Jahrgang 
1857
Seite
662
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Baſſins, Fäſſer oder ſonſtigen Reſervoire mit einer hin⸗ reichenden Menge von verdichteten Verkohlungsprodukten ge⸗ füllt worden ſind, wird zuerſt die darin befindliche untere wäſſerige Flüſſigkeit als unbrauchbar abgelaſſen und der Theer ſelbſt auf große keſſelartige Gefäße gebracht, wo man ihn gut bedeckt längere Zeit gelinde erwärmt und dann lang⸗ ſam der Abkühlung überläßt. Man bezweckt durch dieſe Be⸗ handlung die möglichſt ausführbare Abſonderung des im Theer mechaniſch eingeſchloſſenen Waſſers, indem ein größerer Gehalt des Theeres beim ſpäteren Erhitzen deſſelben in den Deſtillirgeräthſchaften ein zu ſtarkes Aufſchäumen und des⸗ halb ein Ueberſteigen des Gemiſches verurſachen würde.

Der ſo behandelte Theer wird nun von dem Waſſer ab⸗ genommen oder dieſes abgelaſſen und jener auf große eiſerne Deſtillirgeräthſchaften mit gleichem Helm und gutem Kühl⸗ apparat gebracht, wo man ihn einer langſam geſteigerten Hitze unterwirft. Anfänglich verwandeln ſich hierbei das noch zurückgehaltene Waſſer und die flüchtigſten Beſtandtheile des Theers in Dämpfe, welche ſich im Kühlapparat wieder verdichten und als geſonderte Flüſſigkeiten ablaufen. Bald verſchwindet das Abtröpfeln des Waſſers, und es deſtillirt nur ein dünnflüſſiges citronengelbes Oel über, welches ſo lange für ſich aufgeſammelt wird, bis es am Aräometer einen gewiſſen Grad von Dichtigkeit zeigt und mehr pomeranzen⸗ farben und dickflüſſiger wird. Es wird als rohes Theeröl weiter verarbeitet. Die Deſtillation iſt aber hiermit noch nicht beendigt, vielmehr wird dieſelbe bei geſteigerter Tempe⸗ ratur ſo lange fortgeſetzt, als noch ein dunkelpomeranzen⸗ gelbes, ſehr dickflüſſiges und bei niedriger Temperatur faſt feſtes Oel übergeht, das wir rohes Theerfett benennen wollen und auf Paraffin bearbeitet wird. Der Rückſtand in der Deſtillirblaſe iſt, wenn die Deſtillation nicht zu weit getrieben wurde, flüſſig und beim Erkalten ganz vom Anſehen des Asphalts, ſtatt deſſen er auch verwendet werden kann; war hingegen die Deſtillation zu weit getrieben, ſo ſtellt er eine glänzend ſchwarze, blaſige, kohlige Maſſe dar.

Das rohe Theeröl iſt ein Gemenge mehrerer flüſſiger Körper und enthält wohl auch etwas Paraffin. Die flüſſigen Körper ſind entweder reine oder ſauerſtoffhaltige Kohlen⸗ waſſerſtoffe. Da nun zur Erzielung einer intenſiv weiß⸗ glänzenden Flamme eine gewiſſe Quantität Kohlenſtoff im Leuchtmaterial ſelbſt, dagegen aber die möglichſt ſtarke Zu⸗ führung des Sauerſtoffes von außen her(aus der atmo⸗ ſphäriſchen Luft) erforderlich iſt, ſo geht hieraus hervor, daß nur die reinen Kohlenwaſſerſtoffe die größte Leuchtkraft be⸗ ſitzen, dagegen dieſe um ſo ſchwächer iſt, je mehr Sauerſtoff in dem Leuchtmaterial ſelbſt enthalten iſt. Es iſt deshalb nothwendig, aus dem Theeröl die ſauerſtoffhaltigen Kohlen⸗ waſſerſtoffe zu entfernen, wenn die Flamme deſſelben die in⸗ tenſivſte Lichtentwickelung äußern ſoll. Dieſes kann nun zwar auf rein mechaniſchem Wege geſchehen, indem man das Theeröl einer neuen Deſtillation unterwirft und das Ueber⸗ gehende nach dem Grad ſeines Siedepunktes und ſeiner Dichtigkeit in geſonderten Portionen aufſammelt, dieſe aber ſelbſt wiederum mit gleicher Berückſichtigung des Siede⸗ punktes und der Dichtigkeit der fractionirten Rectification unterwirft und dann diejenigen Antheile der verſchiedenen Deſtillationen, die in Beziehung auf Siedepunkt und Dichtig⸗ keit am nächſten ſtehen und gerade den niedrigſten Siede⸗ punkt und die geringſte Dichtigkeit zeigen, für ſich nochmals rectificirt; aber dieſes Verfahren der Scheidung iſt ſo um⸗ ſtändlich und mit ſo viel Verluſt verbunden, daß es ganz unpraktiſch iſt. Die ſauerſtoffhaltigen Kohlenwaſſerſtoffe,

