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Volkswirthſchaftliche Skizzen.
Von H. Schulze⸗Delitzſch. IX. Der Werth.
Wie wir ſahen, war das Eigenintereſſe das Motiv zum Tauſch, vermöge deſſen wir, um an Mühe und Koſten bei Befriedigung unſerer Bedürfniſſe zu ſparen, uns die Leiſtungen Anderer, die Produkte fremden Fleißes, zu dieſem Behufe zu verſchaffen ſuchen. Da nun, wie wir weiter zeigten, in der Regel Niemandem fremde Sachen oder Dienſte
dargeboten werden, ohne daß er eigne dafür giebt— und
in dieſer Gegenſeitigkeit der Leiſtungen beſtand ja eben der Tauſch— ſo tritt nothwendig in jedem ſolchen Falle eine Berechnung bei den tauſchenden Parteien ein, eine Ver⸗ anſchlagung deſſen, was von ihnen gefordert wird, gegen das, was ſie dafür erhalten, und nur dann werden ſie ſich
erſt die fertigen Hemden erhalte.
zum Tauſche entſchließen, wenn jede von ihnen bei dieſer
Vergleichung findet: daß das, was ſie der andern geben oder leiſten ſoll, ihr weniger Mühe und Koſten verurſacht, als die Herſtellung deſſen, was ſie dafür bekommt. Das durch die zu ſolchem Zweck angeſtellte Vergleichung gefundene Ver⸗ hältniß der auszutauſchenden Sachen oder Dienſte iſt deren Werth.
Hiernach iſt der Werth nicht etwas den Dingen oder Handlungen an ſich Anklebendes, keine Eigenſchaft, ſon⸗ dern nur eine Beziehung derſelben zu der, welche einzig und allein bei ihrem Austauſche hervortritt.„Ohne Tauſch kein Werth“, das iſt die unbeſtreitbare Wahr⸗ heit, die wir hierbei feſt zu halten haben, und nur gegen⸗ ſeitige Leiſtungen ſind es, die uns zum Begriff des Werthes verhelfen. wir an die Löſung der wichtigen Frage gehen, welche ſo viele Mißverſtändniſſe hervorgerufen hat:„worin der Werth, oder genauer der Vergleichungspunkt der gegenſeitigen Leiſtungen eigentlich liegt.“
Nur mit dieſer Vorausſetzung dürfen
Daß er nicht in der Stofflichkeit, der Dauerbar⸗
keit liegen könne, worin ihn Einige ſuchen wollen, iſt dem⸗ nach klar. Schon der eine Umſtand muß dagegen erhebliche Bedenken erregen, daß alsdann nur Sachgüter Werth hät⸗ ten, und daß eine Menge von Handlungen, welche nicht in Produktion eines ſolchen ausliefen und oft die wichtigſten Dienſte einſchließen, welche Menſchen einander leiſten können, werthlos wären; man nehme nur die Thätigkeit des Arztes, Lehrers, Schriftſtellers, Advokaten, Beamten u. a. Frei⸗ lich ſind vielleicht in den meiſten Fällen Sachgüter die Mittel zur Befriedigung unſerer Bedürfniſſe. Dennoch liegt auch in ſolchen Fällen nicht in dem Dinge an ſich, ſondern in deſſen Lieferung an den Konſumenten der Werth. Denn die Bedürfniſſe zu befriedigen, müſſen die Dinge dem, der das Bedürfniß fühlt, im rechten Augenblicke zur Hand ſein. Nur der Umſtand alſo, daß eine Waare dem Begehrenden zur Verfügung geſtellt wird, oder doch jederzeit geſtellt wer⸗ den kann, giebt ihr Werth, den ſie ohnedies und an ſich,
wenn ſie ſich an einem Orte befindet, wo ſich Niemand ihrer
bedienen kann oder mag, nicht beſitzt, wie z. B. die koſtbarſten Erze in den unaufgeſchloſſenen Tiefen der Erde, die edelſten Früchte in den menſchenleeren Einöden der Tropenwälder, und überhaupt Alles, was ſich nicht im menſchlichen Verkehr befindet. In allen Fällen iſt alſo die Thätigkeit eines Men⸗ ſchen im Spiel, durch welche dem Bedürfniſſe eines Andern
abgeholfen, d. h. dieſem ein Dienſt geleiſtet wird, wenn von Beiſpiel wird dies anſchaulich machen.
