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unſerm Bedürfniß anzupaſſen, uns dienſtbar zu machen. Dieſe Aufgabe iſt zuweilen ſehr verwickelt, zuweilen ſehr ein⸗ fach, und dies bringt einen Unterſchied des Werths hervor, der Höhe nicht dem Grunde nach. Die Dienſtleiſtung iſt mehr oder weniger mit Mühe und Koſten verbunden, die Sache ſchwerer oder leichter zu erhalten oder herzuſtellen, und deshalb mehr oder weniger werth. Tritt ein Werk⸗ zeug(z. B. eine Maſchine) bei Verrichtung eines Dienſtes, Herſtellung eines Produktes dazwiſchen, deſſen Weſen und Beſtimmung ſtets darin beſteht, die Mitwirkung von Natur⸗ kräften bei der Arbeit hereinzuziehen, alſo die Mühe der Produktion zu erleichtern, d. h. einen Theil menſchlicher An⸗
ſtrengung überflüſſig zu machen, ſo erhält die Geſammt⸗ leiſtung, das ſchließliche Produkt ſofort weniger Werth, wo⸗ von unter andern der ſeit Erfindung der Buchdruckerkunſt faſt auf den hundertſten Theil gegen früher gefallene Werth der Bücher ein ſchlagendes Beiſpiel lieferr. Werkzeuge, Maſchinen, das vergeſſe man nie, erzeugen daher niemals Werth, ſondern Nutzbarkeit, und zwar unentgeltliche, wie jede Mitwirkung von Naturkräften, indem ſie auf Ver⸗ ringerung der menſchlichen Anſtrengung bei einem Produkt, alſo des Werthes deſſelben abzielen. Jeder ſolcher Fort⸗ ſchritt in der Induſtrie fördert die leichtere, müheloſere, alſo billigere Verſorgung des konſumirenden Publikums.
Aufruf
zur Pildung von volkswirthſchaftlichen Vereinen.
Eine große Anzahl deutſcher Mitglieder des inter⸗ nationalen Wohlthätigkeits⸗Kongreſſes hat es für ihre Pflicht gehalten, über den internationalen Beſtrebungen
die Intereſſen ihres eigenen Vaterlandes nicht zu vergeſſen. Sie konnten ſich nicht verhehlen, daß der Zweck des Kon⸗ greſſes, die Entfernung und Linderung der Armuth, am wirkſamſten durch Beſeitigung der Urſachen derſelben zu er⸗ reichen ſei. Die mächtigſte dieſer Urſachen iſt die Unkennt⸗ niß der Geſetze der Volkswirthſchaft. Es wurde daher in einer beſonders abgehaltenen Verſammlung die Bildung von volkswirthſchaftlichen Vereinen in größern und klei nern Städten Deutſchlands ſelbſtſtändig, oder im Anſchluß an die bereits beſtehenden gewerblichen und landwirth⸗ ſchaftlichen Vereine vorgeſchlagen, welche bemüht ſein ſollen, zur Verbreitung richtiger volkswirthſchaftlicher Be⸗ griffe, und zur Anregung beſſerer wirthſchaftlicher Einrich⸗ tungen beizutragen.
Damit erklärten ſich die Anweſenden, namentlich die unten verzeichneten Mitglieder einverſtanden.
Es trat hierauf ein nach Bedürfniß zu verſtärkender Redaktionsausſchuß zuſammen, welcher bis zu der definitiven Organiſation der Sache durch einen künftigen Kongreß es ſich zur Aufgabe machen wird, ein Zuſammenwirken der in jener Richtung thätigen Kräfte anzubahnen. Dieſer Ausſchuß beſteht vorläufig aus den Herrn Dr. Pickford in Heidelberg, Max Wirth, Herausgeber des„Arbeitgeber“ in Frankfurt, und Dr. V. Böhmert, Redakteur des„Bremer Handels⸗ blattes“ in Bremen.
