die 42 Beiſitzer des Gerichts die Seele zu Oſiris, wo jeder der Todtenrichter ſie nach der Sünde fragt, welche er zu be⸗ ſtrafen hat. Die Seele antwortet darauf:„Ich habe weder Trug noch Böſes verübt an meinem Nächſten, ich habe nicht gemordet, ich habe nichts Böſes gethan und nichts Böſes ge⸗ ſprochen, ich habe Niemand hungern laſſen, ich habe Niemand Thränen ausgepreßt, ich habe nicht gemordet, ich habe nicht den Befehl gegeben zu morden, ich habe nicht Betrug geübt gegen meine Mitmenſchen, ich habe nicht die Opfer ver— tauſcht in den Tempeln. Ich habe den Mumien die Todten⸗ binden nicht abgenommen, ich habe nicht Ehebruch getrieben, ich habe nicht Wucher getrieben, ich habe nicht das Maß der Elle verfälſcht, ich habe das Gewicht der Wagſchale nicht verkleinert, ich habe nicht weggenommen die Milch vom Munde des Säuglings, ich habe die Götter nicht betrogen um ihre Opfer, ich bin keinem Gott bei ſeiner Prozeſſion in den Weg getreten, rein bin ich, rein bin ich, rein bin ich!“ Alsdann wurden der Seele die 42 Kapitalſünden des eigent⸗ lich großen Sündenregiſters vorgehalten, und ſie antwortete darauf bejahend oder verneinend.
So berichten die Blätter des Todtenbuches, welche an den Wänden des Hypoſtyls aufgeſtellt ſind, wohl das be⸗ deutendſte und wichtigſte Dokument, welches wir über die Religion der alten Aegypter beſitzen. Sie enthalten eine Reihe Kapitel, durch ſchwarze Linien von einander getrennt, und mit rothen Ueberſchriften verſehen, welche ein zuſammen⸗
hängendes Ganze bilden. Die Schrift läuft von rechts nach links. Die erſten Kapitel des Buches umfaſſen eine genaue Beſchreibung des Begräbniſſes und der damit verbundenen ſymboliſchen Handlungen. Beſondere Vignetten ſtellen dieſe Handlungen bildlich dar. Dann kommt eine Reihe von Kapiteln, in denen auseinander geſetzt wird, was der Ver⸗ ſtorbene oder ſeine Seele im Grabe zu thun oder zu laſſen habe, was ihm geſchehen oder nicht geſchehen möge. Darauf werden die göttlichen Weſen und Regionen beſchrieben, und endlich erſcheint das Todtenbuch mit vielen bildlichen Dar⸗ ſtellungen, aus welchem die obige Beſchreibung des unter⸗ irdiſchen Gerichts entnommen iſt. Ein neuer Abſchnitt be— ſchreibt nun die verſchiedenen unterirdiſchen Regionen, welche die Seelen zu durchwandern haben, um immer gottähnlicher und endlich ſelbſt Götter zu werden. Die größte Glückſelig⸗ keit, deren ſie theilhaftig werden können, beſteht darin, mit der Sonne in einer Barke zu fahren.„Er(der Schatten),“ heißt es,„weilt an dem Orte des Lebenden, und nie wird er zu Grunde gehen ewiglich. Er iſt eine herrliche Gottheit, und keine Sünde befleckt ihn. Als ein guter Geiſt wohnt er im Weſten; nicht wird er zum zweitenmale ſterben. Er ißt und trinkt mit Oſiris alle Tage, und er fährt einher in der Sonnenbarke mit den Königen des Landes. Er trinkt Waſſer aus dem Brunnen des himmliſchen Oceans, wird in der Sonnenbarke ſammt den Göttern gezogen, wie Einer von ihnen, und wird Gott gleich von den Lebendigen geprieſen.“
Dr. Barth's Reiſen in Afrika.
