iſt
ſeinen Vaſallen kaum etwas anderes an Tribut erheben als Sklaven; Anderes hat für ihn wenig Werth.„Dieß Alles,“ meint Barth,„wird anders werden, ſobald ein regelmäßi⸗
ger, friedlicher Handelsverkehr auf dem Benue in das Herz
dieſer Länder eröffnet iſt und eine ſtete Nachfrage nach den natürlichen Erzeugniſſen derſelben Statt findet, als da ſind Behandlung, durch das Mißtrauen und den Aberglauben
Baumwolle, vegetabiliſche Butter, Erdmandeln, Elfenbein,
Rhinoceroshörner, die Fiber der Calotropis oder Asclepias
gigantea, Wachs, Häute und unzähliges Andere.“
Man ſieht, Barth kommt immer und immer wieder auf das Projekt zurück, vom Meere aus auf den Flüſſen Kuara, Benue und andern bis in den Mittelpunkt des Sudan, bis an das große Becken des Tſadſees vorzudringen, und dadurch Geſittung in dieſe von der Natur ſo überaus begünſtigten, durch die Unwiſſenheit und Raſerei der Menſchen ſo ſchwer heimgeſuchten Länder zu tragen. Die Natur ſelbſt hat für die Verbindung geſorgt. Den Kuara, dann den Benue bis weit über Yola hinauf können gewöhnliche Flußſchiffe ſchon jetzt dringen, der Kebbi, welcher in den Benue mündet, iſt wenigſtens bis Daura für flache Kähne fahrbar, von da bis zum Serbewel, welcher in den Tſadſee mündet, iſt nur eine Entfernung von fünf deutſchen Meilen, welche durch einen Canal zugänglich gemacht werden müßte; dann wäre zwiſchen dem atlantiſchen Ocean und dem Tſadſee im Innern Afrikas eine Waſſerverbindung hergeſtellt. Dieſer Gedanke be⸗ ſchäftigt Barth fortwährend, und als er, auf ſeiner Reiſe nach Bagirmi, einige Tage in Feſſeln gelegt wird, ſann er auch in dieſem mißlichen Zuſtand nur über die Möglichkeit nach, wie dieſe Länder civiliſirt werden könnten, und er kommt dann zu dem Schlußergebniß, daß es zu dieſem Be⸗ hufe unumgänglich nöthig ſei, die günſtigſte Strecke des Landes zwiſchen den Flüſſen Kuara, Benue und Kaduna zu koloniſiren und ſomit Handelsverkehr und Civiliſation nach allen Richtungen im Innern des Welttheils zu verbreiten, und an Ort und Stelle ſchrieb er dieſes Heureka in ſein Tagebuch nieder mit der Bemerkung:„dieß iſt das einzige Mittel, welches dem gewünſchten Zwecke entſpricht; alles übrige iſt vergeblich.“
So freundlich die Aufnahme beim Sultan von Logone war, ſo unfreundlich war ſie im Lande von Bagirmi. Beherrſcher dieſes Landes war abweſend auf einer Razzia und ſeine Beamten ließen Barth, nachdem er die Grenze
überſchritten hatte, in Feſſeln legen, aus denen er jedoch bald befreit wurde. Auch erhielt er ſpäter, nach der Rückkehr des Sultans, vollgültige Satisfaktion. Er hatte die Abſicht ſich dem Zug des Sultans anzuſchließen, um wieder neue Länder kennen zu lernen; dieſen Zug hatte er aber verſäumt, außerdem war ihm der Aufenthalt durch die unfreundliche
der Einwohner verleidet. Dazu kam, daß Barth während ſeines Aufenthaltes in Maſſenna, der Hauptſtadt von Ba⸗ girmi, Briefe empfing, welche ihn nach Kukaua zurückriefen, da das auswärtige Amt in London ihm die Leitung der Expe⸗ dition nach Richardſon's Tode übertragen und ihm freigeſtellt hatte, entweder weiter öſtlich an den Nil vorzudringen oder ſich nach dem Weſten zu wenden. Die nöthigen Mittel um die etwas derangirten Verhältniſſe zu ordnen, waren ebenfalls angekommen. So eilte denn Barth nach der Hauptſtadt von Bornu zurück, in keiner Weiſe durch ſeine Erfahrungen in Bagirmi befriedigt. Aber kaum war er daſelbſt angekommen, ſo wurde ſein dort zurückgebliebener Gefährte Overweg von einer hitzigen Krankheit ergriffen und ſtarb wenige Meilen von Kukaua, in Maduari, an Tſadſee, wo er in der Land⸗ luft Geneſung geſucht hatte. So war jetzt. Barth der einzige noch Ueberlebende von der Expedition, und er beſchloß, die Unmsglichkeit vorerſt weiter öſtlich vorzudringen, erkennend, die Ermächtigung Palmerſtons zu benutzen und nach dem Weſten aufzubrechen. Seine Beobachtungen und Erfahrungen auf dieſer Reiſe, die ihn bis nach Timbuctu führte, werden in den zwei letzten Bänden geſchildert werden.
