Jahrgang 
1857
Seite
685
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Thüre horchend zu ſagen:Hat es nicht geſchoſſen? worauf er ſich mit großer Behendigkeit erhob und, als wollte er dem merkwürdigen Falle auf den Grund kom⸗ men, aus dem Zimmer eilte. Seinem Beiſpiele ſolgten ſofort auch bis auf Monſieur Tamerlan alle übrigen Clubbmitglieder, und nach wenigen Augenblicken war das Zimmer öde und leer.

Herr Tamerlan ſaß eine gute Weile wie leblos auf ſeinem Stuhle und ſchien Hören und Sehen eingebüßt zu haben; denn er gewahrte nicht einmal den Kopf eines Frauenzimmers, welches von der Galerie her durch die Thüre guckte und zu wiederholten Malen ausrief:

Mein Gott, wo ſind denn die Herren alle hin? Iſt denn der Kellner nicht da?

Was wünſcht ſie, Frauenzimmerchen, ſagte Herr Tamerlan endlich, zu ſich ſelber kommend, und in ſehr weicher Stimmung. 3

Ach, wenn die Herren das Abendeſſen nicht bald kommen laſſen, ſo verdirbt die Suppe, der Braten und der Salat! ſagte die Köchin.

Die Herren werden gleich wieder da ſein, ſagte Tamerlan und verſuchte, ob ſeine erbärmlich mitgenom⸗ menen Gliedmaßen das Aufrechtſtehen vertragen könn⸗ ten;ſie werden gleich wieder da ſein, fuhr er fort und bewegte ſich langſam nach der Thüre, wo die Köchin jetzt in ganzer Figur erſchjenen war:Wir werden das Eſſen holen laſſen, ſogleich, liebe Guſte; bleib' ſie da, bleib' ſie da, warum eilt ſie denn ſo ſehr?

Ich habe keine Zeit, ich muß ſeh'n, daß ich den Kell⸗ ner auftreibe. Das iſt heute ein Wirrwarr, daß man gar nicht mehr weiß, wo Einem der Kopf ſteht!

Da ſteht er, da, Auguſtchen, auf zwei handfeſten Schultern und einem ſchneeweiß⸗röthlichen Hals, ſagte Tamerlan, der vor Sehnſucht nach einem theilnehmenden Weſen förmlich ſtotterte:Bleib ſie bei mir ein wenig, bleib ſie bei mir, ich bin doch gar zu ſehr alleine!

O Sie Spaßiger, ſagte die Köchin,hätt' ich das gewußt, ich wäre um keinen. Preis hereingekommen!

Um keinen Preis? Ach, ja doch, ja zu Deinem

eigenen Lob und Preis gewiß, läugne Das nur nicht!

Haha! lachte die Köchin.

Haha! lachte Herr Tamerlan, erfreut über den erſten kleinen Beifall dieſes Abends:Bleib, mein Kind und ſag mir

Was, Sie ſchlimmer Herr

Wie alt wie alt iſt ſie wohl jetzt, Auguſte?

Das muß man ein Frauenzimmer gar nicht fra⸗ gen; aber meinetwegen ich bin jetzt volle dreißig Jahre alt!

Volle dreißig Jahre? Ich ſchwöre Dir, nein! und wenn es wahr iſt: ſo tröſte Dich, Du wirſt Dich täglich mehr davon entfernen!

Hahaha! lachte die Köchin wieder. 4 Hahaha! fiel Herr Tamerlan durch Thränen lächelnd ein und da ſich jetzt die Köchin losmachte und über die Galerie nach der Küche eilte, ſo machte ſich Herr Tamerlan, der um jeden Preis eine theilnehmende Seele haben mußte, auch auf den Weg und folgte nach den Hallen des Herdes, um ſich noch ein wenig leichter ums Herz zu reden.

