Jahrgang 
1857
Seite
665
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Dieallgemeine Zeitung von Augsburg hat kürzlich von einem Angriff eines katholiſchen Blattes Veranlaſſung genommen, ſich über ihre Politik in der orientaliſchen Frage auszuſprechen, die allerdings für alle diejenigen Politiker räthſelhaſt ſein mußte, welche nicht wiſſen, daß die allgemeine Zeitung das Organ der politiſchen Charakterloſigkeit iſt, die ſie durch eine allzeit fertige Sophiſtik nur dem Einſichtsloſen gegenüber bemänteln kann. Die allgemeine Zeitung hätte wohl gethan, wenn ſie denhiſtoriſch⸗ politiſchen Blättern gegenüber geſchwiegen hätte. Indem ſie dieſen Angriff abzuwehren ſucht, gibt ſie uns ſo wunderbare Dinge zu hören, daß uns um ihren Verſtand oder wenigſtens den ihres Hauptpolitikers Hermann Orges, leines früheren preußiſchen Officieres) ernſtlich bange wird. Herr Hermann Orges ſagt es gerade heraus, die Türkenherrſchaft in Europa

müſſe und zwar gewaltſam beſeitigt werden, und Rußland ſei

berechtigt, dieſen gewaltſamen Sturz herbeizuführen. Damit

hat ſich die allgemeine Zeitung von jeder andern Politik, als der⸗

ruſſiſchen, insbeſondere von der Politik Englands, ebenſo wie Oeſterreichs, ja ſelbſt Frankreichs ſo ſcharf getrennt, daß hinfort Alles, was die allgemeine Zeitung über die orientaliſche Frage mittheilen mag, als völlig in die Luft geſtellt und gänzlich werth⸗ los erſcheinen muß. Denn das hat doch keinen Werth, was Herr Hermann Orges äls Privatmann ſich für politiſche Schrullen ausgeklügelt hat, ſondern nur diejenigen Anſichten, welche an beſtehende Verhältniſſe ſich anlehnen. Wenn nun Oeſterreich, England und ſelbſt Frankreich ob bloß Napoleon perſönliche oder Frankreich als Staat iſt vorerſt gleichgültig in dem Satz der Erhaltung der Pforte einig ſind, ſo kann eine Privatanſicht des Herrn Orges, die dieſem Satz gegenüberſteht, nur inſofern von Bedeutung ſein, als ſie Rußland günſtig iſt, was aber nach Herrn Orges Verſicherung nicht der Fall ſein ſoll. Herr Orges nämlich behauptet, Rußland habe zwar das Recht und die Ver⸗ pflichtung, den Sturz der Türkenherrſchaft herbeizuführen, Oeſterreich aber habe die Macht zu verhindern, daß Rußland nach dem Sturz ſeiner Herrſchaft nicht der befreiten Länder ſich bemächtige oder die neuen Staatsgebilde lediglich nach ſeinem Intereſſe formire; dies zu verhindern, darauf beſchränke ſich auch das Intereſſe Oeſterreichs. Das ſoll nun eine geſchickte Wendung ſein, um ſich den Ruhm und Vortheil eines Vertreters des wahren und wohlverſtandenen Intereſſes von Oeſterreich zu ſichern, und es iſt doch bloß eine recht herzlich abgeſchmackte Sophiſterei. Wenn Oeſterreich erſt warten wollte, bis die Ruſſen das Türkenregiment geſtürzt, dann wäre es zu ſpät, um zu ver⸗ hindern, daß die Ruſſen nicht auch die Vortheile daraus zögen. Oeſterreich muß eben dafür ſorgen, daß Rußland die Türken⸗ herrſchaft gar nicht zum Fall bringe, es muß alſo wie es ge⸗ than hat die Integrität, die Erhaltung der Türkei zu ſeiner erſten politiſchen Maxime machen. Dieſe Maxime Oeſterreichs, die ſchwerlich den Hallucinationen des Augsburger Publiciſten weichen wird, wird von England vollſtändig getheilt, und wir ſind des beſcheidenen Dafürhaltens, daß dieſe zwei Mächte wohl im Stande ſein werden, die Pforte, auch wenn ſie noch ſo hinfällig wäre, zu halten nicht bloß gegen die Plane Ruß⸗ lands, ſondern auch gegen den chriſtlichen Fanatismus des Herrn Orges. Daß die Herrſchaft des Koran jeden Fortſchritt der Civiliſation in der europäiſchen Türkei unmöglich mache, iſt Wiſchi⸗waſchi. Im Gegentheil der Einfluß Englands und Oeſt reichs in Conſtantinopel, der eben nur durch den Fortbeſtand der Türkenherrſchaft bedingt iſt, ſichert ganz allein das Ein⸗ dringen weſtlicher Kultur in das türkiſche Reich. So viel wir

wiſſen, war Herr Orges früher ein Galopin des öſtreich'ſchen Finanzminiſters von Bruck; die jüngſte Rede des letzteren hätte Herrn Orges wohl überzeugen können, daß es heute, ganz ab⸗ geſehen von andern Bedenken nicht mehr am Platze iſt gegen England und ſeineegoiſtiſche Politik loszuziehen, wenn man nicht Rußlands Intereſſen dienen, und diejenigen Deutſchlands und Oeſtreichs verrathen will.

