Jahrgang 
1857
Seite
678
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Es war, trotz aller Widerwärtigkeiten, der heiße Wunſch der Reiſenden das öſtliche Geſtade des Tſadſees zu erforſchen und dadurch ihre Beobachtungen über dieſen großen Sumpf von Centralafrika, deſſen Waſſermenge und Umfang je nach der Trockenheit oder der Regenzeit wechſelt, zum Abſchluß zu bringen. Aber das ging auf keine andre Weiſe als im An⸗ ſchluß an eine jener Razzien, welche von Bornu aus von Zeit zu Zeit nach jenen Gegenden geſendet werden, um Heerden wegzutreiben oder Sklaven zu machen. Der Scheich von Bornu hatte zu dieſem Zweck einen arabiſchen Stamm, der ſich in jenen Gegenden herumtrieb, in ſeine Dienſte genom⸗ men und dieſem ſchloſſen ſich unſre Reiſenden wirklich an. Es war für ſie eine höchſt unbehagliche Lage, Zeugen der Gewaltthätigkeit und Grauſamkeit zu ſein, welche dieſe Araber auf ihrem Marſch am Geſtade des Tſadſee's an den armen Einwohnern begingen, und zudem war der Zug nicht einmal ein ſehr ruhmvoller und man wurde zur Umkehr genöthigt, bevor die Reiſenden die Gegenden erreicht hatten, nach denen ihr Sinn ſtand. Freilich fehlt es nicht an intereſſanten Bildern aus der Gegend, die zum Theil in beigegebenen Zeichnungen feſtgehalten ſind. Wir heben namentlich die Begegnung einer Elephantenheerde heraus:Um ſieben Uhr Morgens, erzählt Barth unter dem 25. September 1851, hatten wir das Glück eines der anziehendſten Schauſpiele zu genießen, welche dieſe Gegenden in ihrer jetzigen Verödung darzubieten vermögen. Rechts in der Ferne rückte eine ganze Heerde Elephanten in regelmäßigem Aufzug langſam heran zur Tränke, einer Heer⸗ ſchaar vernünftiger Weſen nichtunähnlich; den Vortrab bildeten die Männchen, deutlich an ihrer Größe erkennbar, in regel⸗ mäßiger Schlachtordnung; in einem kleinen Abſtande folgten die Jungen, in einem dritten Zuge die Weibchen und den Nachtrab des ganzen Zugs bildeten fünf Männchen von un⸗ geheurer Größe. Die Letzteren bemerkten uns, obgleich wir in ziemlicher Entfernung waren und uns ganz ruhig ver⸗ hielten; einige von ihnen warfen Staub in die Luft, wir ſtörten ſie jedoch nicht. Es waren ihrer zuſammen ſechsund⸗ neunzig Stück.

Nachdem dieſer Ausflug in das öſtliche Geſtade des Tſadſees, nach dem Lande Kanem, das eine intereſſante Geſchichte hat und einſt mit großen, volkreichen und berühm⸗ ten Städten dicht beſetzt war, ſo raſch abgebrochen worden, bot ſich eine neue Gelegenheit, nach einer andern Gegend vorzudringen, nach Mandara, aber wiederum nux im Ge⸗ folge einer Razzia, die diesmal von dem Scheich in eigner höchſter Perſon vorgenommen wurde. Mit dem Scheich waren ſämmtliche Großen des Reichs, darunter auch der Polizeiminiſter Lamino, welcher Barth Veranlaſſung zu der Bemerkung giebt, daß auch in Afrika, ebenſo wie in Europa, notoriſche Spitzbuben mitunter die trefflichſten Polizeibeam⸗ ten abgeben. Lamino war früher ein gefürchteter Straßen⸗ räuber geweſen, jetzt Chef de police. Sein Hauptvergnü⸗ gen war Einkerkern und Peitſchenlaſſen; nebenbei war er ſehr ſentimental, ganz ebenſo wie viele europäiſche Polizei⸗ direktoren. Unſere Reiſenden benutzten natürlich jede Ge⸗ legenheit, um die Verderblichkeit und Culturfeindlichkeit dieſer Sklavenerbeutungszüge nachzuweiſen. Wir wollen hier Barth ſelbſt ſprechen laſſen:Beſonders machte ich den Vezier dar⸗ auf aufmerkſam, daß es, da ſie den Türken einmal nicht trauen könnten, ihr erſtes Intereſſe hätte ſein ſollen, ſich den großen, ſüdlichen Strom, welcher ihnen leicht Alles, deſſen ſie bedürfen möchten, aus Europa zuführen könnte, frei zu halten. Er ſchob die ganze Schuld auf die frühern Sultane des Landes, aber die armen Leute hatten wohl keine Idee davon, daß der dieſes Gebiet durchſchneidende Strom direkt

