ten Kreiſen, als ſeine ſonſtigen Ecken und Schroffheiten. Nament⸗ lich, daß er im Ganzen und Großen doch immer die Anſicht hegt und dazu hilft, daß auch in der hohen Politik eine gewiſſe ge⸗ ſchäftliche Ehrlichkeit nicht ganz abhanden komme, vergiebt man ihm niemals ganz. Selbſt wenn man zum Freundſchaftsbund in Zeiten der Bedrängniß recht empreſſirt in ſeine breite Hand eingeſchlagen hat, liebt man es, mit etwelcher Schadenfreunde zu lächeln, wenn Altengland ſelber einigermaßen in Verlegen⸗ heiten kommt. Dies Jahr hat es ihm wahrlich nicht daran fehlen laſſen, und wir Andern, deren Stimme freilich bloß den Unter⸗ thanenverſtand vertritt, hatten Gelegenheit genug, es darin zu be⸗ wundern. Eines auf einmal, aber dies auch ganz— indieſem kur⸗ zen Spruche liegt ſeine Weisheit. Um China ein für allemal ge⸗ hörig zu züchtigen, wurde der ruſſiſch angezettelte Krieg mit Perſien zurückgeſtellt. Unterdeſſen wurde zu Haus das immer⸗ hin unbequeme Wagſtück der Parlamentsauflöſung nöthig, während zugleich die faulen Ueberreſte des Pariſer Friedens an der Donau zu bereinigen blieben. Mit dem Eintritte des neuen Parlaments ſchallt aus Indien die furchtbare Aufruhrs⸗ botſchaft und greift mit ihren Gefahren an das Lebensmark des Mutterlandes. Perſien hat unterdeſſen Frieden geboten, in China wird der Kriegsſchauplatz blockirt, um die active Macht nach Indien zu dirigiren; zuſammengerafft wird, was aufzu⸗ treiben iſt an ſtreitbaren Männern und Kriegsmitteln, um den bedroheten welttheilgroßen Beſitz wieder zu erobern, den Milizen wird die interimiſtiſche Bewachung der heimiſchen Königreiche an⸗ vertraut, alle Kräfte, Gedanken, Maßnahmen concentriren ſich auf den einen Punkt— und aus den europäiſchen Fragen ſcheint England verſchwunden. An der Donau treiben ſie unterdeſſen toll nach dem Ziele, welches Rußland und Frankreich aufgeſteckt haben; in Kopenhagen tritt die angeborene Unverſchämtheit gegen Deutſchland herausfordernder als jemals auf— in Zuverſicht auf Frankreich und Rußland; in Konſtantinopel ſcheinen Frank⸗ reich und Rußland alleinherrſchend; in Italien wühlt die mura⸗
tiſtiſche Propaganda nach Frankreich blickend, in den ſlaviſchen
Ländern der Türkei, längs der öſterreichiſchen Südoſtgrenzen gährt es in ſtiller Zuverſicht auf Rußland, ſelbſt die ioniſchen In⸗ ſeln machen in helleniſcher Begeiſterung. England aber ſcheint blind, taub, gelähmt an allen Gliedern gegen all dieſe drohenden Erſcheinungen. Es kennt nur die Sorge um Indien.
Da plötzlich fällt Delhi— und überall erſchrecken die kleinen Geiſter. Wie zu ihrem Troſte bricht die amerikaniſche Finanz⸗ kriſis zu allem Unheil herein. Das, denkt man, vernichte Alt⸗ englands beſte Lebenskraft. Anderwärts hätte man ja den ge⸗ wagten Schritt der Suspenſion der Banknote nie und nimmer gewagt. Aber England thut ihn und ſein Premier verkündet's zugleich, wenn auch faſt beiläufig, beim Mittagseſſen, keinem diplomatiſchen Congreß, ſondern den ehrſamen Gemeinderäthen der City, daß Jene ſich gewaltig irren, die da glauben, Englands Kraft ſei geſchwunden.... Und von all den ſchönen Planen, mit denen die Namen Frankreich und Rußland vorher ſo laut verflochten wurden, iſt plötzlich blos noch kleinlaut die Rede. Oeſterreichs Iſolirung— wer hat ſie gewollt? Dänemarks Un⸗ recht— wer hat es moraliſch unterſtützt? die Union der Donau⸗ länder— wer möchte darüber ſchon entſchieden haben? Ein ruſſiſch⸗franzöſiſches Miniſterium in Konſtantinopel— wer
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wollte jetzt etwas einwenden gegen den Wiedereintritt Reſchid Paſcha's? Omer Paſcha's Entfernung nach dem fernſten Klein⸗ aſien— wer ſollte nicht wünſchen, daß der Feldmarſchall vor ſeiner Abreiſe der Souverainetät des Sultans wieder die vollſte Geltung in den Südſlavenländern verſchaffe?