Die Zeitungen melden, daß über den umfaſſenden, aber ſchwer verſchuldeten Nachlaß des bekannten Induſtriellen und Buchhändlers Meyer in Hildburghauſen ein Arrangement der Gläubiger nahe bevorſtehe und daß alsdann die Ausbeutung der vorhandenen Eiſen⸗ und Kohlenwerke, wozu das Betriebscapital bisher gefehlt, neu werde in die Hand genommen werden. Meyer war unzweifelhaft ein ſehr unternehmender Mann von großer Arbeitskraft und Thätigkeit, der in ſeinen manchfachen Geſchäf⸗ ten eine große Anzahl von Menſchen unterhielt und es iſt voll⸗ kommen begreiflich, daß er, eben als Vorſtand dieſer vielfältigen Induſtrien, für ſeine Umgegend einen hohen Werth beſaß. Aber nicht Jeder, der ein Paar Tauſend Arbeitern Brod gibt, iſt da⸗ rum als eingroßer Mann, ja als ein Heros der Menſchheit zu preiſen, dazu gehört vorläufig noch etwas mehr. Es iſt daher un⸗ begreiflich, wie ein ſo vielgeleſenes und ſo gut redigirtes Blatt, wie dieGartenlaube, durch eine in den bombaſtiſchſten Ueber⸗ ſchwenglichkeiten gehaltene Apotheoſe dieſes Herrn Meyer ſich in den Augen aller urtheilsfähigen Leſer hat lächerlich machen mögen. Wir wollen nicht alle die übertriebenen Epitheta aufzählen, welche dieGartenlaube auf den Mann zuſammengehäuft hat; eine kleine Auswahl wird genügen. Meyer iſt: einPionnier des Geiſtes, eines deraußerordentlichſten Individuen der Mit⸗ welt, derkleinen Anzahl der größten und thatkräftigſten, durch Fülle und Schwung des Geiſtes, Tiefe des Gemüths, Schärfe und Erhabenheit der Conception und ungemeine Willenskraft ausgezeichnetſten Menſchen aller Zeiten angehörig, eineTi⸗ tanennatur,ein aus der metaphyſiſchen Speculation in die praktiſche Philoſophie überſetzter Fauſt, einInduſtrieller, deſſen großartige Unternehmungen in Deutſchland nicht, in England weniger ihres Gleichen haben,tiefforſchender Gelehrter, Gründer von Etabliſſements,die, wenn man ihn hätte ruhig gewähren laſſen, Deutſchland raſch zu einer nie geahnten Blüthe des Wohlſtandes geführt hätten,einer der bedeutendſten, mar⸗ kigſten Schriftſteller, einevon ſittlicher Würde geſchmückte Perſon, bei deren Anblick man rufen mußte:Sehet welch' ein Menſch!in der Schaar echter und wahrer Menſchen, die mit dem Zimmermanns⸗ und Bergmannsſohn die Gemeinſchaft des Geiſtes haben, wir denken unſre Leſer werden an dieſer unvollſtändigen Collection aus den erſten 1 ½ Spalten des durch drei Nummern fortlaufenden Lobhudelartikels genug haben. Es iſt uns peinlich dieſen Gegenſtand zu berühren, aber darf denn eine gewiſſenhafte Preſſe ſchweigen, wenn man in einem vielge⸗ leſenen Blatte ſo muthwillig und blasphemiſch alle Begriffe zu verwirren verſucht? Wenn man einen Crispinus an die Seite Chriſti ſetzt? wenn man einen projektenreichen Speculanten zu einem Ideal der Menſchheit aufzuputzen unternimmt? Alle ehr⸗ lichen Verlagsbuchhändler in Deutſchland wiſſen, daß Herr Meyer nicht viel beſſeres als ein gewöhnlicher Nachdrucker, ein Plagiarius, allerdings in rieſenhaftem Maßſtab, war, daß ſeine unzähligen buchhändleriſchen Unternehmungen entweder grade⸗ zu Nachdrucke deutſcher Dichter und Schriftſteller, oder aus den

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