Jahrgang 
1857
Seite
653
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ſeiner Weſtentaſche ein viel gebrauchtes Stück weichen

Leders hervor, putzte die großen Gläſer, ſetzte die Brille dann wieder vorſichtig auf und ſah mich ſo lange unver⸗ wandt an, daß ich verlegen ward. Der grüne Schimmer des Glaſes ließ auch Hampelmann's Augen grün erſchei nen. Sie funkelten wie die Augen einer Katze.

Sehr dummes Zeug das, ſprach er nach längerer Muſterung meiner Perſon,könnten in Priſon kommen, polizeilich der Stadt verwieſen werden und obendrein noch blechen müſſen! Papa Hampelmann will aber helfen. Hier, Patſch her! Haben's der da zu verdanken, junger Mann! Manſell Clariſſa iſt ein Goldherz mit Brillan⸗ ten eingefaßt. Könnte gleich unter die Clariſſinnen gehen, wenn ſie weniger Trieb zum Arbeiten hätte.

Er lachte und rieb ſich vergnügt die Hände. Dann ſcherzte er noch kurze Zeit mit Clariſſa, die bald auf ihr Zimmer ging, mich nochmals dem väterlichen Schutze des wackern Commiſſionärs empfehlend.

Von der wirkſamen Vermittelung dieſes einflußreichen Mannes, dem ich einige Male begegnet zu ſein mich er⸗ innerte, hatte Clariſſa mir nicht zu viel verheißen. Es gelang ihm über alles Erwarten, meine Verbindlichkeiten gegen Herrn Boller zu löſen. Ob dies viel Mühe ge⸗ macht oder ob mein bisheriger Prinzipal ſich über mich beſchwert hatte, von alledem erfuhr ich nichts. Hampel⸗ mann übergab mir außer meinem Gehalt, auf welchen ich ſchon verzichtete, auch noch die Ueberreſte meiner Geige. Ein beſchriebenes Papier, mit Boller's Namen unter⸗ zeichnet, behielt er, ohne es mich einſehen zu laſſen, unter dem Vorwande, daß er deſſen bedürfe, damit er mir ſchneller eine Stelleim Auslande verſchaffen könne. Die Worteim Auslande betonte er ſcharf, indem er zugleich ſeine grünen Augen durchdringend auf mich hef⸗ tete. Madame Boller und deren Töchter ward mit keiner Sylbe gedacht. Sie ſchienen für den Commiſſionär gar nicht zu exiſtiren.

Drei Mal des Tages ſah ich Clariſſa, früh, wenn ſie in die Meſſe ging denn ſie war eine fromme Katho⸗ likin Mittag bei Tiſche, und Abends. Wir ſprachen wenig zuſammen, deſto mehr ſagten ſich unſere Blicke, wenn ſie ſich begegneten. Dies geſchah freilich ſehr, ſehr

Zilder aus den deutſchen Gauen.

oft. Schon damals wußte ich, daß dieſes opferfähige Mädchen unvergeßlich in meinem Herzen fortleben, daß ich ihr, ihr ganz allein für immer angehören würde.

Clariſſa ſchwieg, nur ihre lieben frommen Augen ruhten ſtets theilnehmend auf mir.

Ihre Abreiſe verzögerte ſich indeß noch zwei Tage länger. Mir war dieſer Aufſchub ſehr angenehm. Ich konnte ihr nun doch manche kleine Aufmerkſamkeit er⸗ weiſen, obwohl ich nicht daran gewöhnt und daher etwas ungeſchickt in dergleichen Dingen war. Sie geſtattete mir auch, ihr das Geleit zur Kirche geben zu dürfen. Während dann Clariſſa nach den Vorſchriften ihrer Re ligion zu Gott betete, that ich daſſelbe in einem entfern⸗ ten Stande. Ich flehte aber immer nur um das Eine, daß Gott Clariſſa ſegnen und ihr ein freudenreiches Leben geben möge. Für mich ſelbſt bat ich nie. Vielleicht war dies Sünde, denn meine Bitten ſind nur zum Theil in Erfüllung gegangen.

Am Abend vor Clariſſa's Abreiſe flüſterte ſie mir mit freudig leuchtendem Antlitze zu, Herr Hampelmann habe ihr unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mitgetheilt, daß er ſichere Hoffnung habe, mir eine Condition in Hamburg auswirken zu können.

Dann ſehen wir uns bald wieder, Herr Ladenberg, ſchloß ſie ihre Mittheilung,und wo zwei Landsleute, die einander bereits kennen, ſich treffen, da ſind ſie nie allein.

Tags darauf verließ das treffliche Mädchen mit einem Hauderer die Stadt. Hampelmann und ich gaben ihr das Geleite. Es glänzten Thränen in ihrem Auge, als ſie uns zum letzten Male die Hand zum Abſchiede reichte. Die Pferde zogen ſchon an, da beugte ſie nochmals das melancholiſch lächelnde Geſichtchen aus dem Wagenſchlage und ſagte zu dem Commiſſionär:

Sie ſorgen mir doch gut für Den da, Herr Hampel mann? Vergeſſen Sie nicht, daß ich Ihnen den jungen Herrn auf die Seele gebunden habe!

Der Commiſſionär warf Clariſſa galant eine Kuß hand nach und der Wagen rollte über das holprigspflaſter fort dem Thore zu. Eine Stunde ſpäter hattſ von Clariſſa's bisherigem Zimmer genomm

IV. Das Elſaß. 2 Von Albert Grün.: II. v

(Schluß.)

Geſicht machen, die Aachener Gaſſenbuben den neuen

Niederbronn iſt ein lang und ſchmal in die Schlucht ge⸗ keineswegs, und es dennoch verſucht, wird wohl jenes

klemmtes Oertchen, nicht ohne vornehme Privat⸗ und Gaſt⸗ häuſer. Das mit glasgedecktem Perron geſäumte Badehotel, von engliſchen Anlagen in verjüngtem Maßſtabe umgeben, hat ſehr luftige Räume; am Fuße der edlen gußeiſernen Treppe führt ein Mauerdurchbruch zu der nicht allzuglän⸗ zenden Trinkhalle, vor welcher neben der Tribüne für ei möglichſt beſcheidenes Orcheſter der Brunnen, von ein

Säulengänglein umgeben, und mit gläſerner Kuppel gedeckt, zu ſehen und zu genießen iſt. Zum Genuſſe indeß reizt das in der kleinen Marmorſchale zwar farblos hervorquellende, im Brunnen ſelbſt aber ſchmutzig⸗gelb erſcheinende Waſſer

Kurgäſten ſo veaſtiſch nachzuſchneiden verſtehen. Nichtsdeſto⸗ weniger verſichert der Wirth, man zähle jährlich gegen 2000 Gäſte längeren pder kürzeren Aufenthalts. Ja, was thut man nicht der enteilenden Geſundheit und mit allem Reſpekt vor den verblichenen Schönheiten ſei es geſagt, die unſre Vprfahren durch ihre duftige Blüthe erquickten der behaglichen Fraubaſerei zu Liebe?! Mich wenigſtens erin⸗ nert die Geſellſchaft von Niederbronn faſt an Cerneus und die benachbarten Bäder im Graubündtner Prättigau, und

ich möchte hier wie dort nicht abgemalt, geſchweige lebendig