Jahrgang 
1857
Seite
680
Einzelbild herunterladen

daß in den letzten 10 Jahren in dieſem Punkte in Deutſch⸗ land mancher Fortſchritt gemacht worden iſt. Die deutſche politiſche Preſſe im Vormärz gab eine ſchlechte Vorſtellung von der politiſchen Reife des deutſchen Volkes, die freilich auch gänzlich fehlte. Daß die deutſchen Zuſtände nur eine

unvollſtändige, urtheilsloſe Darſtellung darin fanden, daß

man entweder bloße trockene Thatſachen, ohne Würdigung ihrer Bedeutung, aneinander reihte, oder ſich höchſtens zu einem jämmerlichen Philiſterräſonnement aufſchwang, wäh⸗ rend gegen das Ende der vormärzlichen Zeit eine übermüthige, keiner objectiven Schranke achtende ſubjective Kritik in die Tagespreſſe eindrang, iſt bekannt. Aber auch die auswärti⸗ gen Verhältniſſe fanden in der deutſchen Preſſe eine zwar umfaſſende Beſprechung, aber keine richtige Würdigung. Man begriff weder das Inland noch das Ausland, und zwar weil man über ſich ſelbſt unklar war, blieb man es auch über die Welt. Nun iſt zwar nicht zu läugnen, daß die richtigen Philiſterblätter, wie das Frankfurter Journal, die Voß'ſche und Spener'ſche Zeitung, der ſchwäbiſche Merkur und andere noch heute in der alten Weiſe faſt unverändert fortbeſtehen und auch heute noch für die Reife des öffentlichen Geiſtes in Deutſchland ein ſchlechtes Zeugniß ablegen. Es iſt ebenſo gewiß, daß zahlloſe kleinere Blättchen, welche über Deutſchland zerſtreut ſind, dem Geiſt des Philiſterthums und der Kleinlichkeit dienen. Aber gleichwohl darf man ſagen, die Publiciſtik hat in Deutſchland ſehr namhafte Fortſchritte gemacht. Wenn die alten Philiſterblätter noch fortbeſtehen, ſo haben ſie doch überall mit einer ſtarken Concurrenz von anderen, gut und männlich geſchriebenen Blättern zu kämpfen und dieſe erobern ſich immer mehr Boden. Wenn die Voß'ſche und Spener'ſche Zeitung noch vom Berliner Philiſter gehalten werden, ſo hat ſich doch auch die National⸗Zeitung daneben Bahn gebrochen. Ja, faſt allenthalben haben ſich doch Organe begründet, in denen jetzt ein ungleich geſunderes und reiferes Urtheil über die laufenden Ereigniſſe gefunden wird, als dies vor dem März irgendwo in Deutſchland zu entdecken war. Ueberall iſt jetzt mehr Patriotismus, und überdies mehr Einſicht in die ſtaatlichen Verhältniſſe des Inlandes, und die auswärtigen Dinge werden, und zwar gerade wegen der beſſeren Einſicht in den eigenen Dingen, mit mehr Ge⸗ wiſſenhaftigkeit, Sachkenntniß und Reife des Urtheils be⸗ ſprochen, als je zuvor. Es hat daher die deutſche Tages⸗ preſſe auch im Auslande erſt in der jüngſten Zeit größere Beachtung gefunden, und z. B. England hat in den letzten Wochen willig anerkannt, daß es der deutſchen Preſſe für die Einſicht und das Wohlwollen, wonmit ſie die oſtindiſchen Dinge beſprochen, zum Dank verpflichtet ſei.

Freilich iſt es immer übel beſtellt mit der Tagespreſſe in einem Lande, welches ohne politiſchen Mittelpunkt iſt. Weder wird je die preußiſche Auffaſſung der Dinge, wie ſie nun einmal in Berlin herkömmlich iſt, zu einer allgemeinen deut⸗ ſchen werden oder in Deutſchland ſich Geltung verſchaffen können, noch hat die Wiener Preſſe bis jetzt die Aufgabe an⸗ erkannt, die Weltbegebenheiten vom Standpunkt der deutſchen Nationalintereſſen darzuſtellen. In den kleineren Städten Deutſchlands aber iſt es ſchwer, ein größeres, einflußreiches politiſches Organ zu gründen, und auch hier drängen ſich das Lokalintereſſe und Lokalrückſichten zu ſtark ein. Hat doch ſogar die allgem. Zeitung, die ihrem Namen nach von Partikularrückſichten ſich gänzlich frei halten ſollte, in der orientaliſchen Frage die Sache des Neuhellenenthums in ebenſo unglücklicher als den deutſchen Intereſſen nachtheiliger Weiſe ergriffen, unſtreitig blos weil Augsburg ſeit 1806 zum Königreich Baiern gehört und Griechenland bekanntlich

680

einen Sprößling der wittelsbach'ſchen Dynaſtie ſich zum König verſchrieb, um, mit Börne zu reden, ſtatt ottomaniſch, ottokindiſch zu werden.

