ſtädtiſchen Doppelthore. Treten wir vorab nicht ein; ſchlen⸗ dern wir vielmehr auf der Außenſeite des Grabens um die Stadt— ein gar netter Spaziergang, von dem man zur Rechten auf die hügelige, wein- und obſtreiche Umgegend, zur Linken hier und da durch die Baumreihen des inneren Walles in die Stadt hinein ſieht. So gelangen wir vor's Bitſcher Thor und wollen uns die Mühe nicht verdrießen laſſen, zwiſchen ſonnigen Rebhügeln die Schlucht nach Norden hinanzuſteigen bis zu jenem Schloſſe, das, von bewaldeter Höhe überragt, in engliſchem Garten Poſto gefaßt hat. Um einen derb ausgezahnten, viereckigen Thurm liegen— nicht etwa zer⸗ bröckelte Ruinen, ſondern mehrere ſehr behagliche, wenn auch formloſe Wohngebäude, die eine würzig friſche Luft um— weht. Da muß herrlich wohnen ſein, und nur ein Paar Schritte braucht man weiter zu ſteigen, ſo eröffnet ſich weit⸗ hin die Ausſicht auf's Elſaß, auf Baden und die Pfalz: drei Ländchen, eins ſchöner, als das andere! Auf dem Rückwege biegen wir unten am Berge links ein, um zu dem kleinen Gartenhäuschen mit der einſamen Pappel zu gelangen. Wir umſchreiten es, ſetzen uns auf den ſteinernen Tiſch und ſchaun, während der Mühlbach drunten kräftig emporrauſcht, über den hellgrünen, rebendurchflochtenen Gitterzaun hinweg in die Tiefe. Da liegt ſie, am Fuße der Scherhol in Form einer geſtreckten Ellipſe, die Stadt Kronweißenburg, wie man ſie nach dem eiſernen Kronleuchter der Stiftskirche getauft, der von Dagobert II. herſtammte und längſt verſchwunden iſt. Da liegt ſie, braun im Grün, in dem weißen Rahmen der Feſtungsmauern doppelt ernſt, doch darum nicht mürriſch. Denn die einſtige Reichsſtadt trägt keine Spur der ſchreck⸗ erlitt; ſie iſt heiter, anregend belebt durch die großartige Hauptkirche, die uralten Thürme, die weiland zum Schutze der Abtei dienten, die reiche Mannichfaltigkeit der Häuſer⸗ formen, die breiten, unregelmäßigen Straßen, die großen⸗ theils mit Bäumen bepflanzten Plätze und Quais zu beiden Seiten der durchfließenden Lauter und, wie wir eintretend ge⸗ wahren, auf Straßen und Gaſſen durch das, bei allem Brummeln über die zu kleine Garniſon durchweg friſche, heitere Weſen der Bewohner. Im Einzelnen ſehenswerth ſind wohl nur Stift und Rathhaus, denn in der„Salle de spectacle“ riskirt man, dem Aeußeren des Gebäudes nach zu ſchließen, ſtatt der ſchwertumgürteten Melpomene etwelchen hörnertragenden Vierfüßlern zu begegnen. Die Hauptkirche— nicht die, in der vor Zeiten Bucer predigte— iſt ein großartig gedachter gothiſcher Bau mit doppelten Nebenſchiffen und herrlichem Thurme auf der Vierung. Schade, daß, was wir vor Augen ſehen, dem Gedanken des Baumeiſters nicht ſo ganz ent⸗ ſpricht. Allen Reſpekt vor dem greiſen, mit Kreuzdach ver⸗ ſehenen Thurme da hinten; daß er aber die Weſtfagçade total verſchändet, iſt ebenſo wenig zu leugnen, wie daß die unaus⸗ gebaute Nordſeite des Langhauſes kläglich dreinſieht und der Mann, der auf den Rumpf des über den vier Seitenthürm⸗ chen abgebrannten Thurmrieſen dieſen plumpen Schiefer⸗ kopf geſtülpt, nachträglich gehängt zu werden verdiente. Schräg der Kirche gegenüber liegt ein unanſehnliches Ge⸗ bäude; man würde vorübergehen, wenn nicht eine Steintafel in der Mauer die Neugier reizte. Sie belehrt uns, daß Dagobert, der Frankenkönig, 623 das Kloſter Weißenburg gegründet und 1288 der Abt deſſelben dieſes Haus erbaut habe., Kloſter Weißenburg? Ach, es iſt ja wahr, hier reimte ja vor faſt tauſend Jahren Mönch Otfried ſeine Evangelienharmonie, lang und langweilig genug, aber groß als Zeugniß volksfreundlichen Sinnes, als Denkmal frän⸗
