ſchäftskreiſen, welche im Großen und Ganzen doch immer wieder die Fähigkeit haben, ſich zu erheben. Nein, ſie war ſtets ſofort von induſtriellen Nothſtänden begleitet, vom Stillſtand der Fab⸗ riken, von Arbeitseinſtellungen. Aber davon zeigen ſich vor⸗ läufig noch ſo gut, wie keine Symptome. Denn der Verbrauch in den Maſſen iſt eben durch die Erleichterungen des Verkehrs ſo ungeheuer gewachſen, daß die Induſtrie im Ganzen und Großen nicht von der Finanzkriſe berührt wird. Einzelne ſolche Fälle können allerdings nicht ausbleiben, aber ſie ſind im Ganzen verſchwindend gering; und wenn einige Waarenpreiſe fallen, ſo iſt dies für die direkt Betroffenen ein Unfall, aber für die Maſſen, denen die keineswegs immer natürliche Waarentheurung der letzten Jahre kaum erlaubte, über jedes Tages Nahrung und Nothdurft hinauszublicken, eine ſegensreiche Erleichterung ihrer Lage. Freilich drohen die Merkantilen: Ihr werdet es ſpäter bezahlen müſſen. Wohl möglich! Aber darauf bleiben ſie die Ant⸗ wort ſchuldig, ob wir Conſumenten eine Garantie dafür hätten, daß dies nicht eben ſo käme, wenn die jetzige Geldkriſis ohne ein Sinken mancher Waarenpreiſe verlaufen wäre. Ein großer, ja der zahlreichſte Theil der erwerbenden, wie der conſumirenden Menſchheit iſt aber auf des Augenblickes Bedürfniß geſtellt. Außerdem dürfen wir auch nicht vergeſſen, daß die amerika⸗ niſche Kriſe unſeren continentalen Fabrikanten und Kaufleuten ſehr wahrſcheinlich eine Lehre giebt, deren praktiſche Conſequenzen dem conſumirenden Publikum auch auf lang hinaus zu Gut kommen muß. Wir ſtehen zu Amerika in einem ungleichen Ver⸗ hältniſſe hinſichtlich des Waarenaustauſches, welche bloß auf Europa die Laſt und Gefahr des ſehr complizirten Geſchäftes wirft. Der europäiſche Kaufmann erhält die Producte Amerikas bloß gegen ſofortige Zahlung vom amerikaniſchen Verkäufer. Es iſt dies eine„Uſance“ der ganzen Handelswelt. Dagegen iſt es ebenſo ſchwer, daß der europäiſche Exporteur und Fabrikant dem amerikaniſchen Käufer ſeine Waaren 7—8 Monate creditirt. Sowie nur während der Theurung der letzten Jahre das Waaren⸗ geſchäft in Europa etwas weniger günſtig ging, warf man uner⸗ meßliche Waarenmaſſen nach Amerika. Der ſpekulirende Yankee, welcher immer den Vortheil einer langen Zahlungsfriſt hatte, nahm ſie unbedenklich an. Während deſſen blieb natürlich der Waarenmarkt in Europa theuer, gewiſſermaßen künſtlich theuer, weil Amerika über Bedürfniß verſorgt ward und ſich verſorgen
Sämmtliche bairiſche Behörden ſind angewieſen, dem Prof. Sybel, welchen der König mit der Abfaſſung einer Ge⸗ ſchichte von Baiern beauftragt hat, jede Unterſtützung ange⸗ deihen zu laſſen. Daß Herr Sybel, ein bisher ſehr geachteter Hiſtoriker, die Stelle eines k. bairiſchen Hofhiſtoriographen an⸗ genommen und ſich von Sr. Majeſtät die Stoffe für ſeine Ge⸗ ſchichtſchreibung bezeichnen läßt, kann nur einen ſchmerzlich überraſchenden Eindruck machen. Die Geſchichte Baiern's iſt nicht eine ſolche, welche im Sinn des bairiſchen Hofes behandelt werden kann, ohne daß ſich Herr Sybel mit ſeinen bisher be⸗ kannten hiſtoriſchen Principien und mit dem Geiſt der deutſchen Nation in Widerſpruch ſetzte. Baiern, deſſen Geſchichte von ſeinen Fürſten faſt ausſchließlich gemacht iſt, war zu allen Zeiten der Agent des Auslandes, theils Roms, theils Frankreichs, in fortwährendem Widerſtreit gegen die Intereſſen der Nation. Als ehrlicher und aufrichtiger Hiſtoriker dürfte Herr Sybel dieſes Verhältniß nicht bemänteln, allein, wenn er dem König, der ihn mit der Arbeit beauftragt hat, genügen will— und dies muß
