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ſpielend. Den Kopf umgibt eine reiche Fülle pechſchwarzer Haare. Die Naſe iſt plattgedrückt, ſchwammig; von der Naſenwurzel an fehlt derſelben alle Knorpelbildung. Das Schrecklichſte in dem Geſichte iſt er Mund. Sie öffnete mir denſelben und ich konnte ihn genau betrachten. Er iſt, wie bei einem Pavian, hervorſtehend, und enthält zwei Reihen von Zahnfleiſch. In der vordern obern Reihe bemerkte ich zwei kurze, hauerähnliche Zähne und in der hintern wohl aus⸗ gewachſene Backen-, aber keine Schneidezähne, wogegen ſich in der untern Reihe einige menſchliche Zähne befanden. Die Zunge war derartig, daß ihr in der gewöhnlichen thieriſchen Geſtaltung Nichts gleicht. Sie beſtand einfach aus einer ſchwammigen Maſſe, nach allen Richtungen hin durchlöchert und ohne alle Geſtalt und Form. Die Augen ſchienen mir ſchwarz, aber mild und gefällig, ohne etwas Ungehöriges in der Höhlenbildung.
Wer und was iſt nun dies ſonderbare Naturſpiel, welches Julia Paſtrana heißt? Ich weiß es nicht. Schwerlich wird auch wohl ein Phyſiolog oder Ethnolog dies Räthſel löſen. Ueber ihre Auffindung erzählte mir Mr. Lent Folgendes:
In Amerika wohnen vom Oregon bis zum Golf von Californien und über die Diſtricte von Utah und Neu⸗Mexiko zerſtreut verſchiedene Volksſtämme der Wurzel⸗Indianer, von einander durch Geſichtsfarbe und Ausſehen verſchieden. Einige haben faſt ſo dunkle Haut, wie wirkliche Afrikaner, während andere kupferfarben oder hellgelb ſind, wie die Mulatten. Von den Negern unterſcheiden ſie ſich durch ihre Adlernaſe, ihr langes Haar und ihre wohlgeſtalteten Füße. Sie leben nackt in Höhlen und nähren ſich von Gras, Wurzeln, Baumrinden, Heuſchrecken und Wespen. Sie beſitzen eine große Menge gezähmter Thiere, als Bären, Affen, Eichhörnchen u. ſ. w., zwiſchen denen und ſich ſelbſt ſie keinen Unterſchied machen. Ihre Körpergröße beträgt 3 bis 4 Fuß, ihr Gewicht 80 bis 90 Pfund. Sie haben menſchlichen Verſtand und Sprache. Die Bezeichnung „Gräber“ findet auf alle dieſe Volksſtämme Anwendung und zwar wegen der Art und Weiſe, wie ſie ihre hauptſächlichſte Nahrung, die Wurzeln, erwerben.
Im Jahre 1830 gingen nun mehrere Wurzelgräber⸗ frauen von Copala nach einem kleinen Teich an der Seite des Berges, um zu baden. Als ſie nach Hauſe zurückkehrten, vermißten ſie eine ihrer Gefährtinnen. Alle Bemühungen, ſie wieder aufzufinden, waren vergeblich, und man hielt ſie daher für ertrunken. Sechs Jahre ſpäter hörte ein Vieh⸗ beſitzer(Ranchero), der ſeinem verlaufenen Vieh in den Bergen na te, in einer Höhle eine Stimme, die er für die eines mexikaniſchen Weibes hielt. Er ging der Stimme nach und fand die verſchwundene Frau. Sie ſagte aus, daß ſie ſich damals verirrt habe und auf die Höhen der Berge gerathen, dort einem andern Wurzelgräber⸗Manne in die Hände gefallen ſei, der ſie in einer Höhle gefangen ge⸗ halten habe. Der Platz jedoch, an dem ſie gefunden, war Hunderte von Meilen von jeder menſchlichen Wohnung ent⸗
fernt und in einer Gegend, wo es von Affen, Bären und Pavianen wimmelte. Sie ſäugte damals ein zweijähriges
Kind. Daſſelbe wurde Julia Paſtrana getauft und mit der Frau nach San Ulloa, einer ſpaniſchen Niederlaſſung ge⸗
bracht, wo die Frau ſtarb, ohne über den Urſprung des Kin⸗ des Aufſchluß gegeben zu haben. Nach dem Tode der Frau blieb das Kind in der Familie des Pedro Sanchez, des Gou⸗ verneurs von San Ulloa, wo es die ſpaniſche Sprache fließend ſprechen, ferner Waſchen, Nähen, Kochen und alle gewöhnlichen Dienſtleiſtungen erlernte. Mit ungefähr 3 Jahren wurde ſie veranlaßt, von Mexiko nach den Vereinsſtaaten zu reiſen, um ſich für Geld ſehen zu laſſen. Allein Diejenigen, welche ſie zu dieſem Schritt bewogen hatten, behandelten ſie ſo ſchlecht, daß ſie den Schutz des Mr. Lent, ihres jetzigen Begleiters nachſuchte, mit dem ſie nach Durchreiſung der beiden Canada im Laufe dieſes Sommers in England ankam.