kiſcher Sprache und Kanon deutſcher Rythmik. Wie viele Schweißtropfen mag der Mann vergoſſen haben, ehe er von dem Verſuche abſtand, für jedes lateiniſche Wort ein deutſches von demſelben Geſchlecht, ja von derſelben Länge zu finden, und ehe er überhaupt das„ſpröde“ Deutſch zu ſeinen Verſen auszurecken vermochte. Dafür iſt er aber auch geprieſen worden, nicht nur von den Proſodikern und Sprachforſchern, ſondern auch von allen Denen, die, mit Gervinus zu reden, „viel Frömmigkeit und wenig Geſchmack hatten.“
Letzteren möchte ich aber im höchſten Grade dem Manne zuſprechen, der die lateiniſchen Inſchriften auf dem vor hun⸗ dert Jahren gebauten präſentablen Rathhauſe erſonnen. Wie genial, das Gebäude ſelbſt— und zwar, da es ja keine Studien gemacht, im Style der Dunkelmänner reden zu laſſen:„Unter der Regierung Ludwig's XV. bin ich aus der alten Aſche(ex antiquo cinere!) wieder aufgeſtanden“ und der Sonnenuhr die Etiquette anzuhängen:„Werk der Sonne und Kunſt!“ Theures Weißenburg, Werk des Bo⸗ dens und der Maurergeſellen, kratze die Inſchrift ab und ge⸗ hab' dich wohl! Du aber, deutſcher Leſer, folge mir zum nächſten Thore hinaus, die mit Wallnußbäumen beſetzte Straße entlang, nach Norden!
Merkſt Du nichts? Kommen Dir die barfüßigen Frauen, die flachsköpfigen Kinder, die uns begegnen, nicht jeden Augenblick bekannter vor? Klingen ihre Worte nicht ſeltſam, faſt wunderbar Dir zu Ohre? Scheint Dir das Laub nicht grüner, die Luft nicht leichter, der Himmel nicht höher? Was mag doch ſein?... Da ſteht ein Brunnen, rechts an der Straße; treten wir heran! Ein Adler,„Em- pire Français“,„Erigé par la commune de....“— nichts Beſonderes! Links dahinter blau und weiß geſtreifte Pfähle, mit Wappen bekleckſt— was wiſſen wir von der Heraldik? Aber, was ſteht denn da? Komm einmal! „Straße nach dem königl....“ o komm doch, ſieh doch... „nach dem bairiſchen Nebenzollamte Schweigen!“ Haſt Du's gehört?— Wir ſind im Vaterlande!———
Wie, Du ſtaunſt ob meiner Rührung, meiner Ergriffen⸗ heit? O lieber Mann, das Beſte, was der Menſch hat, er würdigt's erſt, wenn er's verlor! Sei Du einmal acht lange Jahre verbannt, ob Dein Fuß nicht zittert, wenn er den heimiſchen Boden berührt— ob nicht durch den Schleier einer aufſteigenden Thräne, was Du erblickſt, Dir ſo mild und ſanft und weich erſcheint, wie Dein eigen Gemüth? Und wenn Du nun gar den Fuß zurückziehen mußt— ſcheu und ſchnell, weil im nächſten Dorfe ſchon Gendarmen wachen, die Dich ergreifen, Dich fortſchleppen würden, in.... pfui, in den Kerker: was meinſt Du, daß da in der Bruſt ſich regt? Geh, Glücklicher, Dich hindert ja nichts, bringe den lieben Pfälzern meinen Gruß und den luſtigen Rheinländern und Allem, was deutſch redet, bis an's baltiſche Meer! Bring' ihn dem ganzen edlen Lande und ſag' ihm, was da draußen zerſtreut ſei von ſeinen Kindern, hange mit ganzer Seele an ihm. In alle Zukunft ſolle es unſer heiligſtes Streben ſein, ihm nirgendwo Schande zu machen, um einſt, wenn wir's wiederſehen ſollen, das Auge frei und ruhig er⸗ heben zu dürfen. Geh', ſag' ihm das, und verwerft uns nicht vor eurem Angeſichte!—
Willſt Du dagegen mir noch weiter folgen, ſo wende den Schritt nach Süden zurück. Doch welchen Weg wählen? Ueber Lauterburg, dort unweit des Rheins, Karlsruhe gegen⸗ über, und von da am Strome hinauf durch Seltz nach Ha⸗ genau? Wohl möglich, daß jene Duodezfeſtung ganz artig da liegt und daß man uns in Seltz Hiſtorien genug zu er⸗ zählen wüßte: komiſche, von jenem Engländer, der auf dem
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