Jahrgang 
1857
Seite
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dortigen Markte ſo unerbittlichSeltzer Waſſer verſchlang, wie weiland der Rhein die benachbarte Abtei ſammt dem Grabe der ottoniſchen Adelheid tragiſche, von den Flücht⸗ lingen, die, den Raſtadter Kaſematten mit Lebensgefahr ent⸗ flohen, mehr oder minder ſkeletartig hier landeten. Aber der weite Weg durch die einförmige Ebene, den wir zu Fuße oder im Miethwagen zurücklegen müßten, würde doch nicht im Ver⸗ hältniß zu ſolchem Ertrage ſtehen, und wir thun beſſer, zwiſchen Weißenburg und der Altſtadt durch geradeswegs auf den Bahnhof zuzuſteuern, um von da in kaum anderthalb Stunden nach Hagenau zu gelangen.

Jenſeit Sulz geht die Bahn durch den Hagenauer, vor Zeiten wegen der vielen Klöſter drinheiligen Forſt, der mehr als ſechs Stunden größte Länge auf eine mittlere Breite von zwei Stunden haben mag. Gleich ernſten Helden ſtehen die dunklen Eichen, wie geſchniegelte, luſtheuchelnde Höflinge die mageren Föhren da, ſintemal die Stämme, nach oben zu von immer lichterem Roth, ewigen Morgenſonnen ſchein lügen. Dazwiſchen ziehen einzelne Birken, ſchlanke Mädchen in weißen Kleidern, die Schultern ein, wogegen die zerſtreuten Buchen, wie behäbige Frau'n, ſich voll und rund⸗ lich ausdehnen. Und das Alles dreht ſich, aus dem Wagen geſehn, in ſo ſchwindelnd raſchem Wirbeltanze, wie die große Welt Dem, der ruhig außerhalb ſteht. Willkommene Ruhe⸗ punkte bieten dem Auge darum die geräumigen Lichtungen, auf deren weichen Raſen ſich ſtille Dörfchen gelagert haben, während auf dem ſteilen Boden des Waldes ſelbſt nur hier und da ein Wärter-, ein Förſterhäuschen in triſter Einſam⸗ keit liegt. Ueberhaupt iſt der Forſt nicht ſchön, i*ſt zerrupft und ſteif und borſtig, und man freut ſich, wenn der Zug her⸗ ausſauſt, um in Hagenau zu halten.

Eitle Freude! Die von Hopfenpflanzungen umſtarrte, von der Mother durchſchlichene Stadt, einſt die Reſidenz der kaiſerlichen Landvögte im untern, wie Enſisheim im obern Elſaß iſt eine ummauerte Einöde, grau und grauſig und todtenſtill. Laſſen Sie ſich durch das hochſtirnigeSchloß nicht täuſchen: es iſt ein Zuchthaus für Weiber, und was ſonſt noch großartig dreinſieht, dient mit Ausnahme der be⸗ deutenden, etwas gothiſirten, romaniſchen Hauptkirche, des unſinnig prächtigen Theaters ohne Schauſpieler und des federleichten Bahnhofsgebäudes im Schweizerſtyl als Kaſerne oder Stallung. Die einſtöckigen Privathäuſer mit ihren ge⸗ ſchloſſenen Läden ſcheinen ſeit Jahrhunderten zu ſchlafen, haben ſich deshalb eben ſo lange nicht gewaſchen und gleichen einander, wenn man von den wenigen Gartenwohnungen auf dem Graben und von dem zierlichen Hauſe Nr. 100 neben der Kirche abſieht, wie ein Eſel dem andern. Will Eins einmal mehr ſein, ſo verfällt es in abderitiſche Barbarei, wie jener 1846 reſtaurirte Bau von 1756, auf deſſen Giebel⸗ feld das Relief ein ſalopp daliegendes Weib darſtellt, an der hängenden rechten Bruſt einen ſchluckenden Schlingel und in der ausgeſtreckten Linken den vollen Geldbeutel ein un ſäglich edles, unſäglich zartes Symbol des häuslichen Glückes!! An einzelnen Stellen der Stadt ſtehen Baracken, deren ſich das ſchlechteſte Dorf ſchämen würde, und von lebenden Weſen ſieht man kaum etwas Anderes, als ein Paar gähnende Philiſter unter den Thüren und ganze Rudel von ſchmutzigen Enten und Kindern auf den Gaſſen. Die erzkatholiſchen Landsleute des Reformators Capito ſcheinen Licht und Luft zu ſcheuen, und wenn man hier oder da ſo ein gelang⸗ weiltes Geſicht anſieht, ſo ſollte man faſt glauben, ſie ſeien die legitimen Nachkommen der Kameele, die dem aus Paläſtina heimkehrenden Kaiſer Friedrich II. das Gepäck trugen, als er an den Hagenauer Hof zog. Das aber wäre denn doch

ein Irrthum, denn als Augenzeuge kann ich verſichern, daß ſie keine Höcker haben.