Dritter
Mit dem ſo eben erſchienenen dritten Band liegt nun die größere Hälfte des Barth'ſchen Werkes vor dem Publikum, welches daſſelbe mit ſo ſeltenem Intereſſe aufgenommen hat. Unſrer bisherigen Sitte gemäß wollen wir auch über dieſen neuſten Band unſern Leſern einen kurzen Bericht erſtatten. Derſelbe iſt in ſofern von geringerem Intereſſe als nament⸗ lich der zweite, da die Gegenden, welche er uns vorführt oder vielmehr der europäiſchen Kenntniß aufſchließt, in Blüthe, Cultur und Geſittung hinter denen, durch welche den Rei⸗ ſenden in dem früheren Bande der Weg führt, bedeutend zu⸗ rückſtehen. Wenn uns Barth im zweiten Band in Kano einen ungeheuren, wohl verſehenen Markt, eine blühende In⸗ duſtrie, einen mächtigen, weitreichenden Handel zur Anſchau⸗ ung bringen konnte, ſo finden wir ihn im dritten Bande unter ſehr tiefſtehenden, mishandelten, ſchwerbedrückten Völker⸗ ſchaften, in Ländern, die von fortwährenden Gewaltthaten und Raubzügen verwüſtet und der ſpärlichen Culturkeime, die ſich hier entwickelt haben, immer wieder beraubt werden. Vor Allem iſt es der Sklavenhandel und die Raubzüge, welche einzig den Zweck haben, Sklaven zu erbeuten und durch deren Verkauf ſich die Befriedigung der nöthigſten Be⸗ dürfniſſe zu vermitteln, wodurch die Cultur in dieſen Gegen⸗ den darnieder gehalten, und wahrhaft grauenvolle Zuſtände herbeigeführt werden. Und doch wären dieſe Länder Central⸗ ſudans der höchſten Cultur fähig, und man begreift leicht den Eifer, mit welchem Dr. Barth immer wieder auf ſeine Ent⸗ deckung des Benueflußes und ſeinen Zuſammenhang mit dem Niger- oder Kuarafluß zurückkommt, weil nach dieſer Ent⸗ deckung es ſo leicht ſcheint, vom Meere her bis in das Herz
*) S. über die erſten zwei Bände Nr. 22 und 32 des„Feierabend.“
Band.“*)
von Centralſudan auf europäiſchen Schiffen vorzudringen, und ſchon durch die Nachfrage nach Landesprodukten(Elfen⸗ bein, Baumwolle, Datteln und viele andre Früchte) die Cul⸗ tur anzuregen und dem verderblichen Sklavenhandel und den verwüſtenden und grauſamen Raubzügen nach Sklaven ein Ende zu machen. Ein unermeßliches Gebiet erſchließt ſich hier für die Thätigkeit des Europäers.
Wir haben unſern Reiſenden in dem Augenblick verlaſſen, da er, von einer an Fährlichkeiten reichen und im Ganzen frucht⸗ loſen und unbefriedigenden Reiſe nach dem Lande Adamaua und deſſen Hauptſtadt Yola ſich genöthigt ſah, wieder nach Kukaua zurückzukehren, wo er in dem Landesherrn und deſſen Vezier wohlwollende Freunde und Gönner gefunden hatte. Hier traf er auch mit Dr. Overweg wieder zuſammen, der inzwiſchen Ausflüge nach dem nahen Tſadſee gemacht hatte, leider ohne genaue und deutliche Aufzeichnungen, ſo daß mit ſeinem bald darauf erfolgten Tode ſeine Beobachtungen größ⸗ tentheils verloren gingen. Die Lage der beiden Reiſenden in Kukaua war keine beneidenswerthe. Beide fühlten ihre Ge⸗ ſundheit durch das Klima und die ungewohnte Koſt ange⸗ griffen. Aber überdieß waren ſie faſt völlig ohne Mittel, mit Schulden beladen, außer Stand, die Gunſt der Häupt⸗ linge, die ihnen zu weiteren Erforſchungsreiſen hätten die Hand bieten können, mit den unumgänglichen Geſchenken zu erkaufen. Es waren von Haus aus bei der Ausrüſtung der Reiſenden Fehler begangen worden. Man hatte ſie nicht ge⸗ hörig verſorgt und die Waaren, die ſie bei ſich hatten, waren nicht gut für die Länder berechnet, in denen ſie dieſelben los⸗ ſchlagen mußten. Glücklicherweiſe war der Vezier von Bornu ein wohlwollender Gönner, der den Europäern ganz beträcht⸗
liche Summen vorſtreckte.


