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verfloſſenen Jahres im Zuſammenhang ſich vergegenwärtigen will, wie das Bedürfniß des Staatsmannes, des Publiciſten, des Zeitungsſchreibers und Zeitungsleſers, dem ein genaues Regiſter ſofort über jeden kleinſten Akt Auskunft giebt und der überdieß in einem Anhang die wichtigſten diplomatiſchen Aktenſtücke in getreuer Uebertragung vollſtändig vorfindet! Hier haben wir ein Unternehmen, das werth iſt, ſich in
kehrenden Jahrgängen in immer weitern Kreiſen politiſches Bewußtſein und damit auch deutſches Selbſtbewußtſein zu verbreiten, ein Unternehmen, welches verdient, von Allen denen gefördert zu werden, welche, gleichviel welcher politi⸗ ſchen Richtung ſie angehören mögen, über das, was um ſie her vorgeht, ſich genaue Kenntniß und ein ſicheres Urtheil verſchaffen wollen.
Deutſchland einzubürgern und in ſeinen regelmäßig wieder⸗
Aus dem Weltleben.
So ſtill iſt's in denjenigen Regionen, welche gewöhnlich die politiſchen heißen, daß noch heute die entſetzenvolle Mainzer Pulverexploſion eigentlich das einzige Ereigniß bleibt, welches die allgemeine Theilnahme lebhaft in Anſpruch nimmt. Oeſt⸗ reich und Preußen ſtehen mit milden Sammlungen durch die Monarchie an der Spitze des deutſchen Vaterlandes, die Schwe⸗ ſterſtadt Frankfurt hat anerkennenswerth tiefe Griffe in ihren Wohlthätigkeitsſeckel gethan, das ferne Danzig ſendete in Erin⸗ nerung eines eignen ähnlichen Unglücks eine ſeiner würdige Gabe, die gerad verſammelten Stände Heſſens collectirten ſofort in den Reihen ihrer Deputirten, faſt in allen größeren Orten Deutſch⸗ lands haben ſich erfolgreiche Unterſtützungsvereine gebildet; und manche gemüthlich rührende Erſcheinung tritt hervor, wie z. B. der Verzicht der heſſiſchen Truppen auf eine Tageslöhnung zu Gunſten der unglücklichen Stadt. Freilich fragt man auch andrerſeits anderwärts, warum keiner der übrigen deutſchen Bundesſtaaten, außer den Großmächten, die Unterſtützung als Staat in die Hand genommen hat? Sind nur die Regierungen Oeſterreichs und Preußens ſich deſſen ſicher bewußt, daß ſie Po⸗ pularität genug beſitzen, um mit ihrem Vorangehen das Werk der nationalen Milde ergiebiger zu machen? Oder glauben ſie das Staatsbewußtſein ihrer Bevölkerungen ſo abgeſchloſſen gegen das übrige Deutſchland, um derartige offizielle Anregungen zu bedürfen? Oder zweifelte man in Baiern— wie bei Schleswig⸗ Holſtein— ob eine wirkliche„Veranlaſſung gegeben“ ſei zu den Sammlungen, indem man ſo lang mit der bloßen Geſtattung zögerte? Jeder deute es ſich nach Belieben; denn wirkliche Räthſel fehlen auch ſonſt nicht. Vom Bund als ſolchem hatte man— und allerdings naturgemäß genug— die erſte nennens⸗ werthe Unterſtützungsthat erwartet. Denn er hat Mainz die Bundesfeſtung octroyirt, deren Pulverexploſion die Stadt und ihre Menſchen ſo unſäglich beſchädigte. Seitdem ſind Wochen verfloſſen; und damit Niemand hoffe, führten die Bundestags⸗ publiciſten unterdeſſen in gelahrten Expectorationen aus, daß bundesrechtlich Deutſchlands Centralorgan keinerlei juri⸗ ſtiſche Verpflichtung zu einer Entſchädigung der Stadt Mainz hat,— was nach Juriſtenrecht allerdings von Rechtswegen richtig iſt. Auch in den ſo äußerſt intereſſanten offiziellen Aus⸗ zügen der Bundestagsprotokolle lieſt man bisher bloß, daß etwelche Gelder zur ſchleunigen Reparatur der Feſtungswerke angewieſen ſind.
