Jahrgang 
1857
Seite
651
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Famülienblatt.

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Durch alle Buchhandlungen und Poſtämter für 12 ½ Ngr. vierteljährlich zu beziehen.

Inhalt: Bekenntniſſe eines Gemißhandelten.(Schluß.) Volkswirthſchaftliche Skizzen. Von H. Schulze ⸗Delitzſch.

Delitzſch. Die neuen Leuchtmaterialien im Beſonderen aus den Braunkohlen. Von Dr. Franz Döbereiner.(Schluß.) Aus dem Weltleben. Was beliebt: Die Allgem. Zeitung und die orientaliſche Frage. Meyer in Hildburghauſen. Béranger's letzte Gedichte. Die amerikaniſche Geldkriſis. . 14.. 1. s Gemißhandelt V Bekenntniſſe eines Gemißhandelten.

(Schluß.)

Es war ein trüber, regniger Herbſtabend. Der Wind ging hohl und ſchwenkte die Reverbéèren an ihren Ketten hin und her, daß ſie nur dürftig die Straßen beleuchteten.

In meiner Aufregung fühlte ich weder die Einwir⸗ kung des ſcharfen Nordweſt, noch den kältenden Regen, der meine dünne Kleidung durchnäßte. Lebensüberdrüſſig wünſchte ich eine Gelegenheit zu finden, aus dieſer Welt zu ſcheiden, die mir ſo entſetzlich ſchaal vorkam, und mir von jeher ſo feindlich entgegen getreten war. Meine bis⸗ herige Stellung hatte ich vor wenigen Minuten ſelbſt aufgegeben, das wußte ich, und die Empfindung einer eigenthümlichen Genugthuung durchrieſelte mich dabei. Es war mir doch endlich einmal, wenn auch zumeiſt auf meine Koſten, gelungen, Jemand, der mir nicht wohl wollte, recht tief zu kränken. Das war mir vorerſt genug. Ich hatte das Wiedervergeltungsrecht geübt und konnte mich nunmehr leichter in das Unabwendbare fügen.

Es begegneten mir nur wenig Menſchen. Keiner achtete auf mich, wie ich mir nicht einmal die Mühe gab, Jemand anzuſehen. Mich zog es an unſichtbaren Fäden fort nach der Oderbrücke. Dort, ſo glaubte ich, würde mir das Rechte einfallen. Im Herzen trug ich mich mit Gedanken an Selbſtmord. Im Waſſer mußte für mich eine magnetiſche Anziehungskraft liegen, denn oft ſchon, wenn ich die Brücke überſchritt und in die ſtrudelnd fort⸗ ziehenden Wellen hinabſah, ſpürte ich Luſt, mich hinunter zu ſtürzen. Abends war ich noch nie über die Brücke ge⸗

Bilder aus den deutſchen Gauen. IV. Das Elſaß. Von Albert Grün. II.(Schluß.) X. Aufruf zur Bildung von volkswirthſchaftlichen Vereinen. Von H. Schulze⸗ V

gangen. Was ich am hellen Tage zu thun ſcheute, das zu vollbringen, hoffte ich, würde bei dunkler Regennacht mir leicht fallen, wenn es nicht Gottes Wille ſei, mich zu retten.

Sonderbarer Widerſpruch im Herzen des Menſchen! Während ich nur an den Tod dachte und mir ein ſchnelles Ende herbeiwünſchte, betete ich inbrünſtig, ohne alle Heu⸗ chelei. Der Tod hatte nichts Erſchreckendes für mich. Ich betete, Gott möge mir gnädig ſein, mich ohne lange Qual endigen laſſen und mich zu ſich nehmen, damit ich Frieden fände für mein armes verſchüchtertes Herz.

So erreichte ich die Brücke. Die Glocken ſchlugen die achte Abendſtunde. Einzelne Schläge verhallten kaum hörbar im Winde, andere trug der Luftzug mir laut ſchrillend zu.

Auf der Brücke regte ſich nichts Lebendiges. Mein Puls ging fieberhaft, als ich zaghaft an das Geländer trat und einen ernſten Blick in die gurgelnden Gewäſſer hinunter warf.

Wenn der Nordweſt die Wolken zerriß, ſchaukelte ſich der goldene Kahn des Mondes auf dem ſchäumenden Ge wäſſer, und Sterne funkelten um ihn aus der Tiefe. Mir war, als hätte Gott ſelbſt den Himmel mit allen Freu⸗ V

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den des Paradieſes mir vor die Füße gelegt, daß ich mich nur hineinſtürzen dürfe.

Auf der Höhe der Brücke angekommen, bog ich mich mit halbem Leibe über das Geländer, mein Auge tief in