dem Meere zufließe, und wenn ſie es ahnten, ſo war der feindliche Gegenſatz zwiſchen Islam und Chriſtenthum zu damaliger Zeit noch ſo groß, daß ſie eben aus dem Grunde, weil jener Strom den Chriſten einen leichten Zugang in ihr Land eröffnete, jede engere Verbindung mit denſelben für ſehr gefährlich halten mußten. Jetzt iſt dieß aber ganz an⸗ ders, und es iſt gar keine Frage, daß ein energiſcher Häupt⸗ ling von Benue aus ganz Centralafrika beherrſchen könnte. Energie iſt jedoch leider gerade das, was dieſen Leuten fehlt. Hr. Dr. Overweg betonte bei dieſer Gelegenheit in einer be⸗ geiſterten Rede die Abſchaffung des Sklavenhandels, woge⸗ gen der Vezier geltend machte, daß ihm die Sklaven die Mittel an die Hand gäben, Feuerwaffen zu kaufen. Da hatte er gerade den Nagel auf den Kopf getroffen; denn eben die Begierde nach den Feuerwaffen der Europäer hat den Sklavenhandel an der ganzen Weſtküſte hervorgerufen. Aber wozu wollen dieſe Leute Gewehre haben? Nicht um ſich damit eine überwiegende Herrſchaft zu verſchaffen, ſondern beſonders eben deshalb, um wieder Sklaven einzufangen und mit einem guten Vorrath dieſer ſchmählichen Handelswaare ſich diejenigen Luxusartikel europäiſcher Civiliſation zu ver⸗ ſchaffen, mit welchen ſie bekannt geworden. Indem ich alſo

auf die Anſichten unſerer Freunde einging, erklärte ich dem

Vezier, daß ihr Land gar viele andere Erzeugniſſe habe, wo⸗ für ſie Feuerwaffen erhalten könnten, ohne alle ihre Nachbar⸗ länder wüſte zu legen und Noth und Elend über ſo viele Tauſende zu bringen. Ich erzählte auch von den letzten Unterhandlungen mit Dahomeh, wo dann unſer Freund (der Vezier) beſtimmt erklärte, daß, wenn die engliſche Re gierung ihnen tauſend Gewehre und vier Kanonen geben könne, ſie den im Handelsvertrag ſchon von Richardſon als zu gefährlich ausgelaſſenen Artikel über die Abſchaffung der Sklaverei ſofort unterſchreiben wollten. Könnten ſie ſich mit dem Benue in Verbindung ſetzen, ſo wäre dieß etwas Leichtes; durch das Gebiet der Türken oder durch die Wüſte eine ſolche Menge von Waffen zu ſchaffen, würde keineswegs ohne Schwierigkeit ſein. Und die Hauptſache iſt die Frage nach der Dauerhaftigkeit der Dynaſtie. Der Vezier ſelbſt unterlag ſchon nach zwei Jahren, und Scheich Omar, der nun wieder zur Herrſchaft gekommen, wie lang wird er ſich ohne eine feſte Stütze halten? Aber der Sklavenhandel iſt jetzt wenigſtens faktiſch, wie es ſcheint, an der Nordküſte ab⸗ geſchafft, und muß dieſer Umſtand beſonders auf das ganz in der Mitte gelegene Bornu einen ſehr großen Einfluß aus⸗ üben, beſonders wenn jetzt endlich wirklich ein regelmäßiger Verkehr auf dem Benue eingeleitet wird.

Die Razzia fiel in die kältere Jahreszeit und es iſt amuſant zu leſen, wie der Vezier wegen einer wollenen, be⸗ haglich anſchließenden Unterjacke, welche die Europäer ihm geſchenkt, von Sr. Majeſtät ſelbſt beneidet wurde, und wie

dieſe hohe Perſon nicht eher ruhte, bis auch er ein ähnliches,

Kleidungsſtück zum Geſchenk erhalten hatte. Der Zug war nicht ohne eigenthümliche Beſchwerden und Unbequeullichkei⸗ ten, namentlich durch die Löcher, welche die zahlloſen Ele⸗ phanten mit ihren Füßen in den Boden gegraben und die den Pferden ungemein beſchwerlich waren. Wahrhaft empö⸗ rend aber für Europäer war das Zuſammenfangen der Sklaven von den armen Einwohnern und das grauſame Ab⸗ ſchlachten derjenigen männlichen Bewohner, welche Wider⸗ ſtand leiſteten. Man hieb ihnen ein Bein ab und ließ ſie dann verbluten. Hunderte wurden in dieſer Weiſe mit kal⸗ tem Blut hingemordet. Ein Paar tauſend Sklaven, meiſt Kinder, waren das Erträgniß des Raubzuges. In der That kann auch, ſo wie die Dinge heute ſtehen, der Lehnsherr von

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