und lebensmüde hingen ſie auf ihren Stühlen.
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was hören Sie denn von Ihrem guten Bruder, dem Doktor, ich habe den Mann immer recht leiden mögen— ſchreibt er Ihnen denn von Zeit zu Zeit?“
Herr Tamerlan fühlte ein Drücken der Wehmuth in der Kehle, faßte ſich endlich und erwiederte mit einer Wärme, die von großer Elaſticität ſeines Weſens zeugte:
„Ob ich, ich, von ihm höre! Ob er mir ſchreibt! Hat er doch gerade in neueſter Zeit wieder ſaubere Dinge er⸗ lebt, die erzählt zu werden verdienen!“
„So? Und was denn? Heraus damit, Freund!“
riefen alle Clubbgenoſſen plötzlich wie aus tiefem Nach⸗ denken erwachend; Aller Augen hafteten mit hoher Span⸗ nung an den Mienen des Gefragten und die Stühle rückten wieder lebhaft hin und her.
Piffpaff— Herr v. Tamerlan war durch dieſe Zeichen von Aufmerkſamkeit wieder vollkommen zufrieden geſtellt und mit feuriger Gefälligkeit begann er:
Paffpiff—„Nun, da er Arzt iſt, mein Bruder, wie Sie wiſſen, wird er z. B. neulich von einem vierſchröti⸗ gen Viehhändler beſucht, der ſich beklagt, daß er ſchon
liebenswürdigſten Humanität wie in halber Zerſtreuung
zum Schwergefallenen zu ſagen: „Alſo iſt er wohl, Ihr Herr Bruder. Nun das freut mich. Und wie geht es ſeiner lieben Frau? Nicht wieder etwas Kleines unterwegs?“ Die Lippen Tamerlans machten Bewegungen, die unter Brüdern für ſchmerzliche Zuckungen gelten mußten; nach einer Pauſe, die er ohne Antwort vorübergehen ließ,
ſtand er auf, als wollte er ſeiner ſchlecht geſtopften Pfeife
lange nicht geſund und ruhig mehr ſchlafen könne. So, nicht ſchlafen? ſagt mein Bruder— ja, dann rath' ich
euch eben, einige Bäder zu nehmen und in acht Tagen wieder zu kommen und zu melden, wie ſie gewirkt haben. Der Mann nimmt den Rath an, genießt die Wohlthat der Bäder, kommt auch nach acht Tagen wieder und ſagt:
„Herr Dokter, ich dank' für den guten Rath vonwegen
der Bäder, ſie haben mir angenehm und recht viel Appetit
gemacht— aber ſchlafen kann ich deſſentwegen immer noch nicht! Noch immer nicht ſchlafen? ſagt mein Bru⸗ der— gut; wenn die Bäder nicht geholfen haben, ſo will ich euch etwas verſchreiben, das euch jedenfalls Schlaf bringen wird;— er verſchreibt dem Manne alſo Opium, das der gehorſame Patient auch richtig kauft und ver⸗ ſchlingt; aber acht Tage ſind kaum hierauf vorüber, ſo iſt der Mann auch wieder bei meinem Bruder und klagt: Herr Dokter, das Opium war recht und gut— aber von
Schlafen iſt halt immer noch keine Rede!— Was? ruft
mein Bruder— immer noch nicht ſchlafen, nach Bädern und Opium nicht ſchlafen,— ein geſunder Menſch wie Sie? Zum Teufel, Mann, was habt ihr aber auch?... Jhab' Wanzen, ſagt der Mann und heftet flehentliche Blicke auf den Doktor.“
Aber kläglich, kläglich! Die Zuhörer ſchienen das Opium der Anekdote ſelber verſchluckt zu haben, ſo ſchlaff Der „Jüngling von Karahiſſar, von Natur etwas leicht zum
Schweiß geneigt, zog mit einem in ſeiner Art unbezahl⸗ baren Geſichte ein Taſchentuch aus der Taſche und beſei⸗
tigte einige kalte Tropfen von der Stirn; der Major, auf
dem Nacken ſitzend und beide Beine weit jenſeits der Lan⸗ desgrenze der Tafel wider die Wand ſtemmend, ſchien der Erzählung einer langen, zur Noth bei Aufmerkſamkeit erhaltenden Kriegsoperation zuzuhören, während der In trigant, dem das Vergnügen die unheimlichen Augen weit aus dem teufliſchen Geſichte trieb, einige Tropfen ver⸗ ſchütteten Bieres auf dem Tiſche benützte, um mit dem Zeigefinger ein unbeſtimmtes Netz von Linien zu zeichnen,
mehr Luft verſchaffen und trat an die Seitenwand des Zimmers, wo der große Pfeifenräumer an einem Nagel hing.„Auch meine Schwägerin iſt wohl,“ ſagte er end⸗ lich, um nur durch einige menſchliche Laute die tödtliche Stille zu unterbrechen und wühlte dabei mit ſehr trüben Augen in der unterſten Tiefe ſeiner Pfeife.