einem Werthe die Rede ſein ſoll, und ſämmtliche Sachgüter,
die man uns zur Verfügung ſtellt, löſen ſich, genau beſehn, ſtets in eine Reihe ſolcher Dienſtleiſtungen auf, ſowie das dafür gezahlte Aequivalent ſeinem letzten Grunde nach in Arbeitslohn. Nehmen wir einen Gegenſtand des allgemein⸗ ſten Bedarfs, ein Dutzend Hemden. Um ſie mir zu ſchaffen, kann ich einen doppelten Weg einſchlagen. Einmal kaufe ich mir den Flachs vom Ackerbauer, und gebe ihn an die Spinnerin, welche mir das Garn daraus liefert. Dieſes ſchaffe ich wieder zum Leinweber, und die gefertigte Leinwand auf die Bleiche, worauf ich die Nähterin beſtelle und nun Alle dieſe Perſonen, die mir die erwähnten Dienſte verrichten, muß ich bezahlen. Worin liegt nun der Werth der Hemden, des Schlußpro⸗ dukts aller ihrer Leiſtungen? Offenbar in der Geſammtheit der zu ihrer Herſtellung und Lieferung an mich erforderlichen Leiſtungen, welche das Maaß meiner Gegenleiſtung— den für eine jede von mir zu gewährenden Lohn— beſtimmen, und im Grunde habe ich nichts als Arbeitslöhne und keines⸗ wegs die Hemden bezahlt. Wie aber, wenn ich mir ſtatt deſſen die Hemden gleich fertig kaufe? Aendert dies das eigentliche Sachverhältniß, iſt der Werth nun mit einem Male in die Hemden übergegangen, und wo ſoll der Unter⸗ ſchied liegen, der das Princip des Werths für jeden der bei⸗ den Fälle ändert? Der Verkäufer der fertigen Waare hat doch ebenfalls die erforderlichen Arbeiten beſtellen und bezah⸗ len müſſen, und wenn derſelbe noch Etwas über ſeine Aus⸗ lagen am Preiſe aufſchlägt, ſo iſt dieſes Mehr wiederum nur die Belohnung ſeiner dem Käufer geleiſteten Dienſt⸗ leiſtung, indem Letzterer die Mühe der Annahme und Kon⸗ trolirung ſo vieler Arbeiter ſpart und ſogleich zu Beſriedi⸗ gung ſeines Bedürfniſſes gelangt, worauf er ſonſt noch lange hätte warten müſſen.
Eben ſo wenig zutreffend iſt die Anſicht derer, welche den Werth in die Nützlichkeit der Dinge ſetzen, das heißt in diejenige Eigenſchaft derſelben, vermöge deren ſie uns zur Befriedigung von Bedürfniſſen dienen. Hier müſſen wir uns vor Allem auf das von uns früher Angeführte be⸗ ziehen, wornach es zwei Faktoren aller und jeder Nutzbarkeit giebt, einen unentgeltlichen: die Naturkraft, einen entgeltlichen: die Arbeit. Daß die uns der Natur gebotene Nutzbarkeit unmöglich einen Werth n kann, da ſie unentgeltlich iſt, verſteht ſich hiernach von ſelbſt, und ſo gelangen wir auch von dieſer Seite dahin, den Werth ledig⸗ lich in die Arbeit zu verlegen. So iſt es z. B. ein allen Menſchen gemeinſames höchſt dringendes Bedürfniß, zu athmen. Da aber die Natur ſelbſt das Mittel zu Gebote geſtellt hat, dieſes Bedürfniß zu befriedigen, ohne daß es dazu der Vermittelung menſchlicher Arbeit bedarf, ſo hat dieſes Naturgeſchenk, die atmoſphäriſche Luft, trotz ihrer großen, unleugbaren Nutzbarkeit keinen Werth. Dies kann ſich natürlich nicht ändern, wenn beide Faktoren bei der Nützlichkeit eines Gegenſtandes zuſammenwirken, wenn alſo
die Arbeit hinzutreten muß, um eine Naturgabe völlig für
unſer Bedürfniß zuzurichten. Stets muß auch hier derjenige Theil der Nutzbarkeit, welchen die Natur gewährt, unent⸗ geltlich, alſo werthlos ſein, und nur die Mitwirkung menſchlicher Arbeit kann verwerthet werden. Folgendes Unter die nützlich⸗


