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ſein, trotzdem daß ſich Goethe hier vom„Geiſte des Alter⸗ thums“ umweht fühlte und Herr von Dietrich den Fremden liberaler Weiſe ſeinen Park zur Dispoſition geſtellt. Aller⸗ dings ſteht am Eingange, man ſei höflich gebeten, ſich nicht im Garten niederzulaſſen, aber deſſen bedarf's auch nicht, da man vom Durchwandern befriedigt iſt. Den Glanzpunkt der langgeſtreckten, blumenreichen Anlage bildet die Stelle vor dem leichten gußeiſernen Brückchen; unten durch fällt das Auge auf friſche Wieſen, auf denen ein ſtolzes Füllen ſeinen Jugendeſeleien nachgeht, drüber weg auf die Waſenburg, bei der— beiläufig geſagt eine Inſchrift auf früheres Da ſein eines Merkurtempels hindeutet: das ganze freundliche Bildchen von den Tannen des Vordergrundes reizend um rahmt. Zum hintern Thore hinaustretend, gelangen wir unter die Akazien der Promenaden und aus dieſen wieder in's Städtchen und haben nun die Wahl, entweder einen
Herr zu Lichtenberg“ ſchon im Jahre 827 das Oertlein, und er hatte Recht. Liegt es doch allerliebſt am Fuße des Lieb⸗ frauenberges, von dem zwar nie die weltberühmte Feuer⸗, wohl aber die Milch der frommen Denkart einſt herabfloß, und zwar aus dem Kirchlein Notre-dame- du-Chéne, das jetzt ſammt dem ganzen Berge unſerm Liebig, dem Herrn Bouſſingault gehört.
Die Asphaltgruben von Lobſann und Pechelbrunn, deren Erdpech vor Zeiten Rheumatismen und Geſchwüre ganz un fehlbar heilte, zur Linken laſſend, gelangen wir durch Wald und Feld, über Berg und Thal an zahlreichen Ortſchaften und Ochſengeſpannen vorüber nach Sulz unter'm Walde (Soultz-sous-Foréôts), mit deſſen drittehalb Grad halten- der Soole leider nichts anzufangen iſt. Um ein ſchneeweißes, in Wahrheit höchſt unſchuldiges Kirchlein, drängen ſich, den heißen Weinbergen rings entflohen, möglichſt tief in's ſchat⸗
„ Lichtenberg
9⁹ Abſtech mit deſ Burgen Alt⸗ undeNeuwinſtein(ſ. d. Abbild.) zu machen, wo Soult 1793 ſeine Sporen verdiente, oder unſre Nundreiſe unmittelbar fortzuſetzen. Ich denke, wir thun, da Zeit Geld iſt, aus Sparſamkeit das Letztere.
Auf alſo, über das eiſenſchmelzen Reichshofen, das durch ſeine elegante Kirche, wie durch Schloß und Parkan lagen eines Herrn de Buſſierre ein vornehmes Anſehen ge winnt, gen Weißenburg. Von dem dunkeln Grün des Wal⸗ des ſtechen die Bauern, die uns— was weiß ich warum?
im Sontagsſtaate begegnen: rothe Weſte mit einer Armee blinkender Meſſingknöpfe unter dunklem Wams, auf dem Kopfe den breitkrämpigen Dreimaſter, lebhaft genug ab. Weiter, über die Höhen von Fröſchweiler, den Hügel hinab nach Wörth an’der Sauer. Laut der Inſchrift eines in die Mairie eingemauerten Steines von 1580 gründete„Konrad,
as induſtrielle und doch romantiſche Jägerthal!
tige Laub die ſchlichten Häuſer mit verſchoſſen rothen Mützen; ihrem haſtigen Treiben ſchaut das langweilig hingeſtreckte, großentheils kahlköpfige Gebirge wie gähnend zu, und ich wüßte nicht, was uns hindern könnte, ſofort auf den Bahn⸗ hof zu eilen, um den von Hagenau kommenden Zug zur Weiterreiſe nach Weißenburg zu benutzen. Ein wahrer „Knab' vom Berge“ blinkt von der Höhe rechts das Dorf Hohweiler auf den vorbeiſchnaubenden Maſchinengaul, und wie er ſo durch das geſegnete Land dahinrennt, bald hoch über Dämme, bald zwiſchen einengenden Seitenwällen durch, erſcheinen und verſchwinden in raſcher Folge immer neue, durchweg niedliche Bilder— nicht anders, als ſtände man vor einem Stereoſkop, in das eine fremde Hand unaufhör lich andere Platten einſchöbe. Und welch' eine Luſt iſt's heuer, den Weizen ſo golden, die Wieſen ſo üppig, alle Bäume ſo beladen, alle Geſichter ſo lachend froh zu ſehn! Betrach⸗


