Jahrgang 
1857
Seite
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ha oder möglichſt zu vermindern. Geſchehen kann

dieſes durch rechtzeitige Verringerung des Bodens des Schmarotzers des Krautes.

Nehmen wir an, der geſammte Flächeninhalt der Blatt⸗ maſſe eines Kartoffelackers betrage gleich a; denken wir uns ferner, daß auf dieſer Fläche X Pilzfrüchte zur Ausbildung kommen, von denen eine gewiſſe Anzahl, etwa y, an die Knollen gelangen und dieſe erkranken laſſen, ſo liegt auf der Hand, daß, wenn a auf die Hälfte oder auf ein Drittel re⸗ duzirt wird, auch jenes y die nächſte Krankheitsurſache, und ſomit die Krankheit ſelbſt in gleichem Verhältniß verringert werden muß. Wird dieſe Verringerung eine Reihe von Jah⸗ ren allgemein vorgenommen, ſo muß ſich die Zahl der Pilz⸗ ſporen mehr und mehr vermindern und die Krankheit endlich auf ein Minimum zurückgeführt werden können..

Wie ſoll aber dieſe Verringerung der Blattfläche vorge⸗ nommen werden? In der Zeit, wo man befürchten muß, daß die Krankheit der Blätter(Kräuſelkrankheit) demnächſt zum Ausbruch kommen wird(gewöhnlich iſt dieſes in Thü ringen Ende Juli bis Anfangs Auguſt geſchehen), blatte man die Kartoffelpflanzen bis auf die oberſten und jüngſten Blät⸗ ter ab. Dieſe letzteren können und müſſen für's Erſte erhal⸗ ten bleiben, weil ſie zur Erhaltung des Stengels nothwendig zu ſein ſcheinen und an ihnen der Pilz ſich gar nicht oder erſt ſpäter, wenn die Krankheit allgemeine Verbreitung erlangt hat, anſiedelt. Zeigen ſich indeß Spuren der Seuche an dieſen jungen Blättern, ſo ſind auch ſie zu entfernen.

Der ganze Erfolg wird bei dieſem Verfahren davon ab⸗ hängen, daß dieſes zur gehörigen Zeit und mit Vorſicht aus geführt wird. Entfernt man das Blattwerk der Pflanzen zu frühzeitig, ſo läuft man Gefahr, die jugendlichen Knollen in ihrer Entwickelung zu ſtören; will man das Abblatten vor⸗ nehmen, wenn die Kräüſelkrankheit ſich ſchon bedeutender entwickelt, wo die wuchernde Peronospora devastatrix be- reits Samen producirt und ausgeſtreut hat, ſo iſt damit die Urſache der Knollenfäule in den Boden gelangt und nicht mehr zu erreichen. Wird das Abnehmen der Blätter nicht mit Reinlichkeit und Sorgfalt ausgeführt, läßt man hie und da ältere Blätter an den Stöcken zurück oder verſtreut man abgeriſſene auf dem Acker, ſo kann in erſterem Falle die Krankheit dadurch unterhalten werden, daß der Pilz des Krautes ſich an den zurückgebliebenen Blättern noch ver⸗ breitet und ſelbſt im zweiten Falle darf man argwöhnen, daß, bei der ſchnellen Entwicklung der Peronospora deva- statrix unter einigermaßen günſtigen Verhältniſſen ſich Pilzſamen aus der vorhandenen Brut(Mycelium) entwickeln und ausſtreuen, ehe die abgeriſſenen Blätter gänzlich ver⸗ dorren.

Vorausſichtlich wird man auf dieſen Vorſchlag des Ab⸗ blattens zur Verhütung und Beſchränkung der Knollenfäule mehrere Entgegnungen machen.

