Jahrgang 
1857
Seite
644
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neuen Tänzerin. Sie haben einen Geſang nach der Melodie und dem Inhalt des Liedeso Pepita einſtudirt, und wollen ſie mit dieſem Geſange und einer ſelbſt componirten Muſik empfangen. Geſang und Muſik ſind äußerſt komiſch. Eine verſchleierte Dame erſcheint und geht über die Bühne. Der Enthuſiasmus der Herren, welche der Meinung ſind, daß es die Tänzerin ſei, macht ſich in der lächerlichſten Weiſe Luft. Meier überſendet durch den Hausknecht des Gaſthofes der Tänzerin einen Liebesbrief, in dem er um ein Rendezvous bittet. Der Hausknecht übergiebt es dem bis jetzt nur er⸗ ſchienenen Kammermädchen, welche ehemals Schauſpielerin in Treuenbrietzen war und Heldinnen und erſte Liebhaberin⸗ nen ſpielte, auch er war dort Jünger der dramatiſchen Kunſt, es erfolgt eine lächerliche Erkennungsſcene, und Beide be⸗ ſprechen eine Intrigue gegen die Kunſtenthuſiaſten, denen das Kammermädchen, welche Alle im Dunkel des Abends für ihre Herrin halten, ſämmtlich ein Rendezvous um halb Neun im Garten verſpricht. Meier beſonders iſt überſelig, Alle erſcheinen pünktlich, Meier vertritt ihnen Allen mit der Ar⸗ roganz ſeines Doppelgängers in dem StückePepita, mein Name iſt Meier, den Weg und ſtürzt in die Laube, wo das Rendezvous ſtatt haben ſoll, fährt indeß mit Entſetzen und einem Geſchrei des Schreckens zurück und die ächte Julia Paſtrana tritt aus der Laube auf die Bühne.

Bis hierher war das Stück unter Beifall und Gelächter über die wirklich komiſchen Scenen fortgeſpielt; nun erfolgte ein ſtaunendes Schweigen. Die Ueberraſchung im Saale war eben ſo groß, wie auf der Bühne das Entſetzen des von ſeinem Enthuſiasmus curirten Meier. Ein weibliches Weſen in langem, weißſeidenem, goldgeſticktem Kleide, Hals und Arme entblöſt, weiße Glacéehandſchuhe an den Händen, den Kopf mit Blumen und bunten Bändern geſchmückt, un⸗ gefähr vier ein halb Fuß hoch, trat langſam vor bis an die Lampen. Der Rumpf und die Glieder waren ganz eben⸗ mäßig geformt, die Bruſt voll und wohl entwickelt, aber auf dem ſogar hübſch gebauten Halſe ſaß ein Kopf, auf den das⸗ ſelbe anzuwenden, iſt, was Doctor Johnſon von der Ortho⸗ doxie eines Portraitmalers ſagte, der, indem er ſeinen Freund malte, dem zweiten Gebote ſo ſehr Folge geleiſtet hatte, daß er von dem, was im Himmel, auf der Erde und unter der Erde war, kein Abbild gemacht hatte. Dieſer Kopf gleicht, wie die Morning News vom 2. Juli 1857 ſehr richtig ſagen, dem Kopfe keines weiblichen Weſens der Schöpfung. Es war weder der Kopf einer Negerin, noch einer Weißen, noch eines Orang⸗Utang, noch einer Chineſin, noch eines Flußpferdes, noch eines Laskar; und doch hatte er einige der charakteriſtiſchen Züge aller dieſer Gattungen nebſt noch andern, welche mit keinem Geſetz phy⸗ ſiſcher Geſtaltung zuſammengereimt werden können. Ein Kopf iſt es unzweifelhaft, aber dieſer Kopf iſt ſtatt in eine dünne Kopfhaut eingeſchloſſen zu ſein ganz und gar von einem faſt zolldicken Fleiſche umgeben und mit langen, ſchwarzen Haaren bedeckt. Die Stirn war abſchüſſig ge⸗ baut, die Augenlider dick und ſchwer und von jenem trüben, aufgedunſenen Ausſehen, welches die Augen des Nilpferdes haben, die Naſe breit, die Kinnbacken hervorſtehend, wie die des Pavian, die untere Lippe um einen Zoll über das Kinn⸗ backenbein hinausſtehend, um Kinn und Backen ein voll⸗ kommener ſchwarzer Bart. Eine beſſere Schilderung iſt von dieſem ſeltſamen Naturſpiele in Worten nicht zu geben. Auf dem Papier ein der Wirklichkeit nahekommendes Bild zu entwerfen, wird ſehr ſchwierig ſein. Das ähnlichſte Bild, welches exiſtirt, ſehen die Leſer des Feierabend hier vor ſich; es iſt nach einem im Beſitz des Führers der Paſtrana,

des Amerikaners Lent in London gemalten Originale ge⸗ zeichnet.