Lange währte ſeine Anweſenheit in der Küche, viel und Tiefſinniges wurde geredet, Herr v. Tamerlan ſtarrte oft lange mit thränenſchweren Augen in das Feuer des Herdes ſprach irre und wieder vernünftig brachte

das Herz der Köchin oft aus dem Concept und wieder hinein, und wenn ihm, wie man zu ſagen pflegt, mitten in der Trauer über die Treuloſigkeiten des Lebens ein Witz paſſirte, da lachten ſie Eins hinter'm Andern und näherten ſich zuſehends von Minute zu Minute, ſchloſſen nach und nach ihre Herzen mit ungetrübtem Vertrauen auf und ließen die ſämmtliche Habe von Gefühlen mit uneigennütziger Bereitwilligkeit ſehen... Und ſo darf es denn nicht wundern, wenn aus bloßem Bedürfniß nach einer guten Seele bald ein kleines Mißverſtändniß von Seiten der Köchin erfolgte, und Herr Tamerlan, noch tief gebeugt und ſchmerzlich verwirrt, ſchließlich zu ſeiner wieder um den Clubbtiſch verſammelten Geſellſchaft zu⸗ rückkehrte, um durch eine Hiobspoſt das Eis des Abends zu brechen.

Wo ſind wo bleiben Sie, Freund? rief man ihm entgegen, als er noch ſehr angegriffen in das Clubb⸗ zimmer trat.

Hier bin ich und wundern Sie ſich nicht, meine Herrn, wenn ich aus guten Gründen heute auf dem Platze bleibe!

Wie ſo? Wie ſo?

Verlaſſen von aller Welt auf meine ſchwache Unſchuld allein angewieſen habe ich ſoeben ein theil nehmendes Herz gefeilſcht und weiß Gott, habe ſogar halb zog ſie mich, halb ſank ich hin eine Braut gefunden!

Was? erſcholl es mächtig durch das Zimmer.

...Sie iſt gut, theilnehmend, fleißig, heiter, lacht gern, hat mich kein Wort ohne freudigen Beifall ſagen laſſen und obwohl ich's eigentlich nicht ſo meinte als ſie verſtand ſo hatte ſie endlich doch mein Wort und meinen Schwur und mag's da recht ſein, wem's will meine Situation hat's verſchuldet ich liebe nicht ſo ſehr, als ich heirathen werde: die Guſte, die Köchin den lieben Trampel des Herdes!

Zu dem letzten Ausdruck mochten ihn jedenfalls die unbeſchreiblich heitern Mienen der Geſeellſchaft fortge⸗ riſſen haben, die ihn hoffen ließen, daß eine glückliche und verwegene Darſtellung des Verhältniſſes den bisher ge⸗ bundenen Beifall aus dem Banne löſen würde; er täuſchte ſich auch nicht; denn er hatte die letzten Worte kaum geſprochen, als die Freunde im Chor vor Vergnügen aufbrüllten und der Major von Donner und Doria den Aufenthalt im Zimmer lebensgefährlich machte, da ſein donnerähnliches Gelächter jeden Augenblick die Decke des Zimmers herabzuwerfen drohte.

Das war ein Witz, der dem großen Moment Ihres Eintritts in den Clubb geziemte, rief der Jüngling von Karahiſſar und hob das Glas auf das Wohl des neuen Brautpaares.

Selbſt die Rattenfalle reichte dem Unglücklichen die Hand über den Tiſch hinüber und ſagte mit vor Schaden freude glänzenden Augen:Dieſer Abend ſoll mit den Flammen des heiligen Herdes in unſere Freundesherzen geſchrieben bleiben!

Herr v. Tamerlan lebte unter fröhlichen Beifalls⸗ zeichen wieder auf und ob er auch manche ſtille Wehmuth über die Haſt der Verlobung zu bekämpfen hatte, ſo gab er doch, wärmer und wärmer werdend, tauſend gute Ein⸗ fälle preis und durfte von dieſem Abend an wie jedes an⸗ dere Mitglied ſchon vor acht Uhr Abends im Clubb⸗

zimmer erſchienen.