Dieſe Hinderniſſe für die Bildung einer einflußreichen politiſchen Tagespreſſe in Deutſchland müſſen anerkannt werden. Sie erſchweren unſtreitig in ſehr erheblicher Weiſe die Läuterung und Reife des öffentlichen Geiſtes. Indeſſen muß auch bemerkt werden, daß die Tagespreſſe für ſich allein ſchlechterdings nicht hinreicht, um das Bewußtſein über die Weltereigniſſe aufzuklären und zu ſchärfen. Sie iſt ihrem Weſen nach zu ſehr auf das Einzelne angewieſen, ſie giebt den Eindruck jedes Tages wieder, und ſelbſt der Verſuch in Leitartikeln über allgemeine Verhältniſſe und über den Zu⸗ ſammenhang der Dinge Licht zu verbreiten, iſt zu ſehr durch Einzelnumſtände und Zufälligkeiten bedingt. Man muß vielmehr ſagen, daß die überwältigende Macht, welche die Ta⸗ gespreſſe erlangt hat und durch die ſie oft jede andere Lectüre verdrängt, in vieler Hinſicht der politiſchen Bildung gefähr⸗ lich iſt. Gewiß wenigſtens wird dieſe politiſche Bildung weſentlich gefördert durch größere zuſammenfaſſende Schrif⸗ ten; ſie geben erſt die wahre Orientirung in der Zeitgeſchichte und ohne ſie kann keine politiſch-bedeutende Nation beſtehen.

Es iſt hier nicht der Ort um den Nachweis zu liefern, daß auch auf dem Felde der politiſchen Literatur überhaupt in Deutſchland ſeit dem März ein ſehr bedeutender Fort⸗ ſchritt bemerkt wird; es wird aber dieß wohl von Niemanden geläugnet werden. Wir wünſchen hier nur auf eine einzelne Erſcheinung hinzuweiſen, welche, wie uns ſcheint, ein ſehr ſprechendes Zeugniß von dieſem Fortſchritt ablegt: Das Gothaiſche Jahrbuch für 1856 von Aurelio Buddeus. Die Weltereigniſſe jedes Jahres zuſammenzufaſſen, und bald nach Abfluß des Jahres dem Publikum vorzulegen, damit daſſelbe, was es im Einzelnen aus den Zeitungen erfahren, nun in ſeinem inneren Zuſammenhang und nach der nicht

jeden Tag möglichen kritiſchen Sichtung dargeſtellt finde, das

iſt ein Bedürfniß, welches längſt gefühlt wurde und das man auf die manchfaltigſte Weiſe zu befriedigen verſuchte. Aber welch ein Unterſchied zwiſchen den leicht gearbeiteten, aus bloßen Zeitungsabſchnitten zuſammengefügten Jahrgängen des Menzel'ſchen geſchichtlichen Taſchenbuchs, das einſt bei Cotta erſchienen, und dem fleißig und geſchmackvoll ausge⸗ arbeiteten, kritiſch geordneten und in ſchöner Vollſtändigkeit und zuſammenhängender Darſtellung anſprechenden gothai⸗ ſchen geſchichtlichen Jahrbuch! Hier iſt es eine Luſt, die Fort⸗ ſchritte deutſcher Publiciſtik wahrzunehmen. Wie angenehm und unterrichtend zugleich lieſt ſich das Ganze! Und wie leicht und handlich bietet es den Nachſchlagenden Auskunft über jeden Act des betreffenden Jahres! Wie zweckmäßig iſt Alles geordnet! Zuerſt eine zuſammenhängende Darſtellung der großen Hauptfrage, welche die ganze europäiſche Politik be⸗ ſchäftigte, der orientaliſchen, ſoweit ihr Verlauf noch in die⸗ ſes Jahr fällt. Dann die Jahresgeſchichte der einzelnen Staaten, mit feiner, ſorgfältiger Benutzung aller Einzeln⸗ heiten, die nun ſchön zum Ganzen verbunden ſind, voran jedesmal die wichtigſten ſtatiſtiſchen Notizen über den Staat! Welche Mühe muß der Verfaſſer das ganze Jahr hindurch Tag für Tag auf die Benutzung der Zeitungen verwendet, welche Aufzeichnungen muß er ſich gemacht, wie ganz anders, als der gewöhnliche Zeitungsleſer muß er geleſen haben! Welche ſpeciellen Kenntniſſe über die Geographie, die Ge⸗ ſchichte, die volkswirthſchaftlichen Verhältniſſe jedes Staates ſetzt das Buch voraus! Allein wie vollſtändig befriedigt es nun aber auch alle Bedürfniſſe! Das Bedürfniß des gebil⸗ deten Zeitgenoſſen, der den geſchichtlichen Inhalt des jüngſt⸗