Man könnte die Reihe der Dinge, die plötllich nicht beab⸗ ſichtigt geweſen ſein ſollen, noch ziemlich lang fortſetzen. Am übelſten befindet ſich jedoch offenbar Dänemark bei der plötzlichen Rückkehr Englands auf die europäiſche Arena. Selbſt die Ueber⸗ tragung der Streitfrage mit Deutſchland an den Bundestag hatte man, von Frankreich ſecundirt, ſehr gleichmüthig hinge⸗ nommen. Aber der Bericht des engl. Conſuls in Leipzig, welcher die furchtbaren Rechtsverletzungen gegen die deutſchen Herzog⸗ thümer anerkennt, erregt ſolche Beſtürzung, daß man aus Jägerpriis, welches bekanntlich der Lehnsgräfin Danner geb. Rasmuſſen gehört, nach Hrn. v. Scheele zu Pinneberg ſchickt, damit er Beſchwichtigungsmittel erfindet. Mit dem Bundestag wäre viel behaglicher umgehen, als mit Lord Palmerſton. Denn jener weicht nicht, auch nicht im dringendſten Nothfall, vom „formellen“ Geſchäftsgange. Eine Commiſion tagt zwar wegen Holſtein, und darin iſt Baiern vertreten. Aber Baiern iſt gut⸗ geſinnt. Im Juli verbot es die Geldſammlungen für die ver⸗
triebenen Schleswig⸗Holſteiner, worin ihm Kurheſſen nachfolgte,
welches ebenfalls in jenem Ausſchuſſe vertreten iſt. Im Novem⸗ ber melden nun die Zeitungen, daß Hr. v. d. Pfordten„bei den deutſchen Regierungen und in Frankfurt dahin arbeite, daß der Bundestag keine weiteren Schritte thue, ehe Dänemark ſich nicht darüber erklärt habe, wie es die Verſprechungen der däniſchen Bekanntmachung vom 28. Jan. 1852 zu realiſirengeſonnen ſei.“ Und daß der Bundestag in Betreff Holſteins nicht viel anders zu beſchließen gedenkt, dafür ſpricht der jetzige Beſchluß:
Dänemark zu einer Rückäußerung über die von Lauenburg an⸗
gebrachten Beſchwerden zu veranlaſſen. Es fängt alſo der Prozeß genau auf dem Punkte wieder an, wie die deutſchen Großmächte vor drei Jahren. Denn ſo will es die„geſchäftsmäßige“ Regel. Doch wer weiß— wir Deutſchen haben ja das Recht des unbe⸗ grenzten Hoffens— vielleicht erklärt auch der Bund ſo etwas Aehnliches wie Lord Palmerſton beim Lordmayor⸗Bankett. Und wer weiß— vielleicht hat es auch dieſelbe Wirkung. Alſo friſch darauf los gehofft!*
Im Augenblick iſt auch der Bund von der Mainzer Pulver⸗ exploſion zu ſehr in Anſpruch genommen. Zweihundert Cent⸗ ner— man hätte damit die Hälfte der zu erwartenden Expe⸗ dition gegen Dänemark ausführen können. Was aber das grenzenloſe Unglück der Stadt Mainz anbelangt, ſo ſcheint es wirklich, daß dieſelbe von Seiten des Großherzogthums Heſſen vollſtändig als Bundesfeſtung angeſehen werde. Daß dieß der Fall, erhellt daraus, daß der Großherzog ſeinen erſten Beſuch erſt an demſelben Tage machte, als der Kaiſer von Oeſtreich ſich an die Spitze einer in ganz Oeſtreich angeordneten Sammlung mit Unterzeichnung von 20,000 Gulden ſtellte, einen Tag nach⸗ dem die Nachbarſtadt Frankfurt bereits über 5000 Gulden ge⸗ ſandt hatte, nur einen Tag früher als der Prinz Regent von Preußen 1000 Gulden ſendete und die Behörden zur Unter⸗ ſtützung der Sammlungen auffordern ließ.


