Jahrgang 
1857
Seite
649
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centen und Händler ſchärft, und ſie auf das eigenſte Begeh⸗ ren, die ganze ſo ungeheuer wechſelnde Zahl der verſchieden⸗ ſten Bedürfniſſe und Liebhabereien aufmerken läßt. Da darf nur hier und da eine Anfrage, ein Begehr auftauchen, ſogleich finden ſich Leute, die ihre Befriedigung zu unter nehmen bereit ſind, ſobald ſich nur Ausſicht zeigt, ihre Thätigkeit zu verwerthen. Und hat ſich ja einmal ein Ein⸗ zelner eines neu aufkommenden Betriebszweigs, vielleicht mittelſt einer eigenen Erfindung, für den Augenblick aus⸗ ſchließlich bemächtigt, ſogleich ſuchen Andere, die das höhere Verdienſt des Erſtern lockt, in das Geheimniß ein⸗ zudringen, das ſie über kurz oder lang ſicher entdecken, und zum Beſten des geſammten Publikums gemeinnützig machen, indem ſie es der allgemeinen Konkurrenz übergeben. Andrer⸗ ſeits kommt aber auch wieder die Konkurrenz den Produ⸗ centen und Verkäufern zu Statten, eben ſo gut, wie den Konſumentenda auf Seiten der letztern ein eben ſolches Drängen nach dem Erwerb guter und billiger Waare ſtatt⸗ findet, wie Seitens der erſteren nach Abſatz. Nicht blos

von Jedermann zu kaufen, macht ſie den Konſumenten mög⸗

lich, ſondern auch an Jedermann zu verkaufen den Produ⸗ centen, ſo daß die letzteren ſo gut, wie die erſteren, vor un⸗ billigen Bedingungen bei dem gegenſeitigen Austauſch ge⸗

ſchützt ſind, und nicht in den Fall kommen, ihre Waaren um

ein Spottgeld hinzugeben, ſo lange ſie dieſelben bei Andern

zu beſſern Bedingungen anbringen können. Das entgegen⸗

geſetzte Intereſſe beider Theile, deſſen wir gedachten, ver⸗ möge deſſen der Eine ſo theuer als möglich ſeine Arbeit abzuſetzen, der Andere ſo billig als möglich ſeinen Bedarf

anzuſchaffen wünſcht, findet eben nur in dieſer allſeitigen Konkurrenz ſeine Ausgleichung, denn während den Ver⸗

käufer das Intereſſe antreibt, den möglichſt hohen Preis zu fordern, nöthigt ihn die Konkurrenz, ſich vor Ausſchrei⸗ tungen zu hüten, damit nicht ein Mitproducent. ihn unter⸗ fordere und er mit ſeiner Waare ſitzen bleibt. Und indem

von dem Grade, in welchem ſie geſucht werden, von der Zahl der darnach Begehr Tragenden von der Nach frage weil eben von dem Ineinandergreifen beider Mo⸗ mente die größere oder geringere Schwierigkeit oder Leichtig⸗ keit abhängt, ſich die Dinge zu verſchaffen. Aber nur mittelſt der freien Konkurrenz, welche für Angebot und Nachfrage den weiteſten Spielraum läßt, vermag ſich der gerechte Werthsmaaßſtab auf dieſe Weiſe im wahren In⸗ tereſſe der Geſammtheit herauszuſtellen. Denn nur durch eine ſolche Generaliſirung des Verkehrs, durch eine ſolche Zulaſſung Aller werden Forderung und Gebot der Willkür der Einzelnen, dem Druck des Monopols entrückt, und ge⸗ wiſſermaßen auf eine Geſammtſchätzung des ganzen Publikums, des producirenden wie des konſumirenden, zu⸗ rückgeführt.

