der Flügel Wieniawsky's, welcher dieſe magnetiſche An⸗ ziehungskraft ausübt? Nein, von alle Dem werden heute Abend die vergoldeten Wände des Königsſaales, wenn die tauſend Gasflammen ausgelöſcht ſind, und es ſtille und leer geworden iſt, nichts zu erzählen wiſſen, es wird einfach eine dumme Poſſe gegeben:„der curirte Meier“, ein Gelegenheits⸗ ſtück von ähnlichem Inhalt und ähnlicher Form, wie das be⸗ kannte Stück:„Pepita, mein Name iſt Meier,“ nur mit einer andern Schlußſcene, aber in dieſem Stück tritt eine mexika⸗ niſche Tänzerin und Sängerin auf, Miß Julia Paſtrana. „Das iſt die ganze Geſchichte,“ werden die Leſer des„Feier⸗ abend“ ſagen,„darum ſchlagen ſich Tauſende von vernünftigen Menſchen an einem regneriſchen Herbſtabend in Wind und Wetter vor den Thoren von Berlin, der berühmten Stadt des feinſten und modernſten Geſchmacks, der Stadt der In⸗ telligenz, um Theaterbillets herum? Dennoch iſt es ſo, und es iſt dies in Berlin nicht wun⸗ derbar. Pepita machte ſich hier auf den Brettern des Friedrich⸗Wilhelmſtädtiſchen Theaters ihren europäiſchen Ruf, Miß Lydia Thompſon errang im Kroll'ſchen Etabliſ⸗ ſement mit dem Highland Fling ihre erſten Tänzerin⸗ nen⸗Lorbeeren, die Stadt der Intelligenz iſt nun einmal piquirt auf ſchöne und elegante Tänzerinnen, und warum auch nicht? Hat doch den Highland Flingh Lydia's und den El Ole Pepita's bis jetzt keine Tänzerin nachgetanzt. Mit ſolcher Grazie, mit ſolchem Ausdruck in Miene und Be⸗ wegung, ſo national einen Na⸗ tionaltanz zu tanzen, wie Miß Lydia und Sennora Pepita, iſt weit eher eine Leiſtung der Kunſt zu nennen, als alle künſtlichen Pirouetten Maria Taglioni's in einer Charak⸗ terrolle, bei deren Durchfüh⸗ rung man die techniſche Fuß⸗ und Beinfertigkeit, aber keinen Charakter bewundern kann. Alſo Miß Julia Paſtrana, eine mexikaniſche Tänzerin und Sängerin tritt heute Abend auf. Dem Auftreten der Dame waren wunder⸗ bare Gerüchte vorher gegangen, welche die Preſſe nur in wenigen Zügen wiedergegeben hatte. Die Kritiken engliſcher und amerikaniſcher Zeitungen,— denn Miß Julia hatte ſich im Laufe des vergangenen Sommers auf den Bühnen Englands und Nordamerikas producirt,— waren nicht bis hierher ge⸗ drungen. Durch ihre Schönheit ſollte die neue Tänzerin nicht excelliren— aber ich will der Entwickelung des Stücks„der curirte Meier“ nicht vorgreifen, und den Leſern des„Feierabend“ nicht die Ueberraſchung verderben. Laſſen wir die verzweifelten Schaaren Unglücklicher, welche kein Billet bekommen haben, vor der Thür in Regen und Wind, ich habe mich vorſichtiger Weiſe ſchon am Tage vorher mit
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Miß Julia Paſtrana.
einem Billet zu einem numerirten Sitze verſehen, und ſteigen wir die breite Eingangstreppe, welche zu dem vor den Sälen liegenden Corridor führt, hinauf. Wir treten in den römiſchen Saal mit ſeinen deckenhohen, goldenen Spiegeln, an den der prächtige Speiſeſaal ſtößt, und kommen ſodann in den hohen, großen Königsſaal, ſo groß, daß er mehrere Tauſende von Perſonen faßt, und ſo prächtig und geſchmack⸗ voll, wie kein Vergnügungs⸗ und Concertlocal in Europa wohl einen zweiten aufzuweiſen hat. Die ſechs großen, ganz vergoldeten Kronleuchter und die Hunderte an den Wänden angebrachter Wand⸗ und Armleuchter ſtrahlen Ströme von Licht aus, die vergoldeten Säulen und Karyatiden, welche die Balcone tragen, die reichen Vergoldungen, mit denen die ganze Decke des Saales und die Wände überſäet ſind, re⸗ flectiren dieſe Lichtſtröme in Millionen Strahlen, weiß, grün und Gold ſind die ein— zigen Farben, welche das er⸗ ſtaunte Auge des zum erſten Male hier Eintretenden er⸗ blickt, aber das Gold ſcheint über das Weiß und Grünvoll⸗ ſtändig zu dominiren; es iſt ein wirklicher feenhafter und zauberiſcher Anblick. Alle Sitze des Saales ſind vollſtändig gefüllt und ſogar alle übrigen Räume bis zu den großen Flügelthüren ſo mit Men⸗ ſchen, welche ein zweiſtündiges Stehen auf einem Fleck dem Nichtſehen vorziehen, ſo voll⸗ gepfropft, daß ich nur mit Mühe zu meinem auf der erſten Reihe befindlichen nu⸗ merirten Platze gelangen kann. Der erſte Theil des von dem vortrefflichen Orcheſter aus⸗ geführten Concerts iſt bereits vorüber, die letzten Klänge der Ouverture zum Tannhäu⸗ ſer durchrauſchen noch den Saal, es entſteht eine Pauſe und die Introduction zu der Poſſe beginnt. Der Vorhang geht auf, Diejenigen, welche ſo glücklich ſind, wie ich, und einen Platz erlangt haben, recken die Hälſe in die Höhe und die im Gedränge Stehenden erheben ſich auf den Fuß⸗ ſpitzen, um Julia Paſtrana erſcheinen zu ſehen.
Den Inhalt der Poſſe theilte ich ſchon mit, ſie war nicht ſchlecht arrangirt. Ein jüdiſcher Banquier, der natürlich Meier heißen muß, Kunſtenthuſiaſt, aufgeblaſen und einfäl⸗ tig, mit Uhrkette und Berlocks, Tuchnadel, Lorgnette, Ringen, goldener Brille geſchmückt, mit dem unveränderlichen embonpoint des glücklichen Börſenſpeculanten, und eine Geſellſchaft junger Officiere, welche alle im Ton eines preu⸗ ßiſchen Gardelieutenants vom erſten Regiment ſprechen, Rentiers u. ſ. w. haben von der Ankunft der berühmten Tänzerin und Sängerin Miß Julia Paſtrana gehört, alle ſind Tanz- und Geſangsenthuſiaſten, im Voraus entzückt und verliebt, und erwarten mit Ungeduld die Ankunft der
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