647
ſten und unentbehrlichſten Dinge, die es giebt, gehört das Waſſer, da es eines der dringendſten Bedürfniſſe, den Durſt, befriedigt und auch ſonſt zu einer Menge höchſt nothwendiger Verrichtungen gebraucht wird. Dennoch hat es Jeder in dem Quell an ſeiner Wohnung umſonſt und be⸗ zahlt an Niemanden etwas, wenn er daraus ſchöpft. Nun kann es aber in der Nähe meiner Wohnung daran fehlen und der Quell, der mir meinen Bedarf liefert, eine Viertel⸗ ſtunde und weiter entfernt ſein. Da das Bedürfniß keinen Aufſchub verträgt, muß ich jeden Morgen den Weg machen, mich für den Tag zu verſorgen. Wie ſteht es nun?— Das Waſſer hat ſeine Nutzbarkeit, ſeine Eigenſchaft den Durſt zu löſchen u. ſ. w., von der Natur erhalten und behält dieſelbe gleichmäßig, der Quell mag nahe oder entfernt von menſch⸗ lichen Wohnungen fließen. Allein damit dieſe Eigenſchaft in Bezug auf beſtimmte Perſonen Anwendung finden könne, muß das Waſſer im Augenblicke des Bedürfniſſes zur Hand ſein. Zur Befriedigung des fraglichen Bedürfniſſes gehören alſo zwei Momente: 1) daß das Waſſer trinkbar, und 2) daß es dem Durſtenden zur Hand ſei. Das erſte Mo⸗ ment gewährt die Natur allein, ohne menſchliches Zuthun, das zweite entweder die Natur(wenn ich den Quell in meiner Nähe habe) oder die Arbeit eines Menſchen(wenn das Waſſer geholt werden muß). Nur im letztern Falle kann von einem Werthe die Rede ſein, und zwar ſobald ich mir das tägliche Waſſerholen ſparen will und es mir von einem Andern verrichten laſſe, der nun einen Gegendienſt, einen Lohn für ſich fordert. Alſo nicht im Waſſer und deſſen Nützlichkeit, ſondern in der auf deſſen Herbeiſchaffung gewendeten Arbeit ſteckt der Werth, wie man leicht daraus erſieht, daß derſelbe mit der größern Entfernung des Waſ⸗ ſers, das heißt mit der mindern oder mehreren Mühe ſeiner Herbeiholung wächſt. Und ſo verhält es ſich mit allen nur denkbaren Gegenſtänden, auch den koſtbarſten und ſeltenſten. Denn Koſtbarkeit und Seltenheit ſind keine den Sachen an ſich inwohnende Eigenſchaften(wie Schwere, Härte ec.), ſondern drücken nur gewiſſe Beziehungen zum Begehr und Verkehr aus, und beſagen im Grunde nichts Anderes, als daß dergleichen Dinge nur mit großer Mühe herzuſtellen oder aufzufinden ſind, und daß ſie eben der darauf zu wen⸗ denden größeren Arbeit halber auch einen größeren Werth haben. Ein Diamant, eine gediegene Silberſtufe ſind ihrer Seltenheit halber äußerſt ſchwierig aufzufinden, und weil das Nachſuchen darnach viel Zeit, Mühe und Koſten verurſacht, und nur deßhalb, haben ſie großen Werth. Allerdings wünſcht man den Diamanten haupt⸗ ſächlich ſeiner Härte, ſeiner Strahlenbrechung halber. Allein dieſe Eigenſchaften ſind, weil ſie ihm die Natur verleiht, unentgeltlich, und fände man ihn, gleich dem Kieſel, in jedem Bache, ſo würde Niemand etwas dafür bezahlen, obſchon ſeine Eigenſchaften dieſelben blieben. So aber ſichert ihm ſeine Seltenheit, die Schwierigkeit ſeiner Herbeiſchaffung ſeinen Werth. Freilich hört man in der Sprache des ge⸗ meinen Lebens in allen ſolchen Fällen ſagen: Der Diamant, der Eimer Waſſer ꝛc. koſtet ſo und ſo viel, als ob der Werth im Stoffe läge. Ja, um ſich aus der Verlegenheit zu hel⸗ fen, hat man ſogar zur Aufſtellung zweier Arten von Werth, eines Tauſch⸗ und Nutz⸗Werthes, ſeine Zuflucht ge⸗ nommen, die unter ſich verſchieden ſein ſollen, womit man eigentlich den in der ganzen Begriffsbeſtimmung liegenden Fehler zugeſteht..