Was an dieſer Geſchichte Wahres iſt, muß man natür⸗ lich dahin geſtellt ſein laſſen. Die Paſtrana würde darnach ungefähr 23 Jahr alt ſein. Die naturforſchende Geſellſchaft zu Boſton ſtellte über ihre Abſtammung und Race folgendes Zeugniß aus:
Boſton, 21. September 1857.
Das Ausſehen und die anatomiſche Bildung, der ano⸗ male Haarwuchs auf dem Körper zeigen hinlänglich, daß Julia Paſtrana zu einem der indianiſchen Stämme gehört, welche, wie man annimmt, von aſiatiſchem Urſprunge ſind. Sie iſt eine wirkliche Frau, und verrichtet als ſolche alle Funktionen ihres Geſchlechts. Ihr Haar iſt ſehr glatt, nur an einzelnen Theilen cylindriſch, und beweiſt, daß ſie keine Miſchung von Negerblut in ſich hat. In ihrer Charakter⸗ bildung und Lebensart iſt ſie vollkommen menſchlich.
Samuel Kneeland, J. R.
Excurator der vergleichenden Anatomie der naturhiſt. Geſellſchaft in Boſton.
Auch Profeſſor Dr. Brainerd zu Cleveland war, nach der mikroskopiſchen Unterſuchung des Haares der Paſtrana, der Meinung, daß ſie keine Spur von Negerblut beſitze, ſon⸗ dern daß ihre andern Eigenthümlichkeiten, das Haar auf ihrem Körper, ſeine Länge und Structur, die Form des Mundes und der Naſe, die Größe ihrer Glieder und die eigenthümliche Beſchaffenheit ihrer Brüſte ſie zu dem Range einer beſondern Species berechtigen. 4
In England iſt über Julia Paſtrana eine andere Anſicht aufgeſtellt worden. Lord Monboddo behauptet bekanntlich, daß die Menſchen von einer Affen⸗Species herſtammten. Der Schwanz ſei allmählig in Folge der Reibung verſchwun⸗ den, aus ähnlichen Urſachen ſei das Haar beſeitigt und die anfangs aus unartikulirten Lauten beſtehende Sprache all⸗ mählig nach Maßgabe des Bedürfniſſes und der Fähigkeiten zu einer artikulirten ausgebildet. Linné, Buffon und Hel⸗ vetius ſtellten ähnliche Theorien des menſchlichen Urſprungs auf. An dieſe Anſichten anknüpfend, ſehen engliſche Ge⸗ lehrte und Naturforſcher Julia Paſtrana als Beleg zu Lord Monboddo's Theorie an. Jedenfalls, mag man ſie nun für eine beſondere Species halten, oder ihre Abſtammung von einem indianiſchen Volksſtamme herleiten, oder mag man der Affentheorie Linné's, Buffon's und des Lords Monboddo huldigen, iſt ſie eines der merkwürdigſten Weſen, welche jemals gezeigt worden ſind, und übertrifft Tom Pouce, die Azteken und die ſiameſiſchen Zwillinge.


