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die raſch fortziehende Fluth verſenkend. Ich fühlte das Blut die Adern meines niedergebeugten Kopfes füllen. Lichter, purpurrothe Kreiſe zuckten und rollten vor meinen Augen, Waſſerſtürze brauſten an meinem Ohr vorüber. Wieder ſpaltete ſich das feuchte Gewölk, der Mond ſchwamm abermals auf den falben Wellen, und es hätte nur noch eines letzten beherzten Ruckes bedurft, um mich vollends über das Geländer zu ſchwingen. Da fühlte ich mich feſtgehalten, gewaltſam emporgezogen.— Die Hand des unberufenen Helfers klammerte ſich in meine Haare, denn der Hut trieb bereits auf dem Strome.
„Unglücklicher, Verirrter, was wollen Sie thun?“ ſprach eine theilnehmende Frauenſtimme, vor Angſt bebend.
Ich war entkräftet umgeſunken und lag jetzt vor der unerwarteten Retterin auf den Knieen, als wolle ich ſie um Verzeihung bitten.
„Jeſus Maria, Sie ſind es!“ rief ſie erbleichend, als ich verwirrt zu ihr aufblickte und ein heller Strahl des Mondes auf mein verſtörtes Antlitz fiel.„Man hat Sie gewiß wieder unſchuldigerweiſe gemißhandelt?“
Bei dieſen Worten ging eine wunderbare Veränderung in mir vor. Eine dunkle Erinnerung ſtieg in mir auf. Das melancholiſch-milde Geſicht, das ſo theilnehmend auf mich herabſah, war mir bekannt. So ſah auch jenes Mädchen aus, als mich die liebloſen Neckereien Anderer in jenem Geſellſchaftsgarten zu leidenſchaftlichem Thun entflammten. Clariſſa ſtrich mir das feuchte Haar aus der fieberheißen Stirn. Die Berührung ihrer Hand durchzuckte mich elektriſch. Mir war, es ſei ein Engel vom Himmel zu mir armen Ausgeſtoßenen herabgeſtiegen. Ich fand die ſchmeichelnde Hand der mir noch Unbekann⸗ ten und preßte ſie unter Thränen an meine Lippen. So hatte ich noch keine Frauenhand gehalten. Es war der erſte Kuß, den ich ſeit dem Tode meiner Mutter einem menſchlichen Weſen gab.
„Folgen Sie mir, Landenberg,“ ſprach Clariſſa,„hier iſt nicht gut ſein. Auch höre ich Menſchen kommen, und es iſt für uns Beide wohl beſſer, daß wir unbeachtet blei⸗ ben. Geben Sie mir Ihren Arm. Während Sie mich nach meiner Wohnung begleiten, erzählen Sie mir, was Ihnen begegnet iſt. Ich vermag zwar wenig, denn ich bin arm und eine Waiſe, aber ich habe den redlichen Willen, ſo weit meine Kräfte und meine Einſicht reichen, Ihnen mit Rath und That beizuſtehen.“
Ich vermochte nicht zu ſprechen. Ueberwältigt von meinem Gefühl, mußte ich immer und immer mir zurufen: Du biſt alſo doch nicht ganz verlaſſen! Es lebt Jemand, der Dich nicht beleidigt, nicht peinigt, dem Deine Leiden nicht Genuß bereiten. Und dieſer Jemand iſt ein armes verlaſſenes Weſen, wie Du ſelbſt. Iſt es nicht eine Fügung des Schickſals, ein Wink des Himmels, daß er mitten im vernichtenden Schmerz der Welt, im entfeſſel⸗ ten Sturm der heftigſten Leidenſchaft gerade dies edle, uneigennützige Weſen Dich finden ließ?
Als ich endlich Worte fand, verſchwieg ich Clariſſa nichts. Sie tadelte meine Heftigkeit und machte mich in ihrer ſanften Weiſe aufmerkſam, daß eine Empfindlich⸗ keit, wie ſie in meinem Herzen ſich feſtgeſetzt, immer nur mir ſelbſt die traurigſten Verlegenheiten bereiten würde.
