producenten und Conſumenten ſtehen, ſondern mehr und mehr wird der Producent dem Publikum ſeine
Laare aus erſter Hand unmittelbar zu verkaufen ſuchen.— Man braucht im jetzigen Momente der Handelskriſe nur umherzu⸗ fragen, und überall vernimmt man daſſelbe Prognoſtikon. Das Endreſultat iſt jedenfalls günſtig für das Publikum. Allein eben ſo wenig darf man ſich verſchweigen, daß die jetzige Krank⸗ heit noch ſchwere Stadien zu durchlaufen hat, ehe ſie zu dieſem
Geneſungsprozeſſe gelangt.
Die nächſte Gefahr iſt die Noth der Arbeiter. In Amerika toben bereits die„Hungermeetings“, in den nächſten Umgebun⸗ gen Londons zählt man in den wenigen letzten Wochen an 50,000 entlaſſene Arbeiter, in Südfrankreich haben Reihen von Fabriken die Arbeit eingeſtellt, in Süddeutſchland folgen ihnenbereits viele, am Niederrhein ſind ſie ihnen vorangegangen. Und dieſe Lavine wälzt ſich mit Naturnothwendigkeit weiter. Die ſociale Frage tritt wieder ehernen Fußes auf den Schauplatz der Geſchichte. In den Reden, die von den Thronen an die Nationen ergehen, ſeien dieſe groß oder klein, erwartete Jeder ein darauf bezügliches Wort. Nur die Königin Viktoria ſprach es. Es war blos ein Wort des Beklagens, und dennoch iſt es Englands öffentlicher Meinung, dem Geiſte der Nation eine volle Ausſöhnung mit dem übrigen relativ geringen Inhalte der Thronrede. Dagegen ſchlüpft Graf Morny, der Eröffner der kaiſerlich franzöſiſchen Legislative, an dieſer Sphinx vorüber, um das allbekannte Tam⸗ tam der Verherrlichung neunapoleoniſcher Volksbeglückung be⸗ täubend laut zu ſchlagen und den hungernden Proletariern zum hundertſten Male zu verſichern, niemals habe noch ein Herrſcher Frankreichs Gleiches für die Arbeiter gethan. Der Prinzregent von Luxemburg endlich— deſſelben Luxemburg, welches vollge⸗ pfropft von Fabriken, deren Arbeit ſtockt— erörtert den Depu⸗ tirten die Berechtigung und Wohlthätigkeit politiſcher Octroyrun⸗ gen, mit denen das Land überſchüttet wurde, bis jede ſelbſtändige Lebensregung, jedes alte Recht darin verſank. Es iſt, als ſcheue man ſich hier wie in Paris, der unmittelbaren Gefahr ins Auge zu blicken. Vielleicht nur, weil man verabſcheut, der Nation die Sorge für ihr materielles Wohl vertrauensvoll in die Hände zu legen, wie es die Königin Großbritanniens im feſten Bewußt⸗ ſein von der treuen Kraft einer Nation gethan, in welcher Geſetz und Recht wahrhaftig aus dem Leben aufwächſt.
Man könnte ſolche Vergleiche noch viel weiter führen— und die Parallelen wären belehrend genug. Aber..... Doch daran darf man erinnern, wie in England die Creditkriſe augen⸗ blicklich verſchwand, ſowie durch Aufhebung der Bankakte der Staat auf jede Einmiſchung in die außergewöhnliche Lage der Dinge verzichtete, während man ſich z. B. in Hamburg mit Staatshülfen abmüht, ohne das geſunkene Vertrauen heben zu können. Für jeden ruhig Beobachtenden iſt die Lehre eine unge⸗ heuere. Ob auch die Regierenden ſie würdigen? Faſt ſcheint es nicht, wenn man officiöſe Ergüſſe betrachtet, welche mit dem Publikum gewiſſermaßen ſchmollen, und es ausſchmälen, weil daſſelbe ſein Vertrauen nicht par ordre— in Rußland ſagt man: po ukasu— rückhaltlos erklären will, ſowie die Regie⸗ rung in der Noth des Augenblicks mit allerlei Reſerven we⸗ nigſtens einige der Beſchränkungen des freien Verkehrs ſuſpendirt. Als ob ſich auch das Vertrauen befehlen ließe! Als ob ſtaats⸗ bureauliche Verſicherungen auch in Geldfragen denſelben ge⸗ müthlichen Glauben der Indifferenz finden könnten, an welchen ſie das Publikum in andern Dingen gewöhnt zu haben glauben. Vielleicht kommt eine Zeit, welcher dieſer Irrthum eben ſo klar wird, wie heute jener, welcher ſich ſo ſtolz vermaß, auch in mate⸗ riellen Dingen ſei gouvernementales Ermeſſen und adminiſtrative Einmiſchung eine Garantie der„Ordnung und Geſetzmäßigkeit.“ Aber hier hat der Conſtablerismus einen ſchmählichen Bankerott
erlebt.
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