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ließ. Das Mißverhältniß des Waarenhandels zwiſchen Europa und Amerika wächſt aber noch dadurch, daß der amerikaniſche Ausfuhrwerth den Werth der Einfuhr von Europa lang nicht er⸗ reicht. Die Differenz muß alſo durch diejenige Tauſchwaare ausgeglichen werden, die wir Geld nennen. Dieſe Tauſchwaare fehlte in Amerika noch in höherem Grade, als bei uns. So warf der amerikaniſche Importeur die empfangene Waare wieder zu⸗
rück auf den Markt und entwerthete ſie, indem er ſie verſchleu⸗
derte. So wirkt die amerikaniſche Geldkriſis allerdings doppelt auf Europa zurück. Einerſeits dadurch, daß der Amerikaner ſeinen pekuniären Verpflichtungen nicht nachkommt, andrerſeits dadurch, daß er die empfangene Waare entwerthet. Die Schläge, welche auf ſolche Weiſe der europäiſche Handel und Geſchäfts⸗ verkehr mit Amerika erlitt, ſind furchtbar. Aber ihre Conſequenz muß nothwendig eine Arrangirung des amerikaniſchen Geſchäf⸗ tes ſein, welche vom Transatlantiſchen Kaufmanne feſtere Ga⸗ rantien, als bisher verlangt. Und dieſe Ungeſtaltung iſt es, welche in Folge der jetzigen Kriſe den conſumirenden Maſſen Europas nothwendig durch keine bloß vorübergehende, ſondern längere Zeit anhaltende Ermäßigung der Waarenpreiſe zu Gute kommen muß.
Der Leſer wird vielleicht dieſe ernſten ökonomiſchen Betrach⸗ tungen an der Stelle des Feuilletons verwundert anblicken. Aber ſinds denn nicht die rechten praktiſchen Fragen„aus dem Welt⸗ leben,“ deren klare Anſchauung geſucht wird? Wie die Dinge heut ſtehen, führt des Lebens Nothwendigkeit jeden Einzelnen, auch den Nichtkaufmann, zur Börſe. Um zu exiſtiren muß Je⸗ der ſich die Begriffe des Verkehrs und ſeiner Organiſation klar machen. Jeder iſt verpflichtet, bis zu einem gewiſſen Grad, wenn auch beſchränkten Maaßes Kaufmann zu ſein. Die Politik und das alltägliche Leben der vorigen Generation hat dieſe Fra⸗ gen offenbar zu wenig beachtet. Nur wenn wir auf der geſun⸗ den Baſis praktiſcher materieller Intereſſen ſtehen, vermögen wir auch eine geſunde Politik praktiſch durchzuführen. Ebenſo⸗ ſehr iſt freilich davor zu warnen, der Zinſen⸗ und Procentebe⸗ rechnung zu unbedingt ſich hinzugeben. Der ſchöpferiſche Trieb der Nation wird dadurch einſeitig, ihre politiſche Thatkraft ſchwach. Carthago und Venedig ſind dadurch zuſammengebro⸗ chen und Deutſchland arbeitet ſich erſt langſam aus dem bloß
geographiſchen Begriffe heraus.
mas beliebt.
er wollen, ſonſt hätte er den Auftrag abgelehnt— darf er die Wahrheit nicht ſagen. Wir müſſen uns deshalb gefaßt machen, einen wohl erworbenen hiſtoriſchen Ruf an den Klippen der Hof⸗ gunſt ſcheitern zu ſehen, und wahrſcheinlich wird die böſe Welt abermals Gelegenheit finden, einen Spruch in Anwendung zu bringen, den man in Bezug auf Profeſſoren dem alten König Ernſt Auguſt von Hannover in den Mund legt.
Ein Buch des verbannten franzöſiſchen Oberſten Charras
über den Feldzug von 1815 iſt geeignet, beſonderes Intereſſe in
Deutſchland in Anſpruch zu nehmen. Der antibonapartiſtiſche Geiſt, in welchem es geſchrieben iſt, kann aus folgender Stelle in der Einleitung erſehen werden:„Nach Durchleſung dieſes Buchs wird Ein Mann vielleicht kleiner erſcheinen; aber die franzöſiſche Armee dagegen größer, Frankreich weniger erniedrigt. Dieſes Reſultat entſpricht mehr meiner Vernunft, meinem Herzen, meinem Patriotismus, als die ſo lang gehegten Fictionen.“
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſeche a Devrient in Leipzig.