„Es bleibt Ihnen kaum etwas Anderes übrig, als dieſe Stadt zu verlaſſen,“ ſchloß Clariſſa ihre Betrach⸗ tungen, ohne mich mit weiteren Vorwürfen zu überhäufen und dadurch von Neuem muthlos zu machen.„Erlau⸗ ben Sie, daß ein Anderer ſtatt Ihrer mit Herrn Boller
in Unterhandlung tritt und Ihr Verhältniß löſt. Mein Hauswirth iſt ein braver, gutmüthiger und beſonnener Mann. Er wird gern die Hand dazu bieten, weil es ein gutes Werk iſt, das er fördern hilft. Hat er mir doch ebenfalls, wenn auch in anderer Weiſe, geholfen. Er hat mir nämlich eine Stelle in einem Putzladen verſchafft, die dem Anſcheine nach einträglich zu werden verſpricht. Leider muß ich nur ſo weit fort von meiner Heimath. Meine zukünftige Prinzipalin lebt in Hamburg.“
„In Hamburg!“ wiederholte ich und ein Gedanke durchzuckte, wie ein Lichtfunke, mein bis dahin ſo nacht⸗ finſteres Inneres.„Sollte ſich in Hamburg nicht auch für mich ein Unterkommen finden?“
„Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde,“ er⸗ wiederte Clariſſa.„Auch da ſoll mein wackerer Haus⸗ wirth den Mittelsmann ſpielen. Seine Verbindungen erſtrecken ſich weit, und er hat eine Menge Stellen zu vergeben. Nur muß er vorſichtig ſein und ſich, ehe er Jemand empfiehlt, auch von deſſen Brauchbarkeit über⸗ zeugt haben. Sie ſind ein ſtiller, arbeitſamer, junger Mann, ohne Anſprüche. Das Leben hat Sie nicht ver⸗ wöhnt, mithin findet ſich für Sie weit eher ein paſſendes
Unterkommen, als für Solche, die mit großen Anſprüchen
in die Welt treten. Weit von hier iſt außerdem für Sie das Beſte. Da ich ſchon übermorgen abreiſe, können Sie meine Wohnung beziehen, bis es dem guten Ham— pelmann gelungen iſt, Ihnen eine annehmbare Condition nachzuweiſen.“
Clariſſa blieb unter einer geſchnörkelten Pforte ſtehen.
„Da wohne ich,“ ſprach ſie, die Glocke ziehend. „Treten Sie nur getroſt mit ein! Ein Obdach für die Nacht müſſen Sie doch haben, und Herr Hampelmann ſtößt Sie, das weiß ich, nicht unbarmherzig über die Schwelle. Während Sie ſich ſelbſt Geſellſchaft leiſten in ſeinem kleinen Comptoir, unterrichte ich ihn. Dann wird er Rath ſchaffen, und da Sie ja kein Capitalver— brechen begangen, ſondern nur unvorſichtig gehandelt haben, bin ich feſt überzeugt, daß die fatale Geſchichte ſich mit vernünftigem Hin⸗ und Herreden binnen wenigen Stunden ſchlichten läßt. Herr Boller muß ja froh ſein, Sie los zu werden. An die große Glocke wird er die Sache gewiß nicht hängen, denn das verurſachte nur Ge— rede und wohl gar unangenehmes Geträtſch. Seine Frau und ihre Töchter ſind längſt ſtadtbekannt, und haben nur diejenigen zu Freunden, die ihnen gleichen.“
Clariſſa's Zuverſichtlichkeit flößte mir Muth und ſo⸗— gar Selbſtgefühl ein. Ich betrat ohne Zagen das alte verbaute Haus, wo ich alsbald die Bekanntſchaft Herrn Hampelmann's machen ſollte. Der Commiſſionär denn dies Geſchäft betrieb er— war ein kleiner, ſchmäch⸗ tiger und beweglicher Mann mit feinen, nur etwas ge⸗ zierten Manieren. Die Hornbrille mit den ungewöhnlich großen grünen Gläſern, die er niemals ablegte, gab ihm eine komiſche Würde. Ganz altfränkiſch gekleidet, mit Kniehoſen, Strümpfen und Schuhen, machte er den Ein⸗ druck eines alten Herrn aus der Zeit vor dem Ausbruche der erſten franzöſiſchen Revolution. Mich erinnerte er lebhaft an meinen alten Tanzmeiſter.
Ich ließ Clariſſa das Wort ſtatt meiner führen. Hampelmann ſagte gar nichts zu der Erzählung meiner Retterin. Er nickte nur mit dem Kopfe, als ſei er mit Allem vollkommen einverſtanden? Genau unterrichtet von meinen Verhältniſſen, nahm er die Brille ab, zog aus
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