Auch ſchon die tägliche Erfahrung von den Werths⸗ ſchwankungen der meiſten Gegenſtände ſteht mit der von uns bekämpften Auffaſſung in Widerſpruch. Denn ſtäke
der Werth in den Dingen, in deren innern Eigenſchaften und Nützlichkeit, ſo müßte er, bei der Beſtändigkeit dieſer Eigenſchaften, auch ſeinerſeits immer derſelbe bleiben. So aber ſteigt und fällt er bei einer und derſelben Sache zu verſchiedenen Zeiten und unter verſchiedenen Umſtänden. Man nehme z. B. eine gewöhnliche Semmel, die in der Regel wenige Pfennige koſtet, bei einer Hungersnoth aber, in einer belagerten Stadt, bisweilen mit Gold aufgewogen werden kann. Aus dem Stoff des Gebäcks, aus ſeiner Nutz⸗ barkeit kann dies niemals erklärt werden, denn darin hat ſich Nichts geändert. Die Beſtandtheile der Semmel, ihre Nährkraft, vermöge deren ſie den Hunger ſtillt, ſind ſich in beiden Fällen gleich geblieben, und doch iſt der Werth ein ungeheuer verſchiedener. Die ganze Differenz, die wir ganz ungezwungen auf den mindern oder höhern Grad der Schwie⸗ rigkeit zurückführen, das erwähnte Nahrungsmittel zu be⸗ ſchaffen, bleibt ſomit auf jenem Wege ein ungelöſ'tes Problem.
In der Arbeit alſo, der Anſtrengung des Menſchen, welche erforderlich iſt, um einen nutzbaren Gegenſtand zu unſrer Verfügung zu ſtellen, oder uns einen an ſich nützlichen Dienſt zu erweiſen, ſteckt einzig und allein der Werth. So viel dürfen wir durch die beigebrachten Beiſpiele als aus⸗ gemacht anſehen, und wenn wir der Koſten dabei gedachten, ſo gehören dieſe in allen Fällen ſelbſt zur Arbeit. Denn, wie wir früher andeuteten, und ſpäter ausführlicher dar⸗ zuthun haben, iſt das bei einer Arbeit zur Verwendung kommende Kapital ſtets die Frucht früherer Arbeit, und alle Auslagen löſen ſich am letzten Ende wiederum in Ar⸗ beitslöhne auf, ſo daß der aufgeſtellte Satz in ſeinem vollen Umfange zur Geltung kommt.
Indeſſen iſt hiermit die Frage noch nicht gelöſ't. Denn bekanntlich vereinigt der Tauſch zwei Arbeitsakte, Leiſtung und Gegenleiſtung, deren beide Faktoren, die Parteien im Geſchäft, ein entgegengeſetztes Intereſſe an der Schätzung haben. Denn ſtets wird K für ſeine Sache oder ſeinen Dienſt ſo viel wie möglich haben, und B ſo wenig als mög— lich dafür geben wollen, mit andern Worten: Jeder wird die Arbeit des Andern in der gegenſeitigen Leiſtung ſo niedrig als möglich, die in der eignen ſo hoch als möglich ſchätzen. Was entſcheidet nun zwiſchen ihnen, worin liegt der ſchließ⸗ liche Einigungspunkt?— Sind es die Anſtrengung, der Aufwand, welche jede dieſer Leiſtungen dem koſtet, der ſie gewährt? Kann z. B. A ſagen: das, was ich dir gewähre, koſtet mich drei Tage meiner Arbeit, und du mußt mir nun ebenfalls die Frucht von drei Tagen der deinigen dafür ge⸗ ben?— Dem widerſpricht ſchon der oben von uns ausein⸗ andergeſetzte Zweck der Arbeit und des Tauſches, die Be⸗ friedigung von Bedürfniſſen. Natürlich kann es dabei nicht auf das mehrere oder mindere Beſchäftigtſein eines Menſchen ankommen, ſondern auf das, was er dadurch ſchafft; nicht auf den Akt, ſondern auf das Reſultat der Arbeit, weil nicht die Bemühung des Andern, ſondern deren Produkt übertragbar und geeignet iſt, Bedürfniſſe zu befriedigen. Wie ſehr ſich auch der Bäcker plagt, wenn ihm ſein Teig verunglückt, ehe das Brod daraus fertig iſt, ſo wird Nie⸗ mand von ſeiner Arbeit ſatt, und Niemand wird ihm die gehabte Mühe bezahlen. So kann ein ungeſchickter Arbeiter acht Tage zur Fertigung eines Stücks brauchen, welches ein geſchickter in zwei Tagen vollendet; wird Jemand geneigt ſein, ihm dafür nun ebenfalls die Frucht von acht Tagen ſeiner eignen Arbeitszeit zur Verfügung zu ſtellen?— Ge⸗ wiß nicht. Ferner: einige Arbeiten ſind ſchwierig, andere leicht; zu einigen gehört die Anlage eines großen Capitals (das Aufopfern der Früchte vieler frühern Arbeit), zu an⸗