„Dann erlauben Sie ja,“ fuhr die Rattenfalle wo möglich noch holder fort,„daß ich auch nach dem Freunde Ihres Herrn Bruders frage— dem Herrn Stoldinger, einem mir unvergeßlichen Humoriſten, der das Nützliche
mit dem Guten verbindend, im Stande iſt, einen ganzen—
Abend allein das Wort zu führen und die Geſellſchaft doch nie fühlen zu laſſen, daß in der Unterhaltung eine Lücke entſtehe.— Wie geht es ihm?“*
Noch einmal ſchien durch dieſe Frage für Herrn Ta— merlan ein großer glücklicher Augenblick heraufzudäm— mern, und die ſchwere doppelte Niederlage einigermaßen wieder gut zu machen; mit einer nur ihm, Herrn Tamerlan, eigenthümlichen Schwungkraft des Gemüthes raffte er daher ſeine letzten Kräfte zuſammen, zündete raſch die friſch geſtopfte Pfeife wieder an, und auf ſeinen Poſten am Clubbtiſch eilend, begann er, zwar noch etwas blaß, aber ſeiner Sprache vollkommen mächtig:
Piffpaff—„Ja, das iſt der Mann, der Sperlingen Salz auf die Schwänze zu ſtreuen vermag;— ein Juwel von Geſellſchafter, ein Falk, wo es auf einen Scherz oder Witz losgeht... Ha, erſt neulich wieder—“
„Ach, was war es— ſagen Sie doch—“ riefen die Clubbgenoſſen wie aus Einem Munde und rückten mit den Stühlen wie früher.
Paff— fuhr Herr Tamerlan nach einigen Kraftzügen aus der Pfeife fort:„Nun, neulich iſt die Stadt in Folge einer Gemeindeangelegenheit in großer Aufregung, es wird von Seiten des Bürgermeiſters eine große Ver⸗ ſammlung ausgeſchrieben, die auch zuſammenkommt und im Rathhausſaale lebhaft verhandelt. Der Herr Bür⸗ germeiſter, der ſich zu einer langen gediegenen Rede vor bereitet hat, tritt denn endlich auch auf, um die Gemüther zu beruhigen, bleibt mitten in ſeinem ciceronianiſchen Vor⸗ trage ſtecken, ſtarrt eine Weile vor ſich hin— und ſagt endlich mit triefender Stirn: Meine Herren— bedauern Sie mich— ich habe mein Gedächtniß verloren!— Man ſchließe die Thüren, ruft der Freund meines Bruders,
zehn Louisdor dem ehrlichen Finder, es ſind lauter an⸗
welches nach Art von Kindermalerei an Mauern ein menſchliches Profil darſtellen ſollte, mit zwei Augen auf
einer Seite. Ihm auch, der Rattenfalle nämlich, war es vorbehalten, nach einer in's Unbehagliche führenden Pauſe das Wort wieder zu ergreifen und mit dem Tone der
ſtändige Leute hier— der Herr Bürgermeiſter muß ſein Gedächtniß wieder haben!“
Nach dieſen Worten griff Herr Tamerlan ſogar zu dem verzweiflungsvollſten Mittel eines Komikers, indem er zuerſt lachte, um die Clubbgenoſſen um jeden Preis mit fort zu reißen;— allein auch dieſer Aufwand war vergebens;— die Geſellſchaft war auch diesmal wieder in die wunderlichſte Lethargie verfallen und auch kein Laut kam über ihre Lippen. Ja, die Rattenfalle hatte den, mindeſtens zwanzigjährige Zuchthausſtrafe verdienenden Einfall, plötzlich aufzublicken und nach der anſtoßenden