Doch was ſchwatze ich? Wahrſcheinlich ſind die Leute, die ja vor 300 Jahren die Epistolae obscurorum virorum druckten, beſſer als ihr Verketzerer. Kann und darf ich ſie doch gar nicht herabſetzen, weil ich ſie nicht einmal kenne. Nur ihre Stadt müſſen ſie uns ſo ſchnell als möglich zu fliehen erlauben um ſo eiliger, da uns ein Lichtbild winkt: von Seſenheim herüber.

Durchſchreiten wir ſchnell den Theil des Waldes, der ſich nach Sufflenheim erſtreckt, und eilen dann durch die faſt un abſehbare Ebene, zwiſchen Gehölzen, Wieſen und wogenden Kornfeldern hin, dem Dörflein entgegen, wo unſer Goethe und ſeine Waldblume, die liebliche Pfarrerstochter, den ſchönſten Traum träumten, der Sterblichen jemals geſandt wurde. Wie uns der wuchtige Thurm, deſſen blauer Helm einer umgeſtürzten Glockenblume gleicht, nah' und näher winkt, wie die rothbedachten, weinlaubumrankten Häuschen immer kecker aus dem dunklen Grün des Obſtwaldes hervor ſpringen ich weiß nicht, es wird Einem wunderlich zu Muthe. Innerlich erzitternd, wie der Wallfahrer, der dem heiligen Orte naht, ſchreitet man zögernd zu und tritt, wenn das Ziel endlich erreicht iſt, tiefathmend, mit gepreßter Bruſt hinein, als ſolle man ſelbſt der Geliebten an den Hals fliegen. Und wenn's nun gar Sonntag iſt, und man ſieht die treuehrlichen Bauerngeſichter unter dreieckigen Hüten, die ſittſam in Dunkel gekleideten Mägdelein mit den ſeidenen Mützchen aus der Kirche kommen gerade ſo ſtillheiter, wie die Gegend ringsum: dann kann man wohl kaum anders, als in reinſter Feſttagsſtimmung bei dem Pfarrherrn ein treten, um ſich von dem freundlichen Mann Gärten und Höfe öffnen zu laſſen.

Da alſo, im Blumengarten, ſtand das alte, miſerable Haus, das ſo viel Luſt ſah, ſo viel Sorgen machte! Dort, am Eingang in den Baumhof, ſteht noch heute dieZehnt⸗ ſcheuer, in der Freund Wolfgang die neue Chaiſe ſo un glücklich bemalte. Ach, wie traulich, wie lieb, wie poetiſch hier kann man nicht anders, man muß ſchwärmen. Die ſonnigen Häuschen und verfallenen Wirthſchaftsge⸗ bäude, die über kunſtloſe, mit Rebenlaub und Himbeerſtauden durchflochtene Zäune hereinſchauen, die joviale Regelwidrig⸗ keit der Formen an Hof und Gärten, die verwitterte Schin delbekleidung der Scheuer, der Lauben reizende Gemüthlich keit, gleichviel, ob's die klaſſiſchen ſind, oder nicht, der länd lich ſittliche Odem, der das Ganze durchweht: o, hat denn kein deutſcher Maler den Muth, dahinein einmal das einzige Paar zu zaubern, oder den einzigen Kreis, in demdie neue Meluſine erzählt wird? Ihr ſucht Euch zu Tode nach großen Stoffen hier, ihr Herren, iſt Rhodus, hier ſchürzt Euch zum Tanze!

Das neue Pfarrhaus, das deshalb nicht an der Stelle des alten gebaut wurde, weil ein Nachfolger Brion's ſich hartnäckig weigerte, dieſes zu verlaſſen, bis jenes fertig ſei, bewahrt außer einem der Pfarrei gehörigen Bruſtbilde des Herr Goethe, wie die Bauern den jedem Kinde Bekannten bei Erzählung der kecken Streiche nennen, nichts Bemerkens werthes, als das Original eines Briefes, den die von dem Dorfe noch heute hochverehrte Friederike als Leiterin einer Schule im Steinthal am 9. Nivoſe des Jahres VII. (30. December 1798) an ihre Seſenheimer Freunde ſchrieb. Oder nein: den Brief ſelbſt ſchreibt Sophie(Olivia), die in humoriſtiſchem Tone für das ſchöneChriſtkindel dankt; dann folgt in ſicheren liberalen Zügen Friederikens Nach

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