Zum proviſoriſchen Vorort wurde Bremen gewählt und
zum Geſchäftsführer des Redaktionsausſchuß bis auf Weiteres Dr. Böhmert ernannt. Anfragen, Vorſchläge, Anmeldungen gebildeter Vereine u. ſ. w. ſind an den Geſchäftsführer einzuſenden. Frankfurt a. M., den 16. Septbr. 1857. Geheimrath Mittermaier aus Heidelberg. Präſident Dr. Lette aus Berlin. Geheimrath Profeſſor Schubert aus Königsberg. Hofrath Welcker aus Heidelberg. Staatsrath Friedlaender aus Heidelberg. Direktor Hoyer aus Vechta in Oldenburg. H. Schulze von Delitzſch. Profeſſor Dr. Makowizka aus Erlangen. Geheimrath R. Rau aus Heidelberg. Dr. Aſher aus Hamburg. Direktor A. Varrentrapp aus Frankfurt.
Regierungspräſident Francke aus Coburg. Conſul Adolph Reinach aus Frankfurt. H. S. Hentz aus Hamburg.
Max Wirth aus Frankfurt.
Dr. Pickford aus Heidelberg.
Dr. C. Dietzel aus Heidelberg.
Dr. Böhmert aus Bremen.
Dr. K. Birnbaum aus Gießen. Profeſſor Stubenrauch aus Wien.
Dr. Profeſſor Ahrens aus Gratz.
Dr. S. Neumann von Berlin.
Wir können uns nicht verſagen, den vorſtehenden Auf⸗ ruf, deſſen Verbreitung gerade unſer Blatt ſich zur beſondern Pflicht macht, und für den ſchon die Namen der mitunter⸗ zeichneten wiſſenſchaftlichen, insbeſondere volkswirthſchaft⸗ lichen Autoritäten ſprechen, mit einigen erläuternden Be⸗ merkungen verſehen, der Beachtung des Publikums zu empfehlen.
Bei dem unverkennbaren Streben unſeres Volkes, be⸗ ſonders unſerer Arbeiter und Gewerbtreibenden, nach einer beſſern wiſſenſchaftlichen Vorbildung zu ihrem Berufe, wel⸗ ches beſonders die Naturwiſſenſchaften in ſeinen Kreis gezogen und einen beſondern Literaturzweig durch deren populäre Behandlung hervorgerufen hat, iſt allein die Volks⸗ wirthſchaftslehre bisher vernachläſſigt geblieben, obſchon gerade ſie in die größte und brennendſte Frage der Zeit, die ſociale, unmittelbar eingreift, und uns allein die Noth in ihren Quellen aufſuchen lehrt. Dieſem Uebelſtande wollen jene Vereine abhelfen und geſunde Begriffe und richtige Vor⸗
ſtellungen auf dieſem ſo unendlich wichtigen, die Subſiſtenz,
den Erwerb, allen menſchlichen Verkehr unmittelbar be⸗ rührenden Gebiete im Volke durch Wort und Schrift überall hin verbreiten helfen, da Unkenntniß und verkehrte Vor⸗ ſtellungen hier ſchon unſägliches Elend über Einzelne ſowie ganze Staaten heraufgeführt haben.
Aber nicht blos die Ausbreitung volkswirthſchaftlicher Kenntniſſe will man fördern, auch zu praktiſchen Organi⸗ ſationen auf dieſem Felde anregen. Wenn irgendwo, iſt es gerade in dieſem Fache unerläßlich, daß Theorie und Praxis Hand in Hand gehe, wenn wirklich Etwas Erſprießliches geleiſtet werden ſoll. Zunächſt war es ein Vortrag des Unterzeichneten, den derſelbe während des Kongreſſes in Frankfurt über die von ihm angeregten Aſſociationen hielt, welcher den Anlaß zum vorſtehenden Aufrufe gab, und die Förderung des auf vernünftiger Selbſthülfe der