Was ſchließlich die Richtigkeit, das Zutreffende der Schätzung in jedem einzelnen Falle betrifft, ſo muß, wie ſich von ſelbſt verſteht, dem ſubjektiven Urtheil, dem perſön⸗ lichen Belieben und Meinen der Betheiligten inſofern freier Spielraum zugeſtanden werden, als über das, was Jemand braucht und begehrt, was er für Befriedigung ſeines Be⸗ gehrs aufwenden will, und was er dazu für geeignet hält, nur er allein Richter iſt, als es alſo bei der Werthſchätzung ſtets auf ein Meinen und Glauben der Parteien ankommt. Die Gründe eines hierauf bezüglichen Urtheils können ſehr ſchwach, ja geradezu falſch ſein, verkehrte Gelüſte, verwerf⸗ liche Leidenſchaften, grober Irrthum können ſich beſtimmend einmiſchen genug, man ſchätzt nun einmal die Sache oder den Dienſt ſo und nicht anders, und muß die Folgen tragen, wenn man ein ſchlechtes Geſchäft macht und dabei zu Scha den kommt. Unwiſſenheit, Eitelkeit, Liebhabereien und Neigungen üben ſolchergeſtalt unleugbar ihren Theil Einfluß auf die Werthsbeſtimmung, und das Intereſſe derer, die mit uns in Verkehr treten und aus ſolchen unſer Urtheil

trübenden Einflüſſen Vortheil ziehen, ſucht unſere Schwäche

hinwiederum der Käufer in ſeinem Intereſſe ſtets den mög⸗

lichſt niedrigen Preis zu bieten geneigt iſt, hindert ihn wiederum die Konkurrenz, zu weit zu gehn, weil ſonſt ein anderer Lieb⸗ haber ihm die Sache vorweg kauft. So wird denn der Werth weſentlich einerſeits von dem Maaße beſtimmt, in welchem die geſuchten Sachen oder Dienſte vorhanden, oder zu haben ſind dem Angebot derſelben andrerſeits

mittelſt Betrugs, das heißt durch Erregung oder Verſtär⸗ kung von Irrthümern, noch mehr auszubeuten. Im Allge⸗ meinen läßt ſich daher nur ſoviel behaupten, daß die Werth⸗ ſchätzung ſich um ſo mehr der Wahrheit und abſoluten Gerechtigkeit nähert, als die Menſchen klüger und beſſer werden, in intellektueller und ſittlicher Entwickelung mehr und mehr vorſchreiten.

Aus dem Weltleben.

Fröhlich gährt der ſtolze 1857 er in den Fäſſern! Lebten wir noch in der naiven Zeit unſerer Väter, ſo beſängen's unſere Poeten in übermüthigen Liedern. Aber die ſchönen Zeiten leicht⸗ ſinniger Poetenwirthſchaft und harmloſen Behagens an ihrem Treiben iſt verſunken in den grauen Dampfwolken der Lokomo⸗ tiven, erſtickt im dichtgeflochtenen Telegraphennetze. Wir ſind alt und nüchtern geworden. Da gährt nun lebhafter als der Wein in den Fäſſern Angſt und Schrecken über die gewaltige Finanzkriſis der geſammten Kulturwelt. Es gibt keine Wein⸗ lieder des fröhlichen Herbſtes, ſondern nur trockne telegraphiſche Depeſchen: Markt flau, X Y Z fallirt, der Bank Zahlung ein⸗ geſtellt, Peels Banknote ſuspendirt, Diskonto erhöht, Depoſiten gekündigt u. ſ. w. Wenn man es ſo ruhig hin lieſt, ohne un⸗ mittelbar dabei betheiligt zu ſein, klingts ſo ziemlich geſchäfts⸗ mäßig, und kaum mehr. Auch wenn man das momentane Un⸗

glück ſich vorſtellt, welches daran hängt, hilft ſich Mancher mit wohlweiſem Selbſtgefühle:Habe ich es nicht immer geſagt, daß der Börſenſchwindel ſo enden müſſe? Ganz recht, der Schwin⸗ del. Aber der Schwindel iſt nicht der Weltverkehr, und nicht der Schwindel, ſondern der Weltverkehr, das Verſchwinden von Zeit und Raum iſt es, was das vielfache vereinzelte Unglück zu⸗ ſammenhäuft zur allgemeinen, überall gleichzeitigen, unge⸗ heueren Calamität. Dächte Jeder philiſterhaft genug, all die ungeheuern Verkehrsinſtitutionen, welche unſere Generation ge⸗ ſchaffen hat, abzuweiſen von ſeinem Geſchäftsleben wo wäre dann die Gegenwart entſtanden, auf die wir doch ſonſt wenig⸗ ſtens in materieller Hinſicht ſo ſtolz ſind? Und liegt nicht in ihren Geſtaltungen ſelber das Heilmittel der hereingebrochenen Kriſis? CEhe wir noch Telegraphen, Eiſenbahnen u. ſ. w. hatten, da war ſolche Calamität nicht bloß ein plötzlicher Nothſtand in jenen Ge⸗