Bekanntlich hat der deutſche Reiſende Vogel ſpäter den⸗ noch ſich von Bornu weiter öſtlich nach Wadai gewagt und iſt, nach einer bis jetzt nicht vollſtändig beglaubigten Nach⸗ richt, dort als ein Opfer ſeines Forſchungsgeiſtes gefallen.
Barth, der über Wadai, welches er nicht ſelbſt geſehen, mit⸗
Der
theilt, was er von glaubwürdigen Mänuern in hiſtoriſcher und geographiſcher Hinſicht erkunden konnte, hat nur noch eine ſchwache Hoffnung, daß„das Leben des ebenſo rüſtigen und unerſchrockenen, wie aufgeweckten und tiefwiſſenſchaftlich gebildeten jungen Mannes verſchont geblieben ſei;“ er meint aber,„in keinem Fall werde das Leben ſeines jungen Freundes als völlig weggeworfen zu betrachten ſein, und ſein Tod ſelbſt werde künftigen Reiſenden einen Schirm gegen ein ähnliches Schickſal gewähren.“
Das gothaiſche geſchichtliche Zahrbuch.
Man mag die öffentlichen Zuſtände in Deutſchland noch ſo traurig und für eine gebildete und große Nation beſchä⸗ mend finden, Eines wird man nicht beſtreiten können: man lebt ſeit 1848 in Deutſchland mit mehr Bewußtſein, die Ereigniſſe werden vom öffentlichen Geiſt beſſer erkannt und richtiger gewürdigt. Allerdings fehlt uns noch das Organ, um unſer Bewußtſein und unſer Urtheil in Thaten auszu⸗ prägen;— die öffentliche Meinung hat noch nicht die Kraft um ſich in die Wirklichkeit einzuführen, aber das ſtetige Wachsthum jenes bewußten öffentlichen Geiſtes iſt eine ſichere Bürgſchaft dafür, daß die Organe, um ihn zur äußeren,
praktiſchen Darſtellung zu bringen, uns nicht auf immer ver⸗
ſagt bleiben können. Je mehr wir uns der uniggebenden
*) Gothaiſches geſchichtliches Jahrbuch für 1856. Im Verein mit mehreren Publiciſten herausgegeben von Dr. Aurelio Buddeus.
Gotha, Verlag von Hugo Scheube.
Welt und unſerer eigenen Stellung in derſelben bewußt werden, um ſo näher rücken wir dem Augenblick, wo wir auch praktiſch in ſie eingreifen und ſie unſerem Willen und Intereſſe gemäß geſtalten werden, und ſo viele Illuſionen auch in den letzten Jahren geſtört worden ſein mögen, ſo
wenig die Wirklichkeit den Hoffnungen entſpricht, die das
Erzeugniß einer unnatürlich aufgeregten Zeit waren: dennoch läßt ſich ſchon jetzt durchfühlen und ſogar an beſtimmten Zeichen erkennen, daß das Gewicht Deutſchlands nachgerade ſtärker in die Wagſchale der Weltbewegung fällt.
Das Organ des öffentlichen Bewußtſeins iſt die Preſſe, im Beſondern derjenige Theil der Preſſe, welcher ſich vorzugs⸗ weiſe mit den äußeren, politiſchen Weltereigniſſen beſchäftigt. In dieſer Preſſe, welche die Weltereigniſſe den Zeitgenoſſen zur Darſtellung bringt, ſpiegelt ſich die politiſche Reife oder Unreife der Nation. Es darf wohl getroſt behauptet werden,