wohin auch diejenigen noch unbekannten Beſtandtheile des

Theeröles gehören, welche die Dunkelfärbung deſſelben an der Luft veranlaſſen, ſind aber in den ätzenden Laugen löslich, dagegen die reinen Kohlenwaſſerſtoffe darin unlöslich. Die⸗ ſes Verhalten benutzt man nun auch bei der fabrikmäßigen Reinigung des Theeröles, indem man dieſes mit einer ge wiſſen Quantität ätzender Natronlauge vermiſcht und bei einer mäßigen Temperaturerhöhung unter fortwährender Bewegung damit einige Zeit in Berührung erhält, worauf man das Gemiſche der Ruhe und Abkühlung überläßt. Durch dieſe Behandlung werden namentlich zwei ſauerſtoff⸗ haltige Verkohlungsprodukte, das Picaman und Kreoſot, dem Theeröl entzogen und ſcheiden ſich mit der wäſſerigen Lauge am Boden ab, welche dann vorſichtig abgelaſſen(und in einigen Fabriken auf Kreoſot, das jetzt vielfach in Anwen⸗ iſt, verarbeitet) wird.

Das ſo chemiſch behandelte Theeröl iſt in der Regel ſehr braun gefärbt und beſteht aus mehreren flüſſigen Kohlen⸗ waſſerſtoffen, von verſchiedenem Siedepunkt und verſchiedener Dichtigkeit nebſt dem urſprünglichen Paraffin und den ge⸗ löſten färbenden Stoffen, die zum Theil als Erzeugniſſe in Folge der Einwirkung der ätzenden Lauge und des atmo⸗ ſphäriſchen Sauerſtoffes zu betrachten ſind. Dieſes Oel wird

nun einige Male mit warmem Waſſer geſchüttelt und zuletzt

nach der vollſtändigen Abſonderung deſſelben in einer Deſtil⸗ lirgeräthſchaft mit Kühlvorrichtung einer vorſichtigen Er⸗ hitzung unterworfen. Anfangs geht hierbei ein ganz farb⸗ loſes, bald aber ein hell citronengelbes Oel über, welches ſo lange für ſich aufgeſammelt wird, bis das Uebergehende einen höheren Grad von Dichtigkeit zeigt. Das bis dahin ab⸗ deſtillirte Oel ſtellt in ſeiner Geſammtheit das leichte Mine⸗ ralöl dar. Was ſpäterhin und bei mehr geſteigerter Hitze überdeſtillirt, wird ebenfalls nur bis zu einem gewiſſen höheren Grad der Dichtigkeit aufgeſammelt und als ſog. ſchweres Mineralöl in den Handel gebracht. Was nun bei noch mehr ge⸗ ſteigerter Temperatur aus der Deſtillirgeräthſchaft abläuft, wird ſo lange, als es noch dünnflüſſig iſt, bei einer ſpäteren Reinigung von rohem Theeröl mit in Arbeit genommen, dagegen aber das zuletzt folgende dickflüſſige Oel gemein⸗ ſchaftlich mit dem Theerfett verarbeitet.

Das aus dem Theer gewonnene Theerfett iſt bei ge⸗ wöhnlicher Temperatur dickflüſſig, bei etwas niedriger Tem⸗ peratur butterartig und bei ſtarker Kälte ſogar feſt wie Talg. Es beſteht der Hauptſache nach aus einem fettartigen Oel und aus Paraffin nebſt färbender Materie. Es wird in großen Fäſſern oder Baſſins, die an einem kühlen Orte, im Keller, befindlich ſind, mehrere Monate hindurch ſtehen ge⸗ laſſen, wo inzwiſchen ſich das Paraffin nach und nach in feſten körnigen Maſſen abſondert. Iſt keine Abſcheidung deſſelben mehr wahrnehmbar, ſo wird die gewonnene Maſſe entweder ſogleich auf Preßtücher gegeben und hier dem Ab⸗ laufen überlaſſen oder zuerſt in einen Cylinder, welcher aus einem feinen Drathgewebe beſteht und um ſeine Axe drehbar i*ſt, gebracht und hier in raſche drehende Bewegung geſetzt, wodurch das flüſſige Fett herausgeſchleudert, das Paraffin aber zurückgehalten wird, und nun ebenfalls auf die Preß⸗ tücher kommt. Iſt nun auf die eine oder andere Weiſe das flüſſige Fett möglichſt entfernt worden, ſo ſchlägt man die Enden der Preßtücher über dem Paraffin zuſammen und bringt eine Anzahl ſolcher Tücher unter die Brama'ſche Preſſe, wo ſie einem ſehr langſam geſteigerten Druck ſo lange ausgeſetzt werden, bis durchaus nichts mehr abläuft. Das ablaufende flüſſige Fett wird als Schmiere oder gewöhn⸗ liches Brennöl benutzt.

Das ausgepreßte Paraffin enthält nun noch die färbende