1) Wird die Knolle durch das Eutfernen einer größeren Menge von Blättern von den Kartoffelſtöcken in ihrer Aus bildung nicht beeinträchtigt, und kann dadurch nicht vielleicht

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älteren Blätter zu berauben.

ja die tägliche Erfahrung zeigt, daß jeder Theil eines Ge⸗ wächſes ein bis zu einem gewiſſen Grade von den anderen Theilen unabhängiges Leben führt. Eine Menge Aeſte und Blätter können von einem Baume genommen werden, ohne daß dieſer Verluſt eine bemerkbare Rückwirkung auf das Ge⸗ ſammtleben übt. Ein Theil Blüthen, Blätter, Wurzeln wird zu ökonomiſchen und anderen Zwecken häufig von gewiſſen Pflanzen entfernt und dennoch vegetiren dieſe lebhaft weiter, ja ſelbſt Stengel können zum größten Theil abgenommen werden, und bald entwickeln die Wurzeln und zurückgebliebenen Strunke neues Leben in der Bildung neuer Triebe. Zu dieſen zählebigen Pflanzen gehört auch unſre Kartoffel. Man hat häufig einen großen Theil ihres Stengels zur Verhütung der Knollenfäule abgehauen, man hat zu gleichem Zwecke die Stengel der Länge nach zerriſſen, ſie abgeknickt und ſich über⸗ haupt weit tiefere Eingriffe in ihr Leben erlaubt, als dieſes durch ein behutſames Abblatten je geſchehen wird, und nie mals ſcheint man darnach Klage über Mißrathen der Knollen geführt zu haben. Ferner geſchieht es gar nicht ſelten, daß in rauhen Gegenden die über der Erde befindlichen Theile der Kartoffelpflanzen erfrieren, daß ſie durch Hagelſchlag faſt gänzlich zerſtört werden, und trotzdem ſind die Kartoffelernten ergiebige geweſen.

Nach dieſen Thatſachen allein könnte man den oben be⸗ zeichneten Einwand als unbegründet zurückweiſen, aber ich habe noch andere Gründe beizubringen, die dazu unbedingt nöthigen.

Als ich im Oktober 1855 zu einem beſtimmten Reſul⸗ tate über das Weſen der bewußten Seuche gelangt war, lag es mir daran, die bezeichnete Behandlungsweiſe zu erproben. Wegen der vorgeſchrittenen Jahreszeit mußte dieſes bis zum folgenden Jahre verſchoben bleiben. Voriges Jahr und auch das heurige habe ich Verſuche angeſtellt.

Auf einem und demſelben Acker behandelte ich Kartoffel⸗ pflanzen auf verſchiedene Weiſe. Um zu erfahren, in wie weit das Entfernen der Blätter die Entwicklung der Knollen beeinträchtigt, fing ich ſchon Anfangs Juni an, eine Partie üppig vegetirender Pflanzen eines größeren Theiles ihrer Dieſe Laubentfernung wurde gut vertragen. Die Pflanzen entwickelten ſich weiter, trie⸗ ben aus den Augen in den Achſeln der entfernten Blattſtiele neue Zweige und friſches Laub und nach vierzehn Tagen war nicht blos jede Spur des Blattverluſtes verwachſen, ſondern die Pflanzen waren auch buſchiger und ſtärker ge⸗ worden. Später wurde an dieſen Pflanzen eine zweite und ſelbſt eine dritte Abblattung vorgenommen, ohne auffällige, nachtheilige Folgen.

Gleichzeitig mit dieſen Experimenten ſtellte ich eine zweite Verſuchsreihe an. Eine andere Anzahl Pflanzen wurden

einige Zoll über der Erde abgeſchnitten. Der nächſte Erfolg

ein Ausfall veranlaßt werden, der größer als der durch die

Krankheit verurſachte iſt?. Die Lehre von den Lebensverrichtungen der Pflanzen,

davon war, daß an deren zurückgelaſſenen Strunken eine Menge Zweige und Blätter erſchienen, welche die Pflanzen ſehr buſchig machten. Als dieſe Zweige größer geworden waren, wurden ſie Mitte Juli zum zweiten Male entfernt,

(Schluß folgt.)

wonach ſie abermals neue, zahlreichere Triebe bekamen.