Wir unſerntheils haben, offen geſtanden, allerdings über⸗ haupt keine Freude an dem offtziellen Unterſtützungsweſen. Einerſeits ſieht es aus wie Mißtrauen gegen den nationalen Mildthätigkeitsſinn. Und außer bei den vertriebenen Schles⸗ wig⸗Holſteinern, deren Unterſtützung ja lange Zeit mißliebig überall war und in Baiern und Heſſen⸗Caſſel ſogar formell ver⸗ boten wurde, hat ſich doch das deutſche Volk niemals erſt ſuchen laſſen, wo es die momentane Linderung eines Unglücks galt.
Andererſeits gewöhnen ſich abermitſolchen offiziellen Einmiſchun⸗ gen die Bevölkerungen immer mehr daran, ihre Privatangele⸗ genheiten mit dem Staate zu identificiren. Wartet hier der Wohlthätige den offiziellen Anſpruch auf ſeinen Geldbeutel ab, ſo gewöhnt er ſich beim eignen Unglück auch gar leicht daran, anſtatt die eignen Kräfte einzuſetzen, auf Hülfe vom Staate zu warten. Die große Finanzkriſis, mit welcher uns Amerika ſo⸗ eben angeſteckt hat, bietet wieder neue Belege— dem Verſtän⸗ digen freilich zugleich noch viel ſtärkere Belege dafür, daß eben nur dort und ſo weit eine wirkliche Hülfe in materiellen Cala⸗ mitäten durch Staatsacte zu erwarten iſt, wo dieſe die Hände der Bevölkerung zur Selbſthülfe wirklich freilaſſen. England hat die Beſchränkungen der Bankacte ſuspendirt— und ſofort war die Hauptgefahr der Kriſis überwunden. Preußen hat die un⸗ natürlichen Beſchränkungen der Bankbefugniſſe und die vom Miniſterium noch im Frühjahr ſo rechthaberiſch feſtgehaltenen Zinsgeſetze außer Kraft erklärt— ſofort ſieht die Geſchäftswelt die Möglichkeit gegeben, die gegenwärtigen Schwierigkeiten er⸗ folgreich zu bekämpfen. Dagegen hat Hamburg den Banknoten eine Art von Zwangscours octroyirt— und ſofort leidet Deutſch⸗ lands wichtigſter Seeplatz unter dem Mißtrauen aller Handels⸗ kreiſe faſt ſchwerer, als von der eigentlichen Finanzcalamität. Was aber gleichzeitig mindeſtens eben ſo wichtig: gerad diejenigen Staaten, welche mit ihren Creditinſtituten in eine Art von ſoli⸗ dariſcher Wechſelbeziehung getreten waren und ihnen mit Ueber⸗ gehung ihrer Landesvertretungen exceptionelle Vorrechte ein⸗ räumten, ſie ſehen ſich jetzt im Momente der Noth am aller⸗ meiſten in ihrem Credit beargwohnt und ſogar ihre Staatspapiere einer ſteigenden Entwerthung preisgegeben. Dieſe Lehren ſind bitter und hart. Aber hoffentlich gehen ſie nicht unbenützt vor⸗ über. Freilich iſts aber betrübend genug, daß es noch außer⸗ ordentlicher Ereigniſſe bedarf, um die Sucht der Vielregiererei zu beſchränken und dem Bürgerſtolze der Selbſtverwaltung we⸗ nigſtens einigermaßen auf die Beine zu helfen.
Unter ſolchen unmittelbar drückenden Nöthen der ökonomi⸗ ſchen Verhältniſſe ſchenkt man den andern Symptomen des öffent⸗ lichen Lebens leicht eine nur zu geringe Beachtung. Wer ſpricht
von der Niederlage, welche ſoeben das geiſtige Bevormundungs⸗ prinzip in Belgien durch den Sturz der ultramontanen Elemente erlitt, trotzdem daß ſie die Maske des politiſchen Phraſenliberalis⸗ mus ſo geſchickt zu handhaben wußten? Wer beachtet ihren ver⸗ zweifelten Kampf in Sardinien, wo ſie mit derſelben Maske nach Majoritäten in der Volksvertretung ſtrebten und ſie lokal eben nur da erlangten, wo eine unpolitiſche Cantönlidemokratie ge⸗ dankenlos den Ton angibt? Damit es jedoch im lieben Deutſch⸗ land nicht am beſchämenden Gegenſatz fehle, conſtatirt ein Biſchof durch amtlichen Erlaß die angebliche Heilung einer Blinden durch das Knochenöl irgend einer Heiligen als wirkliches„Wunder;“ verbietet die baieriſche Regierung den weltlichen Mitgliedern