Dies Weſen war die Tänzerin und Sängerin Julia Paſtrana. Sie trat ganz nahe an die Lampen heran und ſang mit einer nicht unangenehmen Stimme unter Begleitung des Orcheſters ein engliſches Lied, deſſen erſter Vers alſo lautete:

Who'll have me, who'll have me as a partner for life, I address those young men who are seeking a wife, Say, say, will you have me, and Pll be to you,

A firm and sincere friend, both constant and true; Who'll have me, who'll have me, you'll never regret The choice that you made, or the day that we met;

I can sing, I can play, I can sew, I can darn,

And what I dont know, I am willing to learn.*)

Ohne irgend ein Zeichen des Beifalls hörte das ſtaunende Publikum den Geſang dieſes ſonderbaren Weſens. Nieman⸗ den gelüſtete, ſie haben zu wollen. Dann zog ſich Julia Paſtrana auf einige Augenblicke hinter die Couliſſen zurück und erſchien dann im Balletcoſtüme, gekleidet wie Fanny Elßler in der Cacucha: in kurzem, rothearrirtem Röckchen, weißſeidenen Tricots und ſcharlachrothen Stiefelchen. Sie zeigte einen Fuß, einen Knöchel und ſo ſchöne Formen des Beines, daß manche der gefeiertſten Ballettänzerinnen ſie darum beneiden könnte, und tanzte, als die Muſik zum zweiten Male begann, einen Bolero mit einer ſolchen An⸗ muth und Zierlichkeit, daß lang anhaltendes Beifallklatſchen zu wiederholten Malen in dem ganzen großen Saale ertönte. Sie verbeugte ſich zierlich und gewandt, ein ſchreckliches Lächeln verzerrte ihren entſetzlichen Mund, und der Vorhang fiel vor dieſem jedenfalls höchſt originellen Schauſpiel.

Am andern Morgen beſuchte ich Miß Julia Paſtrana. Ich traf ſie in ihrem Balletcoſtüm in Geſellſchaft des Mr. Lent, ihres Führers, eines angenehmen jungen Mannes von Bildung und gutem Ton, auf einem Clavier klimpernd. Ich redete ſie engliſch an ſie ſpricht engliſch und ſpaniſch ſie ſprach ganz vernünftig, wie ein anderes zurechnungs⸗ fähiges menſchliches Weſen. Ich fragte ſie, warum ſie nicht leſen und ſchreiben könne, ſie lachte mit ihrem entſetzlichen Munde: weil ich es nicht gelernt habe, und weil dies zu lernen in Mexiko zu viel Geld koſtet. Dann zündete ſie ſich eine Papiercigarre an, klimperte einige Paſſagen auf dem Clavier und ſchäkerte mit Mr. Lent, den ſie von ſeinem Stuhle fortzog und mit ihm mir eine Polka und einen Walzer mit derſelben Anmuth, wie am Abend vorher den Bolero vortanzte. Ich muß geſtehen, ſie war in ihrem Weſen und in ihren Manieren ſogar angenehm mädchen⸗ haft, wenn ſie mir auch ohne eigentliche Erziehung erſchien,

ſo zeigte ſie ſich doch mit Verſtand und ſchneller Auffaſſung

begabt, der Abſcheu, den ich vor ihr am Abend vorher auf dem Theater empfunden hatte, verſchwand bei mir allmählig. Und doch, als ich mir nun die einzelnen Theile ihres Kopfes genauer betrachtete, mußte ich wieder an den Ausſpruch des Doctor Johnſon denken. Dieſer Kopf hat weder im Him⸗ mel, noch auf der Erde, noch unter der Erde ein Abbild; er vereinigt die charakteriſtiſchen Merkmale aller wilden Thiere, von dem Schimpanſe bis zum Kilpack. Antlitz, Stirn, Ohren und Hals ſind völlig behaart, die Haut gelb, in's Bräunliche

*) Wer will mich haben zur Lebensgefährtin? Ich wende mich an jene jungen Männer, die eine Frau ſuchen. Sage, willſt Du mich haben als eine ſichere und aufrichtige Freundin? Du wirſt die Wahl nicht be⸗ reuen, die Du getroffen, noch den Tag, da wir uns fanden. Ich kann ſingen, ich kann ſpielen, ich kann nähen, ich kann ſticken. Und was ich nicht weiß, das kann ich lernen.

¾.